
Kosuke (Yukiya Kitamura) hat vor vielen Jahren seinen sicheren Job aufgegeben, um seinen Traum zu verfolgen, eines Tages Regisseur zu werden. Bis dahin ist es jedoch noch ein langer Weg, sodass er zunächst als Regieassistent arbeiten muss. Das Projekt, an dem er aktuell arbeitet, verspricht jedoch nicht nur Erfolg, sondern bietet vielleicht auch die Möglichkeit, beim verantwortlichen Studio Eindruck zu hinterlassen. Geplant ist nämlich die Verfilmung der Biografie von Arisa Obara (Wan Marui), die darin von ihrer Kindheit und Jugend sowie den langen Jahren erzählt, in denen sie ihren Vater pflegte, bevor dieser auf tragische Weise ums Leben kam.
Während es beruflich gut für Kosuke zu laufen scheint, ist seine Beziehung zu seiner Frau Sachi (Maeko Oyama) und seiner Tochter Hikaru (Kokoa Naka) angespannt. Angesichts der schwierigen finanziellen Lage der Familie macht ihm vor allem Hikaru bittere Vorwürfe und entfremdet sich ihren Eltern zunehmend. Als Kosuke den Verdacht schöpft, sie könne durch sogenanntes „Sugar Dating“ mit älteren Männern Geld verdienen, scheint ein Streit unvermeidlich.
Zusätzlich kommen ihm immer mehr Zweifel an Arisas Geschichte. Als er versucht, mehr über ihren Vater herauszufinden, wird ihm schließlich eine völlig andere Version der Ereignisse geschildert, die nicht nur die Filmproduktion gefährden könnte, sondern Kosuke auch vor ein moralisches Dilemma stellt.
Wahrheit und Inszenierung
Wahrheit und Inszenierung könnte man als die Eckpfeiler der Filmografie von Regisseur Eiji Uchida bezeichnen. In Werken wie Love and Other Cults oder Lowlife Love blickte er hinter die verschiedenen Versionen einer Wahrheit innerhalb der Medien- und Filmlandschaft Japans sowie auf die Inszenierung von Menschen durch Gemeinschaften oder Kulte. In seinem neuen Film Fiamma, der zuletzt auf der Nippon Connection 2026 zu sehen war, verbindet er diese beiden Aspekte seines Schaffens zu einer Geschichte, deren Themen aktueller kaum sein könnten. Wie schon in Lowlife Love stehen die Filmindustrie und ihre Hierarchien im Fokus, doch ebenso geht es in Fiamma um den Wunsch, die eigene Geschichte zu erzählen, sich zu inszenieren und sich darüber letztlich neu zu erfinden. Uchida zeigt die Beliebigkeit von Begriffen wie Realismus oder Authentizität in einer Gesellschaft, die entweder nicht mehr weiß, was Wahrheit bedeutet, oder diese aus wirtschaftlichen Interessen bewusst ignoriert.
Die Stärke von Uchidas Filmen liegt darin, dass sie hinter die Inszenierung blicken und dem Zuschauer dadurch eine neue Perspektive auf Medien und Kunst eröffnen. Als Kosuke schließlich berechtigte Zweifel an der Richtigkeit von Arisas Biografie entwickelt, konfrontiert er zunächst den Regisseur mit seinen Erkenntnissen. Dies mündet schließlich in die Forderung, das Drehbuch entweder grundlegend zu verändern oder die Produktion gänzlich einzustellen – wobei er die zweite Option klar bevorzugt. Der bis dahin sehr besonnen wirkende Filmemacher widerspricht seinem Regieassistenten nicht, macht ihm jedoch deutlich, dass sie einen Punkt erreicht haben, an dem es kein Zurück mehr gibt. Das Thema der häuslichen Pflege, die in Japan wie auch in vielen anderen Ländern viel zu wenig wertgeschätzt wird und gesellschaftlich wie politisch kaum Beachtung findet, bliebe schließlich bestehen, erklärt er Kosuke, dessen Verwunderung allmählich in Schock umschlägt.
Kosuke legt den Finger auf einen wunden Punkt innerhalb des Systems, was schließlich zu einem existenziellen Konflikt für ihn selbst wird. Die Mittel der Stilisierung, Übertreibung oder der Glättung einzelner Elemente einer Geschichte sind uns allen bekannt, auch wenn wir sie im Kontext von Unterhaltung, Ästhetik oder eines Gesamtkunstwerks bewusst oder unbewusst ignorieren. Für Kosuke ist diese Ignoranz jedoch nicht länger möglich, denn die Suche nach Wahrheit innerhalb einer Inszenierung ist nicht nur müßig, sondern kann für jene Menschen schädlich sein, die von ihr leben oder selbst Teil von ihr sein wollen.
Sich neu erfinden
Waren viele dieser Aspekte bereits Bestandteil von Werken wie Lowlife Love, ergänzt Uchida die Idee der Inszenierung um eine weitere faszinierende Dimension. Nicht umsonst scheint eine Verbindung zwischen Wan Maruis Arisa und Kokoa Nakas Hikaru zu bestehen, da beide es nicht länger hinnehmen wollen, dass ihre Geschichte von anderen bestimmt wird. Vielleicht liegt hierin auch der Grund, weshalb sowohl die Figuren als auch die schauspielerischen Leistungen einen bleibenden Eindruck hinterlassen.
Insbesondere Arisa wird als eine junge Frau gezeigt, die ihre Geschichte weiterschreibt und sie zugleich erfolgreich vermarktet – als Buch, als Film und sogar in Form von Selbsthilfeseminaren für junge Frauen. Ihre Gespräche mit Kosuke, der sich moralisch auf der richtigen Seite wähnt, sind von entwaffnender Ehrlichkeit, weil sie die Mechanismen der Inszenierung offenlegen. Uchidas Film zeigt Inszenierung sowohl als Geschäftsmodell der Medienlandschaft als auch als Sehnsucht einer neuen Generation, die zunehmend auf diese konstruierten Wahrheiten hereinzufallen scheint.
OT: Gyakka
Land: Japan
Jahr: 2025
Regie: Eiji Uchida
Drehbuch: Yukiko Manabe
Kamera: Kenji Noguchi
Musik: Yohei Kobayashi
Besetzung: Yukiya Kitamura, Wan Marui, Udai Iwasaki, Maeko Oyama, Kokoa Naka
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