
Natsuki (Keiko Kitagawa) ist nach der Trennung von ihrem Mann allein für ihre beiden Kinder verantwortlich. Da er ihr einen riesigen Schuldenberg hinterlassen hat, geht sie gleich zwei Jobs nach, um diesen abzubezahlen und ihre Familie zu ernähren. Tagsüber arbeitet sie für ein paar Stunden in einer Firma, die Globen herstellt, während sie abends in einer Bar als Hostess tätig ist, sodass sie ihre beiden Kinder meist nur für wenige Stunden am Tag sieht. Der Druck, der auf ihr lastet, ist immens, und dennoch reichen ihre beiden Einkommen nicht aus, um all ihre Rechnungen zu bezahlen. Eines Tages trifft sie die folgenschwere Entscheidung, Drogen zu verkaufen, damit sie endlich genug Geld verdient – nicht zuletzt, um die Geigenstunden ihrer Tochter weiterhin bezahlen zu können.
In der Unterwelt Tokios lernt Natsuki die Kickboxerin Tamae (Misato Morita) kennen. Die wortkarge Sportlerin hofft auf den großen Durchbruch und erkennt schnell, dass die alleinerziehende Mutter nicht nur Schutz, sondern auch Orientierung braucht, um sich in dieser für sie neuen Welt zurechtzufinden. Mit der Zeit entwickelt sich zwischen den beiden Frauen eine enge Freundschaft.
Als eines Tages der Tod einer jungen Frau die Aufmerksamkeit der Behörden auf das Drogennetzwerk lenkt, gerät die ohnehin schon fragile Existenz von Natsuki und Tamae zunehmend unter Druck. Während die Ermittlungen voranschreiten, sehen sich die beiden Frauen mit den Gefahren einer Welt konfrontiert, deren Regeln sie bislang nur unzureichend verstanden haben.
Am Rande der Gesellschaft
Menschen am Rande der Gesellschaft und die Gemeinschaften, die sie bilden, stehen seit jeher im Fokus von Eiji Uchidas filmischem Schaffen. Auf der Nippon Connection 2026 konnte man sich davon gleich zweimal überzeugen, denn dort waren mit Fiamma und Night Flower gleich zwei seiner jüngsten Werke im Programm vertreten. Abgesehen von den Figuren zeigen beide Filme Frauen, die in prekären wirtschaftlichen Verhältnissen leben und auf unterschiedliche Weise versuchen, sich daraus zu befreien und die Kontrolle über ihr Leben zurückzugewinnen. Was bei Fiamma in der Niederschrift der eigenen, wenn auch fiktiven Geschichte mündet, findet in Night Flower Ausdruck in Familie und Gemeinschaft. Der Film wird dadurch zu einer Mischung aus Sozial- und Familiendrama, die aufzeigt, wie wirtschaftliche und politische Realitäten Menschen in Notlagen treiben und schließlich zu Verzweiflungstaten führen können.
Im Mittelpunkt von Night Flower stehen drei Frauenfiguren, wobei zwei von ihnen wie Spiegelbilder der jeweils anderen wirken. Miyuki, gespielt von Rena Tanaka, hat keinerlei finanzielle Sorgen, leidet jedoch unter einer ähnlichen Form von Isolation und Ausgrenzung wie Natsuki. Ihr Ehemann arbeitet in leitender Position einer angesehenen Firma und macht ihr mehr als deutlich, wo ihre Aufgabenbereiche liegen und aus welchen Aspekten ihres gemeinsamen Lebens sie sich herauszuhalten hat. Zu ihren „Aufgaben“ gehört auch die Erziehung ihrer Tochter, die ihr mehr und mehr zu entgleiten scheint, nur noch sporadisch nach Hause kommt und sich meist nur dann meldet, wenn sie Geld benötigt. Da von ihrem Mann keinerlei Unterstützung zu erwarten ist, macht er Miyuki für jedes Scheitern verantwortlich, was sie in eine ähnlich verzweifelte Lage bringt wie Natsuki.
Uchida erzählt von Isolation, Ausgrenzung und dem Gefühl der Hilflosigkeit. Indem er diese beiden Frauenfiguren gegenüberstellt, betont er, dass es sich keineswegs um Probleme handelt, die ausschließlich eine bestimmte soziale Schicht betreffen. Die Verzweiflung von Natsuki und Miyuki ist nicht allein das Ergebnis ihrer wirtschaftlichen Situation, sondern ebenso das Resultat einer Gesellschaft, die sie ausgrenzt und mit Vorurteilen versieht. Wenn Natsuki beim Amt um einen Vorschuss auf das Kindergeld bittet und von einem Mitarbeiter als „Sozialschmarotzerin“ beleidigt wird, weist dies gewisse Parallelen zu jener Isolation auf, die Miyuki in den eigenen vier Wänden erfährt. Gerade dieser Ansatz macht Uchidas Film zu einem klugen Sozialdrama, das nicht nur wirtschaftliche Aspekte berücksichtigt, sondern ebenso problematische gesellschaftliche Entwicklungen, die zu Stereotypen und engstirnigen Rollenbildern führen.
Willkommen in der der Familie
Die Familie ist in Night Flower Spiegelbild der Gesellschaft, bietet aber zugleich die Möglichkeit eines Auswegs. Hier erkennt man Parallelen zu den Filmen Hirokazu Kore-edas, der beispielsweise in Shoplifters – Familienbande ebenfalls von Familien und ähnlichen Gemeinschaften als Halt in einer zunehmend unsicheren und instabilen Welt erzählt. Uchida verbindet diesen Ansatz mit seinen beiden Hauptfiguren, die als Außenseiterinnen wahrgenommen werden und auf ihre große Chance hoffen. Ähnlich der titelgebenden Blume, die nur unter bestimmten Bedingungen zu blühen scheint, hoffen Tamae und Natsuki auf eine solche Gelegenheit – die eine auf eine finanzielle Verbesserung, die andere auf die Chance, sich im Ring zu beweisen.
Besonders interessant ist die Chemie dieser auf den ersten Blick sehr unterschiedlichen Frauen. Die eine ist emotional und verletzlich, während die andere tough und selbstbewusst erscheint. Die Erkenntnis, dass die Eigenschaften der jeweils anderen vielleicht genau den ersehnten Ausweg ermöglichen könnten, lässt eine neue Gemeinschaft, eine neue Familie entstehen.
Wie für ein Sozialdrama typisch, setzt Uchida konsequenterweise auf Realismus. Das Tokio in Night Flower besteht aus Clubs, düsteren Gassen, Parkhäusern und engen Mietwohnungen. Im Gegensatz dazu wirkt die Welt der Wohlhabenden zwar luxuriöser, aber nicht weniger klaustrophobisch. Musik und Licht dienen als Stilmittel, die immer wieder jene Hoffnungsschimmer andeuten, die in der Geschichte aufblitzen – ähnlich einer Blume, von der man glaubt, sie würde nun endlich aufblühen, deren Entfaltung jedoch immer wieder auf sich warten lässt.
OT: Nalto furawa
Land: Japan
Jahr: 2025
Regie: Eiji Uchida
Drehbuch: Eiji Uchida
Kamera: Hiroki Yamada
Musik: Yohei Kobayashi
Besetzung: Keiko Kitagawa, Misato Morita, Daisuke Sakuma, Ryuta Shibuya, Kiyohiko Shibukawa, Rena Tanaka
Tokyo International Film Festival 2025
Nippon Connection 2026
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