
So ganz weiß Julián nicht, was er davon halten soll, den ganzen Sommer in New York City zu verbringen. Schließlich kennt er dort niemanden, nicht einmal seine Großmutter, bei der er während dieser Zeit bleiben soll. Nicht wirklich zumindest. Anfangs ist sie ihm dann auch fremd, mit ihren Geschichten und Einstellungen. Er kann nicht viel mit ihr anfangen. Erst mit der Zeit lernen die beiden, aufeinander zuzugehen und sich einzulassen. Doch es sind auch die anderen Kinder aus der Nachbarschaft, die für ihn zu einer großen Inspiration werden. Denn sie erzählen ihm von einer Meerjungfrau-Parade, die jedes Jahr veranstaltet wird, und teilen seine Leidenschaft für Meerjungfrauen. Tatsächlich träumt der Junge davon, selbst eine zu sein und sein bisheriges Leben hinter sich zu lassen …
Der Anfang einer Gemeinschaft
Auch wenn Cartoon Saloon nie den kommerziellen Erfolg anderer Animationsstudios hatte, an Prestige mangelt es ihnen sicher nicht. So wurden die ersten vier Langfilme des irischen Studios – Das Geheimnis von Kells (2009), Die Melodie des Meeres (2014), Der Brotverdiener (2017) und Wolfwalkers (2020) – jeweils für einen Oscar als bester Animationsfilm des Jahres nominiert. Der fünfte Film Der Drache meines Vaters, 2022 bei Netflix veröffentlicht, ging da im Vergleich etwas unter – wie so viele Filme des Streamingdiensts. Vielleicht verzichtete man auch deshalb darauf, bei Julián, dem sechsten Film von Cartoon Saloon, noch einmal mit einem dieser Streaminganbieter zusammenzuarbeiten. Stattdessen kehrte man wieder zu seinen unabhängigen Wurzeln zurück.
Ob das dazu führen wird, dass der Film mehr Aufmerksamkeit bekommt, wird sich zeigen. Zu wünschen wäre es diesem. Vorlage für Julián liefert dabei das 2018 veröffentlichte Kinderbuch Julian ist eine Meerjungfrau von Jessica Love. Der Film greift die Geschichte auf, erweitert sie aber noch einmal deutlich. Schließlich umfasst das Original gerade einmal 32 Seiten, nicht genug, um damit einen ganzen Film zu füllen. Unter anderem wurde der zeitliche Rahmen erweitert, aus der nur einen Tag umfassenden Handlung wurden bei der Adaption mehrere. Die Zufallsbegegnung unterwegs – drei als Meerjungfrauen verkleidete Passagierinnen in einer U-Bahn – ist einigen Kindern gewichen, mit denen der Protagonist Freundschaft schließt. Das klingt nicht nach viel, ist aber wichtig, weil es auch darum geht, wie der Protagonist Teil einer Gemeinschaft ist.
Die bunte Suche nach Identität
Ebenfalls neu ist der Fantasy-Aspekt, der sich in einem kleinen Fabelwesen manifestiert. Ob es das unbedingt gebraucht hätte, darüber kann man sich natürlich streiten, da die eigentliche Geschichte sehr in der Realität verhaftet ist. Aber es passt doch gut zu einem Film, wo sich Vorstellung und Wirklichkeit immer wieder überlappen. In der Wahrnehmung des Protagonisten geht das alles ineinander über, wird er tatsächlich zu einer Meerjungfrau. Dennoch ist Julián weniger ein Fantasyabenteuer, sondern beschäftigt sich mit Themen, die bei einem regulären Publikum viel Identifikationsfläche bieten. So geht es gleich in mehrfacher Hinsicht um Fragen der Identität, wenn auch das kulturelle Erbe der Großmutter aufkommt, da diese aus der Karibik stammt.
Regisseurin Louise Bagnall verzichtet aber bei ihrem Langfilmdebüt darauf, das alles dann ausformulieren zu wollen. Zwar gibt es hier deutlich mehr Text als in dem Buch. Das heißt aber nicht, dass deswegen die Aussage des Films in Worte gepackt wird. Sie verlässt sich auf die Bilder. Der Animationsfilm, der 2026 auf dem Annecy Festival Weltpremiere hatte, überzeugt glücklicherweise auch in der Hinsicht. Der Stil ist ein anderer, als ihn etwa Tomm Moore in seinen Filmen hatte. Aber das farbenfrohe Werk ist mit seinen ausdrucksstarken Figuren ebenfalls ein markantes Werk. Julián ist da auch bewusst kindlich gehalten, da nicht nur die Zielgruppe etwas jünger ist, sondern wir auch die Perspektive eines Kindes einnehmen, das mit staunenden Augen durch die Welt läuft.
OT: „Julián“
Land: Irland, Luxemburg, Kanada, Dänemark
Jahr: 2026
Regie: Louise Bagnall
Drehbuch: Juliany Taveras
Vorlage: Jessica Love
Musik: La-Nai Gabriel
Animation: Cartoon Saloon
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