
London, 1910: Katharine Hilbery (Haley Bennett) liebt Mathematik, liebt Formeln, träumt davon, sich als Astronomin einen Namen zu machen. Doch im Großbritannien des frühen 20. Jahrhunderts hält man wenig von solchen Ambitionen. Frauen in der Wissenschaft? Gott bewahre. Nicht einmal ihr Vater (Timothy Spall) unterstützt sie bei ihren Plänen. Wenn es nach ihm geht, dann heiratet sie ihren ältesten Freund William Rodney (Jack Whitehall) und führt ein geregeltes Leben an dessen Seite. Das wiederum interessiert sie wenig, sie will lieber alle Energie investieren, um doch noch forschen zu dürfen. Da passt es gar nicht in ihr Konzept, dass sie den charmanten Editor Ralph Denham (Elyas M’Barek) kennenlernt und sich nach und nach zu ihr hingezogen fühlt …
Immer diese Gefühle
Virginia Woolf gehört ohne Zweifel zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts. Wie kaum eine andere hat sie die moderne Literatur geprägt und wurde dabei auch zu einer Ikone des Feminismus. Doch während die Werke anderer Kollegen und Kolleginnen immer wieder für die große Leinwand adaptiert werden, ist die Ausbeute bei der Britin eher mager. Da war natürlich das oscargekrönte The Hours – Von Ewigkeit zu Ewigkeit, bei dem Woolf und ihr Schlüsselwerk Mrs Dalloway eine große Rolle spielen. Um eine direkte Verfilmung handelte es sich dabei aber nicht. Jetzt kommt doch mal wieder eine solche heraus, wobei Virginia Woolf’s Night & Day auf einem Roman basiert, der zu den unbekannteren gehört und nicht wirklich typisch ist.
So handelt das 1919 veröffentlichte Buch von vier Figuren und den Komplikationen der Liebe, wenn Heiratsanträge abgelehnt werden, Gefühle unerwidert bleiben oder nicht offen ausgelebt werden. Das ist im Film auch so. Virginia Woolf’s Night & Day legt dabei jedoch einen besonderen Fokus auf Katherine, die hier die eindeutige Hauptfigur ist. Die beiden Love Interests William und Ralph sind eher ein Mittel zum Zweck. Das wird gerade bei Letzterem zu einem Problem: Den Gesetzen der Liebeskomödie folgend braucht die Protagonistin einen Mann, damit ihr Leben komplett ist. Und das wird dann eben Ralph. Nur investiert Regisseurin Tina Gharavi nicht genügend Zeit, um diese Romanze wirklich zu entwickeln. Irgendwann sind die Gefühle der Protagonistin für den ausländischen Editor da, ohne dass man genau wüsste warum.
Selbstbestimmung in einer Männerwelt
Das ist auch deshalb ein Problem, weil der Film ansonsten ein Liebeslied auf die weibliche Selbstbestimmung ist. So geht es in Virginia Woolf’s Night & Day im großen Maße darum, wie sich eine angehende Wissenschaftlerin in einem von Männern dominierten Umfeld bewegt. Wenn sie sich davon nicht unterkriegen lässt, sich nicht vorschreiben lassen will, was sie tun und lernen darf, dann hat sie sicherlich Vorbildfunktion. Und auch wenn die Geschichte vor über hundert Jahren spielt und sich in der Zwischenzeit einiges getan hat – Frauen sind in Naturwissenschaften keine Exoten mehr –, gibt es doch genügend Anknüpfungspunkte, die heute noch genauso gut funktionieren. Gerade die Thematik, wie die Gesellschaft Erwartungen pflegt, die zu erfüllen sind, bietet einiges an Identifikationsfläche.
Allzu viel Tiefgang sollte man von der Komödie jedoch nicht erwarten. Vieles hier ist plakativ geworden, man begnügt sich mit Stichworten und Allgemeinplätzen. So wichtig das Plädoyer für Selbstverwirklichung ist und eine offene Gesellschaft, ein bisschen banal ist der Film dabei schon. Ärgerlich ist zudem, wie mit Cyril Otway (Misia Butler) umgegangen wird, der als Symbol für eine wahre Liebe missbraucht wird. Davon abgesehen ist Virginia Woolf’s Night & Day aber eine nette Adaption geworden, die mit hübschen Bildern und einer namhaften Besetzung lockt. Haley Bennett (Remnick) hat dabei natürlich am meisten zu tun und gefällt mit einer Mischung aus Charme und Dickköpfigkeit. Um sie herum scharen sich eine Reihe von Kollegen und Kolleginnen, deren Figuren zwar etwas vernachlässigt werden, die aber durch ihre Schauspielkunst immer wieder kleine Glanzmomente haben.
OT: „Virginia Woolf’s Night & Day“
Land: UK, Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Tina Gharavi
Drehbuch: Justine Waddell
Vorlage: Virginia Woolf
Musik: Simon Goff
Kamera: Sebastian Edschmid
Besetzung: Haley Bennett, Elyas M’Barek, Lily Allen, Jack Whitehall, Jennifer Saunders, Timothy Spall, Misia Butler
Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.
(Anzeige)










