The Lights They Fall
© Grandfilm / Vajda film

The Lights, They Fall

The Lights They Fall
„The Lights, They Fall“ // Deutschland-Start: 20. August 2026 (Kino)

Inhalt / Kritik

Ilay (Mohammed Yassin Ben Majdoubas) ist 16 und er treibt ziellos durch den Berliner Sommer, während seine Mutter Maria (Mahira Hakberdieva) zuhause im Sterben liegt. Die palliative Pflege übernimmt Ana (Flor Prieto Catemaxca), eine Krankenschwester, die selbst mit einer Suchterkrankung ringt. Ilay jobbt in einem Logistikzentrum, leistet Sozialstunden und hängt mit seinen Freunden am See ab. Damit flieht er vor allem vor der Konfrontation mit dem, was zuhause passiert. Er streift durch die Peripherie Berlins, bis er irgendwann impulsiv einen Hund stiehlt, von dem er weiß, dass er nicht gut behandelt wird. Ana versucht sich auch um ihn zu kümmern, bringt ihn zu Ärzten und Psychologinnen.  Der Film begleitet Ilay und Ana über den Sommer hinweg, bis hin zum unaufhaltbaren Ende.

Kein Feel-Good-Movie

The Lights, They Fall ist sicher kein Film für schlechte Tage. Ilays Hilflosigkeit angesichts des nahenden Verlusts ist geradezu körperlich spürbar. Das liegt zum einen an Mohammed Yassin Ben Majdouba, der als Filmdebütant mit zurückhaltendem, aber enorm präsentem Spiel überzeugt. Doch vor allem liegt es an der Inszenierung selbst. Regisseur Saša Vajda arbeitet konsequent mit statischen Einstellungen und verzichtet komplett auf externe Musik. Die Kamera bleibt stehen, und folgt seinen Figuren nur sehr selten würden. Diese Ruhe, kombiniert mit den auf 16mm gedrehten, oft schlicht schönen Bildern von Kameramann Tom Otte, wird selbst zum Sinnbild für die Apathie, in die Ilay verfällt, weil er dem drohenden Verlust nicht anders begegnen kann. Die körnige Textur des Materials passt zu den Amateurdarstellerinnen und -darstellern, mit denen Vajda arbeitet – nichts wirkt hier gestellt, alles wirkt gelebt.

Ilays Schweigen ist Programm. Es unterstreicht seine Ohnmacht. Doch die Unfähigkeit, Gefühle in Worte zu fassen, ist in diesem Film kein individuelles Problem. Auch seine Freunde wissen nicht, wie sie ihn ansprechen sollen. Ihre Gespräche kreisen um Mädchen oder verlieren sich in belangloser Wortklauberei, sobald es ernst werden könnte. Einzig Ana, die Pflegerin, versucht wirklich, zu ihm durchzudringen. Sie kümmert sich mit spürbarem Respekt um Maria, und ihre Zuneigung zu Ilay ist unübersehbar. Doch selbst zwischen den beiden bleibt die Kommunikation dünn. Bezeichnend: Der längste Satz, den Ilay im gesamten Film spricht, ist kein Geständnis und keine Öffnung, sondern ein Vorwurf. Er wirft Ana vor, sich nicht genug um seine Mutter zu kümmern. Mehr Nähe lässt der Film zwischen den beiden kaum zu.

Berliner Randgebiete

Auch der Raum, in dem sich Ilay bewegt, erzählt mit. Pfandleihhäuser, Logistikzentren, Seen am Stadtrand: Das sind keine zufälligen Schauplätze, sondern eine Topografie der Prekarität, durch die Ilay treibt, ohne je anzukommen. Vajda verzichtet dabei fast völlig auf einen klassischen Erzählbogen. Stattdessen reihen sich Alltagsszenen aneinander, die erst in ihrer Summe ein Bild ergeben – eine psychische Kartografie eines Jungen, der nicht weiß, wohin mit seiner Trauer.

Vajda knüpft damit an seinen Vorgängerfilm Jesus Egon Christus an, der 2021 in der Berlinale-Sektion Perspektive Deutsches Kino lief und ebenfalls mit Laiendarstellerinnen und -darstellern aus einem prekären Milieu arbeitete. The Lights, They Fall selbst feierte seine Weltpremiere im Februar 2026 in der Berlinale-Sektion Generation 14plus – eine bemerkenswerte Einordnung, denn Palliativpflege und Trauer sind alles andere als leichte jugendliche Kost. Die Nähe zum italienischen Neorealismus, auf die sich Vajda explizit beruft, ist unübersehbar: das reduzierte Figurenensemble, das Alltagsmilieu, der Verzicht auf große Dramatik. Man merkt dem Film an, dass hier jemand am Werk ist, der genau weiß, in welcher Tradition er sich bewegt – und der diese Tradition mit eigener Handschrift weiterschreibt.

Der Preis für diese Konsequenz ist ein gewisses Beharrungsvermögen, das der Film seinem Publikum abverlangt. Wer schnelle Schnitte und klare Wendepunkte erwartet, wird hier nicht glücklich. Wer sich aber auf das langsame Tempo einlässt, wird mit einem Film belohnt, der sein Thema nie ausspricht und trotzdem – oder gerade deshalb – fast alles sagt. Ein starker, ein ruhiger, ein kontemplativer Film.

Credits

OT: „The Lights, They Fall“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Saša Vajda
Buch: Saša Vajda
Kamera: Tom Otte
Besetzung: Mohammed Yassin Ben Majdoubas, Flor Prieto Catemaxca, Mahira Hakberdieva

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The Lights, They Fall
fazit
„The Lights, They Fall" ist ein leiser, kontemplativer Film über Trauer. Statische Bilder und beredtes Schweigen erzählen hier mehr als jeder Dialog. Kein Film für schlechte Tage – aber ein bewegendes, unaufdringliches Porträt jugendlicher Hilflosigkeit angesichts des Unfassbaren.
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