
Tom Fröhlichs Dokumentarfilm Vom Traum, unsinkbar zu sein beginnt mit der Geschichte einer verschwundenen Welt: der Hochseefischerei der DDR, einst die größte Flotte unter einer deutschen Flagge. Nach der Wiedervereinigung wurden die meisten Schiffe verkauft oder verschrottet. Fröhlich folgt stattdessen den Überlebenden – der Fornax, die später unter dem Namen Nida unter litauischer Flagge fuhr, der Stubnitz und dem Seefuchs bzw später Life –, deren Lebensläufe nach der Wende zwischen kommerzieller Fischerei, schwimmendem Kulturzentrum und Seenotrettung verliefen. Aus dieser Spurensuche entwickelt sich weniger eine historische Rekonstruktion als eine Meditation über Arbeit, Erinnerung und die Frage, was von einer Gesellschaft bleibt, wenn ihre Maschinen weiterfahren, ihre Ideale aber längst untergegangen sind.
Heimatfilm auf dem Meer
Der Untertitel des Films Ein Heimatfilm auf dem Meer ist dabei weit mehr als ein hübscher Werbeslogan. Fröhlich versteht Heimat nicht als geografischen Ort, sondern als etwas, das sich in Stahlplatten, Maschinenlärm und den Erzählungen ehemaliger Besatzungen festgesetzt hat. Heimat ist hier kein Dorfplatz mit Kirchturm, sondern ein Deck im Nordatlantik, eine Kombüse, der Geruch von Diesel und Salzwasser. Gerade dadurch gelingt dem Film eine bemerkenswerte Umdeutung eines Genres, das im deutschen Kino oft mit Behaglichkeit oder Nostalgie verbunden wird. Heimat entsteht hier aus Bewegung statt aus Stillstand.
Diese Perspektive passt hervorragend zu Fröhlichs bisherigem Werk. Bereits sein Debütfilm Ink of Yam beschäftigte sich mit Erinnerungsräumen, auch wenn der Ausgangspunkt dort ein kleiner Tattoo-Laden in Jerusalem war und keine Schiffe. Vom Traum, unsinkbar zu sein verlässt sich darauf, dass Atmosphäre manchmal mehr erzählt als ein nüchterner Faktenvortrag. Der Regisseur ist hörbar ein Soundkünstler: Motorengeräusche, Wind und metallisches Knarzen werden zu einer eigenen Erzählebene, die Vergangenheit und Gegenwart ineinanderfließen lässt.
Am besten gelingt das vielleicht auf der MS Stubnitz , die immer noch als ein sogenanntes Kulturschiff in Hamburg existiert. Deren Transformation vom Kühlschiff zum Kulturzentrum erscheint beinahe selbstverständlich – als hätte dieses Schiff immer schon darauf gewartet, statt Fischen nun Musik und Kunst zu transportieren. Der Seefuchs wiederum führt den Film in aktuelle politische Gewässer. Ihr Weg vom Fischkutter zum Seenotrettungsschiff mit Namen Life macht deutlich, dass maritime Geschichte nie abgeschlossen ist, sondern ständig neue Bedeutungen annimmt. Heute verrottet das Schiff im Hafen von Huelva, weil die spanische Küstenwache es beschlagnahmt hat, da es nicht nur zur Rettung Schiffbrüchiger, sondern auch zum Drogenhandel benutzt wurde.
Kein sentimentales Fahrwasser
Dass Charly Hübner den Off-Kommentar spricht, ist ein Glücksfall. Seine Stimme verbindet technische Präzision, wenn er die nüchternen Daten der Schiffe vorträgt, mit einer leicht melancholischen Poesie, wenn er Auszüge aus Tagebüchern ehemaliger Besatzungsmitglieder der einzelnen Schiffe vorliest. Es gelingt ihm dabei, den Film niemals in sentimentales Fahrwasser abdriften zu lassen. Überhaupt bewahrt Fröhlich erfreulicherweise Distanz zu jeder Form von Ostalgie. Die DDR-Hochseefischerei erscheint weder als verlorenes Paradies noch als abschreckendes Relikt, sondern als Arbeitswelt mit Widersprüchen, Stolz und Härte.
Doch bleibt Hübners Kommentar nur eine Nebenschauplatz. Vom Traum, unsinkbar zu sein vertraut eher darauf, dass Bilder und Klänge eigene Gedanken auslösen dürfen. Statt Antworten zu liefern, stellt Fröhlich Fragen: Kann ein Schiff Erinnerungen bewahren? Wann endet eine Biografie? Und was bedeutet Heimat, wenn sie schwimmt? Das Ergebnis ist ein ungewöhnlicher Dokumentarfilm, der industrielle Geschichte, poetische Reflexion und gegenwärtige Politik miteinander verbindet, ohne daraus ein didaktisches Lehrstück zu machen.
OT: „Vom Traum unsinkbar zu sein“
Land: Deutschland
Jahr: 2025
Regie: Tom Fröhlich
Buch: Tom Fröhlich
Musik: Friederike Bernhardt
Kamera: Michael Throne, Anton Yaremchuk, Jörg Junge
Mitwirkende: Charly Hübner
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