Erinnerungen eines Waldes
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Erinnerungen eines Waldes

Erinnerungen eines Waldes
„Erinnerungen eines Waldes“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Inhalt / Kritik

Frieda (Julia Windischbauer) stammt aus einer bäuerlichen Familie im österreichischen Waldviertel. Sie hätte dort bleiben und auf dem Hof mitarbeiten können, so wie ihr Jugendfreund Friedrich (Lukas Walcher). Aber die junge Frau zog es zum Studium nach Wien. Nun steht sie kurz vor dem Abschluss ihrer Doktorarbeit. Falls sie rechtzeitig damit fertig wird, winkt ihr sogar eine Stelle als wissenschaftliche Assistentin. Doch wie aus dem Nichts erreicht sie ein Anruf von Zuhause. Die Oma ist gestorben. Frieda kehrt zurück zu Mutter Johanna (Johanna Orsini) und Vater Alexander (Dominik Warta), Eigentlich will sie nur kurz bleiben, aber die Eltern stecken in Geldsorgen und der Wald, den Frieda von der Oma erbt, könnte helfen. Mit Hilfe von Friedrich fällt Frieda Bäume, um das Begräbnis zu bezahlen. Aber so einfach ist das nicht in einer Familie und einer Landwirtschaft, die von innen heraus zu zerbröseln droht. Anhand des kleinen Hofs erzählt Regisseurin Katharina Rabl  feinfühlig und soziologisch genau von überkommenen Rollenmustern, industriellem Wandel und Traumata, die über drei Generationen nachwirken.

Kühler Empfang

Der Empfang am Bahnhof ist kühl bis zum Gefrierpunkt. Abwesend wartet die Mutter im Auto, schaut gar nicht hin, als der Zug einfährt und die Tochter auf sie zuläuft. Obwohl beide gerade einen schweren Verlust erlitten haben, umarmt die Mutter die Tochter nicht. Sie nimmt ihr lediglich den Rucksack von der Schulter. Eine Taxifahrerin hätte die Angekommene vermutlich freundlicher begrüßt. Schnell versteht man: In dieser Familie stimmt etwas nicht, selbst wenn man nach außen noch den Schein wahrt. Nur das Nötigste wird gesprochen, Taten zählen im bäuerlichen Milieu mehr als Absichtsbekundungen. Auch der Film bleibt wortkarg, spart mit Erklärungen, lässt sich lediglich auf das ein, was da ist. Also auf einen in die Jahre gekommenen Bauernhof, auf alte Tapeten, dunkle Innenräume und Maschinen, die schon bessere Tage gesehen haben.

Regisseurin Katharina Rabl hat an der Münchner Hochschule Dokumentarfilmregie studiert und mehrere Kurzdokus gedreht. Erinnerungen eines Waldes ist ihr erster Spielfilm und ihr Langfilmdebüt. Aber so ganz verabschiedet hat sie sich von der dokumentarischen Sichtweise nicht. Das kommt ihrer Erzählung zugute, macht sie zu etwas Besonderem, zu einer eigenen Handschrift. Vieles ist authentisch: die Gegend, in der gedreht wurde, die Menschen dort, die Borkenkäferkrise, die kleinen Landwirtschaften, die sich kaum noch rentieren und oft als Nebenbetriebe geführt werden. Die Filmemacherin stammt selbst aus dem Waldviertel, auch ihre Großeltern waren Landwirte.

„Was soll ich denn mit einem Wald?“ fragt Frieda fassungslos, als sie hört, dass die Oma die 15 Hektar Fichten nicht wie erwartet an Friedas Mutter Johanna vererbt hat. Nach und nach entpuppt sich das Erbe nicht nur als materielles Geschenk, sondern viel eher als Verpflichtung, die an die übernächste Generation weitergegeben wurde. Dezent, aber eindrücklich spürt der Film der Last nach, die nun auf Friedas Schultern liegt. Zugleich erweist sich die Bürde auch als Verführung. Ist es wirklich der richtige Weg, sich auf eine unsichere akademische Karriere einzulassen? Könnte die junge Frau nicht zurückkehren zu dem, was sie gut kennt und was eine vermeintlich sichere Einkommensquelle bietet? Und überhaupt, gibt es nicht die moralische Pflicht, auf eigene Wünsche zu verzichten und den Eltern etwas zurückzugeben? All das verhandelt der Film nicht in Dialogen, sondern in Blicken, Körpersprache und Stimmungen. Er steuert dabei auf die Enthüllung eines Geheimnisses zu, das die weiblichen Unterdrückungsmuster entlarvt, die über Generationen ebenfalls vererbt werden.

Der Wald sträubt sich

Dokumentarisch genau ist auch der Blick auf den titelgebenden Wald. Die Kamera sieht in ihm weniger den romantischen Sehnsuchtsort als vielmehr den schnöden Wirtschaftsfaktor. Die Großmutter hat die Bäume einst als Fichten-Monokultur gepflanzt, damit die Enkelin es einmal besser haben möge als sie, die auf ihr Studium verzichten musste. Nun sind die Bäume hochgewachsen und sehen kräftig aus.

Doch der Borkenkäfer hat viele von ihnen bereits von innen angefressen und macht einen Strich durch die Rechnung der Familie. In einer der eindrücklichsten Szenen des Films stemmt sich Frieda gegen die Aussichtslosigkeit der Lage. Sie ringt auf dem uralten Traktor mit einem Stamm, der sich partout nicht auf den Anhänger laden lassen will. Mehrmals rangiert die zarte junge Frau hin und her, flucht und verzweifelt, um schließlich weinend den Kopf auf das Lenkrad sinken zu lassen – ein starkes Sinnbild für die Vergeblichkeit, mit purer Willenskraft den Niedergang der gewinnorientierten Waldwirtschaft aufhalten zu wollen. Und ebenso ein Moment, in dem sich die feine schauspielerische Leistung von Hauptdarstellerin Julia Windischbauer besonders eindrucksvoll spiegelt.

Credits

OT: „Erinnerungen eines Waldes“
Land: Deutschland, Österreich
Jahr: 2026
Regie: Katharina Rabl
Drehbuch: Katharina Rabl, Karla Cristóbal
Musik: Peter Kutin
Kamera: Jacob Kohl
Besetzung: Julia Windischbauer, Johanna Orsini, Lukas Walcher, Dominik Warta, Linde Prelog, Sophia Burtscher, Claudia Kainberger

Trailer

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Erinnerungen eines Waldes
fazit
„Erinnerungen eines Waldes“ erzählt vom Niedergang der kleinbäuerlichen Landwirtschaft und von einem Erbe, das nicht nur materieller Natur ist. Regisseurin Katharina Rabl lässt in ihrem Langfilmdebüt eine junge Doktorandin auf den elterlichen Hof zurückkehren und konfrontiert sie dokumentarisch genau mit weiblichen Rollenmustern, vor denen sie eigentlich geflohen war. Ein stiller, stimmungsvoller Film, der durch sorgfältig ausgewählte Details besticht und genaues Hinsehen verlangt.
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