Inhalt / Kritik

Exotica

„Exotica“ // Deutschland-Start: 5. Januar 1995 (Kino)

Anschauen, nicht anfassen! Im Stripclub Exotica gelten strenge Regeln. Wer diese bricht, der fliegt. An Kundschaft mangelt es dennoch nicht, Nacht für Nacht kommen Geschäftsmänner vorbei, um die jungen Mädchen für sich tanzen zu lassen. Einer davon ist der Steuerprüfer Francis Brown (Bruce Greenwood), der praktisch jeden Abend da ist, um Christina (Mia Kirshner) zu treffen. Das wiederum sieht ihr Exfreund Eric (Elias Koteas) nicht gerne, der als DJ in dem Club arbeitet und die Stripperinnen anpreist. Also fasst er einen Plan, wie er den unerwünschten Gast wieder loswerden kann. In diese Geschichte wird unfreiwillig auch der Tierhändler Thomas Pinto (Don McKellar) hineingezogen, der sich nebenher mit kleinen Schmuggelwaren etwas dazu verdient …

Ein Erotikthriller, der keiner ist

Als Exotica 1994 auf den Markt kam, wurde noch versucht, den Film als einen Erotikthriller zu verkaufen. Tatsächlich wird diese Genrezuordnung bis heute immer mal wieder vorgenommen. Das ist einerseits verständlich. Zum einen gilt ganz grundsätzlich immer die Devise „Sex Sells“, umso mehr damals in der ersten Hälft der 1990er, als in Folge des Hits Basic Instinct an sehr viele niedere Instinkte appelliert wurde. Erotikthriller waren in. Außerdem hilft es, eine Schublade zu haben, in der ein Film fein säuberlich einsortiert wird. Vor allem, wenn es sich dabei um einen Film handelt, der zwar formal hineinpasst und dennoch völlig fehl am Platz ist.

Ein solcher ist Exotica. Natürlich, die Geschichte spielt zu einem großen Teil in dem titelgebenden Stripclub, weshalb wir immer mal wieder sehr leicht bekleidete Damen zu sehen bekommen. Und auch die Sache mit dem Thriller ließe sich noch irgendwie argumentieren. Schließlich sind da diverse Leute in Verbrechen involviert, führen diese entweder regelmäßig aus oder planen gerade ein solches. Doch bis man das erkennt, dauert es schon eine ganze Weile, da der Film seine Figuren zwar recht schnell einführt, sich dann aber ziemlich viel Zeit lässt, um die Querverbindungen herzustellen. Wer mit wem zusammenhängt und worum es überhaupt geht, das wird erst spät verraten.

Das Spiel mit den Querverbindungen

Das ließe sich natürlich unter dem Label „Mystery“ verkaufen. Tatsächlich gab es damals wie heute nicht wenige Stimmen, die vor allem die mysteriöse Atmosphäre von Exotica ansprechen, gern verbunden mit der Frage: Und was genau war das? Zweifelsfrei ist die von Regisseur und Drehbuchautor Atom Egoyan (Remember, Guest of Honour) gewählte Erzählweise wirklich eine kleine Herausforderung. Indem er immer wieder von einem Strang zum nächsten springt, entwickelt sich die eigentliche Geschichte nur sehr langsam weiter. Hinzu kommt, dass die Ereignisse auch eine Vorgeschichte haben, welche noch irgendwie hineinverflochten werden musste. Und erst wer diese kennt, erkennt auch die Zusammenhänge, weiß oder ahnt zumindest, warum hier was geschieht.

Und doch ging es Egoyan nicht um ein Rätsel, wie man es beispielsweise in einem Krimi finden würde. Bei Exotica darf zwar auch spekuliert werden. Wichtiger war es jedoch, die Relationen zwischen den Figuren aufzubauen und damit zu zeigen, wie sehr das eine das andere bedingen kann, ohne dass wir uns dessen bewusst werden. Wie Geschichten, die lange zurückliegen, unser Verhalten beeinflussen und damit wiederum Reaktionen auslösen. Der Film funktioniert daher einerseits wie Versuchsanordnung, wenn er seine Figuren in einer Art Experiment aussetzt und nun zusammen mit dem Publikum darauf wartet, was am Ende geschehen wird.

Zwischen Trost und Trauer

Gleichzeitig ist der Film, der 1994 in Cannes Premiere feierte, aber auch ein tieftrauriges Drama. Im Mittelpunkt hiervon steht Brown, der in seiner Stripclub-Routine einen Trost findet, den die Welt da draußen für ihn nicht mehr bereithält. Wenn er und Christina miteinander sprechen, können sie für eine Weile alles vergessen, den Schmerz, den Marktschreier, selbst den surrealen Ort, der ihnen die Annäherung erlaubt und doch nicht erlaubt. Hoffnung und Verzweiflung liegen dabei zum Teil nah beieinander, wenn die zwei und damit alle anderen in einen melancholischen Strudel hineingezogen werden. Wer sich selbst darauf einlassen kann, sich von dem gefangen nehmen lässt, was unter der Oberfläche liegt, ohne dass man es sieht, der darf sich von einem ungewöhnlichen Werk verzaubern lassen. Der Rest runzelt mit der Stirn, zuckt mit Achseln und macht einfach weiter.

Credits

OT: „Exotica“
Land: Kanada
Jahr: 1994
Regie: Atom Egoyan
Drehbuch: Atom Egoyan
Musik: Mychael Danna
Kamera: Paul Sarossy
Besetzung: Bruce Greenwood, Mia Kirshner, Don McKellar, Arsinée Khanjian, Elias Koteas, Sarah Polley, Victor Garber

Bilder

Trailer

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Exotica
Ein Mann geht jede Nacht in einen Stripclub und lässt sich von einer jungen Frau etwas vortanzen. „Exotica“ wurde seinerzeit als Erotikthriller verkauft, was dem Film aber kaum gerecht wird. Vielmehr handelt es sich um ein Werk, das eine Mischung aus Versuchsanordnung und psychologischem Drama darstellt, dunkel leuchtend, rätselhaft und tieftraurig.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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