
Seit zwanzig Jahren sind Fanny (Alexandra Lamy) und Thomas (François Cluzet) verheiratet. Nach außen wirken sie wie ein eingespieltes Paar, doch hinter der harmonischen Fassade verbirgt sich ein großes Geheimnis: Fanny gesteht ihrer Sexualtherapeutin (Reem Kherici), dass sie in ihrer gesamten Ehe noch nie einen Orgasmus erlebt und ihrem Mann ihre Lust lediglich vorgespielt hat. Als sie Thomas schließlich die Wahrheit sagt, gerät dessen Selbstbild gehörig ins Wanken. Anstatt jedoch in Selbstmitleid zu versinken oder die Ehe aufzugeben, beschließt der arbeitslose Ingenieur, das Problem technisch zu lösen. Er versucht ein neuartiges Sextoy zu entwickeln, das Frauen zuverlässig zum Höhepunkt bringen soll.
Thema weibliche Lust
Die französische Schauspielerin und Regisseurin Reem Kherici schlägt nach der Tierkomödie Miau & Wau mit Chéri, ich komme! – Die Erfindung der Lust thematisch völlig andere Töne an, bleibt ihrem Gespür für publikumsfreundliches Unterhaltungskino jedoch treu. Dazu hat sie die Hauptrollen mit Alexandra Lamy, die aktuell auch mit Die Camino-Therapie – Finde deinen Weg in den deutsche Kinos zu sehen ist, und François Cluzet (Ziemlich beste Freunde), also zwei der derzeit renommiertesten französischen Darsteller besetzt. Das weckt Erwartungen.
Dabei greift Kherici ein Thema auf, das im Mainstreamkino erstaunlich selten im Mittelpunkt steht: weibliche Lust als Bestandteil einer langjährigen Ehe. Schon die Ausgangssituation besitzt erhebliches Konfliktpotenzial. Jahrzehntelang hat Fanny ihre sexuelle Unzufriedenheit verschwiegen – weniger aus Boshaftigkeit als aus einer Sozialisation heraus, in der weibliches Begehren oft hinter den Bedürfnissen des Partners zurücktritt. Der Film versteht dieses Schweigen nicht als individuelles Versagen, sondern als Symptom einer Kommunikationskultur, die Intimität zwar voraussetzt, über sie aber kaum spricht.
Sexualität und Technik
Interessant wird Chéri, ich komme! – Die Erfindung der Lust dort, wo die private Krise in eine fast absurde Erfindergeschichte übergeht. Thomas reagiert auf die Offenbarung seiner Frau nämlich nicht mit einer emotionalen Auseinandersetzung, sondern mit technischem Ehrgeiz. Er behandelt den Orgasmus wie ein Ingenieursproblem, das sich mit genügend Kreativität und Tüftelei lösen lässt. Darin steckt durchaus eine kluge Ambivalenz. Einerseits macht der Film deutlich, wie schnell selbst intimste Bedürfnisse in marktwirtschaftliche Logiken übersetzt werden. Kreditgespräche, Produktentwicklung und Fernsehauftritte verwandeln weibliche Lust beinahe in ein Start-up-Projekt. Andererseits wird die Komödie nie zynisch. Sie zeigt durchaus, dass Technik zwar Türen öffnen kann, echte Nähe aber weiterhin von Ehrlichkeit und Kommunikation lebt.
Gerade hier hätte Kherici allerdings mutiger sein dürfen. Immer wieder deutet der Film spannende Fragen an, scheut jedoch davor zurück, sie wirklich auszudiskutieren. Ist weibliche Selbstbestimmung tatsächlich erreicht, wenn ein technisches Gerät die Lösung liefert? Wird Lust dadurch emanzipiert oder lediglich kommerzialisiert? Und weshalb bleibt die Geschichte trotz ihres progressiven Anliegens letztlich so konsequent im klassischen Rollenmodell einer heterosexuellen Bilderbuchehe verankert? Diese Widersprüche sind vorhanden, werden aber meist zugunsten eines gefälligen Happy-End-Gefühls entschärft.
Zu viele Erklärungen
Auch als feministischer Film bewegt sich Chéri, ich komme! – Die Erfindung der Lust daher auf sicherem Terrain. Kherici enttabuisiert Masturbation, spricht offen über weibliche Sexualität und vermeidet dabei jede voyeuristische Zuspitzung. Das ist sympathisch und angenehm unverkrampft. Gleichzeitig erklärt sie ihre Botschaften oft so ausdrücklich, dass kaum Raum für Zwischentöne bleibt. Besonders die von ihr selbst gespielte Sexualtherapeutin wirkt weniger wie eine eigenständige Figur als wie ein Sprachrohr der Regisseurin. Immer wieder formuliert sie die zentralen Aussagen des Films direkt aus, wo ein stärkeres Vertrauen in die Bilder und das Publikum deutlich eleganter gewesen wäre.
Dass der Film dennoch funktioniert, liegt vor allem an seinem Hauptdarstellerduo. Alexandra Lamy verleiht Fanny eine glaubwürdige Mischung aus Unsicherheit, Charme und neu gewonnenem Selbstbewusstsein. François Cluzet wiederum verhindert mit seiner warmherzigen Darstellung, dass Thomas als bloßer tölpelhafter Mann erscheint. Seine Figur bleibt zwar manchmal etwas eindimensional, besitzt aber genügend Liebenswürdigkeit, um die Beziehung glaubhaft erscheinen zu lassen. Da kann man auch über den Altersunterschied von 16 Jahren, der die Schauspieler, die das Ehepaar darstellen, hinwegsehen.
Altmodisch, aber sympathisch
Inszenatorisch verzichtet Kherici auf große Experimente. Helle Farben, ein zügiger Rhythmus und der Rückgriff auf Situationskomik sorgen für Leichtigkeit. Manche Gags wirken allerdings etwas bemüht, und nicht jede burleske Einlage trifft den richtigen Ton. Vor allem im letzten Drittel verliert sich die Geschichte stellenweise in den Mechanismen einer klassischen Erfinderkomödie, obwohl ihr emotionales Zentrum eigentlich die Beziehung zwischen Fanny und Thomas bleiben müsste.
So bleibt Chéri, ich komme! – Die Erfindung der Lust letztlich ein Film, der mehr wagt als viele romantische Komödien seiner Art, ohne seine Möglichkeiten vollständig auszuschöpfen. Seine gesellschaftlichen Beobachtungen sind klug genug, um zum Nachdenken anzuregen, seine Antworten fallen jedoch häufig erstaunlich konventionell aus. Das ist durchaus altmodisch – aber eben auch auf sympathische Weise unterhaltsam.
OT: „Pour le plaisir“
Land: Frankreich
Jahr: 2026
Regie: Reem Kherici
Buch: Reem Kherici, Gari Kikoïne, David Solal
Musik: Laurent Aknin
Kamera: Dominique Fausset
Besetzung: Alexandra Lamy, François Cluzet, Mitty Hazanavisius, Delphine Baril, François-Xavier Demaison, Reem Kherici, Kyan Khojandi, Camille Aumont Carnel
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