
Nachdem sie von ihrem Freund Johnny Lysaght (Peter McDonald) ungewollt schwanger geworden ist, macht sich die junge Irin Felicia (Elaine Cassidy) ganz allein auf den Weg nach England, um den werdenden Vater ins Bild zu setzen. Weder ihr Vater (Gerard McSorley) noch Johnnys Mutter (Brid Brennan) sind ihr eine Hilfe. In Birmingham angekommen, wo Johnny angeblich in einer Fabrik für Rasenmäher arbeitet, ist jedoch keine Spur von ihm. In ihrer Verzweiflung nimmt Felicia die Hilfe von Joe Hiditch (Bob Hoskins) an. Der ältere Herr ist ein leidenschaftlicher Koch und Leiter einer Fabrikkantine. Doch hinter dessen freundlicher Fassade tun sich familiäre Abgründe auf.
Ein Wolf im Schafspelz …
Nicht nur der Name dieses Regisseurs klingt mysteriös, auch seine Filme lassen sich nur schwer fassen. Die Rede ist von Atom Egoyan. 1960 als ältestes Kind armenischer Eltern in Kairo geboren, wuchs Egoyan in Kanada auf, wohin die Familie drei Jahre nach seiner Geburt auswanderte. Den ungewöhnlichen Vornamen wählten Egoyans Eltern, weil in Ägypten gerade der erste Atomreaktor gebaut wurde. Heute zählt Egoyan neben Denys Arcand, David Cronenberg, Jean-Marc Vallée, Sarah Polley und Xavier Dolan zu den festen Größen des kanadischen Arthouse-Kinos. Diesen Stellenwert zementierte Egoyan in den 1990er-Jahren mit drei besonderen Filmen: Exotica (1994), Das süße Jenseits (1997) und Felicia, mein Engel (1999).
Alle drei Filme liefen im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes und konkurrierten um die Goldene Palme, die Egoyan für Das süße Jenseits gewann. Zwei Oscarnominierung für Das süße Jenseits folgten. Felicia, mein Engel wiederum basiert auf William Trevors Roman Felicia’s Journey (1994), wie Egoyans Film auch im Original heißt. Wenn inhaltlich auch anders geartet als die zwei vorangegangenen Filme, zeichnet auch diesen Film eine ganz eigene, für Egoyan typische Atmosphäre aus. Es ist eine durch die Kombination von ästhetisch wohltemperierten Bildern, ausladenden Kamerabewegungen, einnehmender Musik und zurückhaltendem Schauspiel erzeugte Stimmung, die das Publikum zunächst in Sicherheit wiegt, unter deren Oberfläche aber von vornherein etwas Unheilschwangeres brodelt.
… trifft auf die Unschuld vom Lande
Wenn Paul Sarossys Kamera die Räume der Villa des von Bob Hoskins gespielten Genussmenschen Joe Hiditch minutiös durchmisst, wähnt man sich noch in einem anderen Film. Der stets vorzüglich gekleidete Mann, der seine Worte bewusst wählt, beim Fahren seines Oldtimers Handschuhe trägt und jeden Abend für sich selbst in einer riesigen Küche ein üppiges Festmahl zubereitet, hat etwas von einem kauzigen Gentleman an sich. Und wenn er, als eine Küchenmaschine den Geist aufgibt, einfach eine neue aus einer Abstellkammer hervorholt, in der sich bis unter die Decke Produkte desselben Herstellers stapeln, dann wähnt man sich in einer skurrilen Komödie. Doch hinter dieser seltsamen Anhäufung elektrischer Geräte steckt kein witziger Anlass, sondern ein Kindheitstrauma, das mit Joe Hiditchs Mutter (Arsinée Khanjian) zu tun hat und den Film sukzessive in einen Thriller umschlagen lässt.
Wobei es das Wort „Thriller“ nicht richtig trifft. Vielmehr hat Atom Egoyan eine verschachtelt erzählte und auf verschiedene Trägermedien und Filmformate zurückgreifende Mischung aus Familiendrama und Kriminalfilm gedreht. Bob Hoskins als Wolf im Schafspelz und Elaine Cassidy in der Titelrolle als Unschuld vom Lande sind klasse. Dass der Film trotz vermeidbarer Klischees über Täter und Opfer und seiner komplexen Narration so gut funktioniert, ist in erster Linie ihr Verdienst. Ihr ambivalentes Zusammenspiel macht den Reiz dieses Films aus. Felicia, mein Engel ist zwar nicht Egoyans bester Film, aber einer, der das Wiedersehen lohnt.
OT: „Felicia’s Journey“
Land: UK, Kanada
Jahr: 1999
Regie: Atom Egoyan
Drehbuch: Atom Egoyan
Vorlage:William Trevor
Musik: Mychael Danna
Kamera: Paul Sarossy
Besetzung: Bob Hoskins, Elaine Cassidy, Arsinée Khanjian, Peter McDonald, Gerard McSorley, Sheila Reid, Brid Brennan
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