Mittagsstunde
© Majestic / Christine Schroeder

Mittagsstunde

Mittagsstunde
„Mittagsstunde“ // Deutschland-Start: 22. September 2022 (Kino)

Inhalt / Kritik

„So kann es nicht weitergehen“. Sagt Hochschuldozent Ingwer Feddersen (Charly Hübner), setzt sich in seinen Volvo und fährt von Kiel hinaus aufs Land, in sein Heimatdorf. Den alten Leuten, die Ingwer „Mudder“ und „Vadder“ nennt, geht es nicht gut. Vater Sönke (Peter Franke und jünger: Rainer Bock) schleppt sich auf dem Rollator zu den wenigen Gästen, die noch in sein Wirtshaus kommen. Mutter Ella (Hildegard Schmahl, jünger Gabriela Maria Schmeide) wird immer dementer und nimmt ständig Reißaus. Es gibt eine Pflegekraft, aber jetzt will Ingwer sich selbst um seine Leute kümmern. Die Rückkehr ins nordfriesische Brinkebüll wird für ihn auch zur Zeitreise in die eigenen Erinnerungen. Unter anderem an die geistig zurückgebliebene, aber herrlich fantasievolle Marrett (Gro Swantje Kohlhof), die er immer als ältere Schwester betrachtete. Ingwer, der es von hier weg geschafft hat, kommt heim als eine Art verlorener Sohn. Mit offenen Armen empfängt ihn der Vater jedoch nicht, nur mit einem mürrischen Brummen, den Blick abgewandt. Die beiden haben viele Rechnungen miteinander offen.

Shampoo als „Weiberkram“

Man muss es gleich vorweg sagen: Der Roman Mittagsstunde von Dörte Hansen (Altes Land), der dem Drama als Vorlage dient, legt die Latte hoch – und die Verfilmung von Lars Jessen nach dem Drehbuch von Catharina Junk reißt sie nicht. Für Dörte-Hansen-Fans könnte die Filmbesprechung damit enden, ein größeres Lob ist kaum denkbar. Aber vielleicht möchte der eine oder die andere auch noch wissen, wie der Film mit seinen eigenen Mitteln das Niveau touchiert, das der vielschichtige und zugleich packende Roman etabliert hat. Nehmen wir etwa die Szene, in der der 47-jährige Sohn Ingwer seinem Vater die Haare wäscht. Er hilft dem alten Dickschädel geduldig, mit dem Kopf nicht gegen den Hahn des Waschbeckens zu stoßen. Dann reicht er ihm eine Plastikflasche. Was das sei, will der alte Herr wissen. Shampoo, erklärt der Sohn mit aller Seelenruhe. „Weiberkram“ zischt der Alte.

Im Film sitzt der Gag gut, aber das schlechte Gewissen, das der Roman in die Szene einflicht, lässt sich so nicht transportieren. Hauptdarsteller Charly Hübner muss das Gefühl, er habe den Vater im Stich gelassen, als er damals nach Kiel zum Studieren ging, den ganzen Film über stumm mittransportieren, nicht nur in der einen Szene. Zudem verschiebt sich die Vielstimmigkeit des Romans hin zu einer einzigen Perspektive, der des Hauptdarstellers. Da ist sie aber gut aufgehoben. Hübner, aus Mecklenburg-Vorpommern stammend und somit ebenfalls ein Norddeutscher, kennt die schweigsame, fast abweisende Mentalität. Er weiß: Unter der rauen Oberfläche sitzt ein einfühlsames Herz, das seine Gefühle meist für sich behält. „Mensch wärmt Mensch“, sagt Vater Sönke einmal in einer Rückblende, als er das schreiende Baby Ingwer an seine Brust legt. Es ist nicht nur einer der schönsten, sondern auch einer der aufschlussreichsten Momente des Films.

Heimat ohne Nostalgie

Wie das Buch ist der einfühlsam fotografierte Film vieles in einem: Selbstfindung, Familiendrama, Milieuporträt, Regionalgeschichte und Gesellschaftsskizze. Wieder einmal bewahrheitet sich die spätestens seit Edgar Reitz’ Heimat (1981) unübersehbare Weisheit, dass im detailverliebten Konkreten das Universelle quasi miterzählt wird. Auch in Mittagsstunde gerät die Rückkehr zu den Wurzeln nicht zur billigen Nostalgie. Hellsichtig listet der von 1965 bis heute spielende Film die Verluste auf, die der nun seit über 60 Jahren anhaltende Wohlstandsschub mit sich brachte: dass man sich nicht mehr nach der Arbeit in der Dorfkneipe trifft, dass die Kinder nicht mehr auf der Straße spielen, dass „Verrückte“ wie Marrett nicht mehr als Farbtupfer der Dorfgemeinschaft integriert bleiben. Aber die Vergangenheit wird auch nicht glorifiziert: nicht die scheinheilige Moral, nicht die Härte vorherbestimmter Schicksale (Vater Gastwirt, Sohn Gastwirt) und auch nicht die von Nazi-Schuld und Verdrängung versehrten Seelen. Nichts ist schwarz-weiß in Mittagsstunde, das macht den Roman und den Film so wahrhaftig.

Ins Kino kommt der Film in zwei Sprachfassungen. Die eine enthält plattdeutsche Dialoge mit Untertitelung, die andere ist rein hochdeutsch. Der Rezensent hat nur die untertitelte Version gesehen und kann sie wärmstens empfehlen. Die Sprachmelodie des Plattdeutschen, auch wenn man sie nicht versteht, spiegelt etwas von der Wärme wider, mit der Roman und Film ihre Figuren betrachten. Sie verleiht der gelungenen Inszenierung einen Hauch zusätzlicher Authentizität. Und: Das Filmteam hat hart um das „richtige“ Platt gerungen. Dörte Hansen stammt aus Nordfriesland, Regisseur Jessen aus Dithmarschen. Überall klingt die Mundart einen Tick anders. Für den letzten Schliff musste daher die Schriftstellerin sorgen, die bei den Dreharbeiten anwesend war.

Credits

OT: „Mittagsstunde“
Land: Deutschland
Jahr 2022
Regie: Lars Jessen
Drehbuch: Catharina Junk
Vorlage: Dörte Hansen
Musik: Jakob Ilja
Kamera: Kristian Leschner
Besetzung: Charly Hübner, Lennard Conrad, Peter Franke, Rainer Bock, Hildegard Schmahl, Gabriela Maria Schmeide, Gro Swantje Kohlhof, Julika Jenkins

Bilder

Trailer

Interview

Wer mehr über die Arbeit am Film erfahren möchte: Wir haben zum Kinostart ein Interview mit Hauptdarsteller Charly Hübner zu Mittagsstunde geführt.

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Mittagsstunde
fazit
Lars Jessen, der zuletzt viel fürs Fernsehen gearbeitet hat, legt mit „Mittagsstunde“ eine kongeniale Literaturverfilmung für die große Leinwand vor. Sein Hauptdarsteller Charly Hübner brilliert in der Rolle des mit sich selbst hadernden Endvierzigers, der in der Vergangenheit nach den Wurzeln für seine aktuellen Probleme sucht.
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