
Mit über 90 Jahren blickt die Modedesignerin Ayako Koshino (Mao Daichi) auf ein außergewöhnliches Leben zurück. Ihre Entwürfe sind nicht nur in Japan, sondern auch international bekannt und machen sie zu einer der Pionierinnen der japanischen Modebranche. Auch ihre drei Töchter Hiroko (Tomoka Kurotani), Junko (Sawa Suzuki) und Michiko (Kyoka Mizukami) treten später in ihre Fußstapfen und entwickeln sich zu angesehenen Designerinnen.
Als Ayako ins Krankenhaus eingeliefert wird, blickt sie gemeinsam mit einem Engel (Yoichi Nukumizu) auf ihr Leben zurück. Anstatt ihm jedoch die Deutung ihrer Biografie zu überlassen, nimmt sie das Erzählen selbst in die Hand. Beginnend mit ihrer Zeit auf der High School, als sie in einer Schneiderei erstmals eine Nähmaschine aus nächster Nähe sieht, berichtet sie von den prägenden Stationen ihres Lebens.
Von ihrem Vater früh dazu angehalten, sich nicht unter Wert zu verkaufen und stets wirtschaftlich zu denken, macht sich die junge Ayako schnell einen Namen in ihrer Nachbarschaft. Selbst als die Schneiderei sie nicht länger beschäftigen kann, hält sie an ihrer Leidenschaft für Mode, Kleidung und eigene Entwürfe fest und arbeitet fortan vom Elternhaus aus. Doch dies ist längst nicht die einzige Hürde, die sie überwinden muss: Neben den Entbehrungen des Zweiten Weltkriegs kämpft Ayako immer wieder gegen die Vorurteile einer Gesellschaft an, deren traditionelle Rollenbilder Frauen kaum Raum für berufliche Selbstverwirklichung lassen.
Neue Entwürfe
In Japan ist Takeshi Sone in erster Linie für seine Arbeit als Kameramann bekannt. Insbesondere seine Zusammenarbeit mit Regisseur Shinichiro Ueda bei dessen Überraschungshit One Cut of the Dead brachte Sone den Ruf eines technisch versierten Genrefachmanns ein, was man bereits an seinen ersten Regiearbeiten Ghost Mask: Scar und Two Komachis erkennen konnte. God Mother: The Life of Ayako Koshino bildet auf den ersten Blick einen deutlichen Gegensatz zu seinen bisherigen Filmen. Das Werk, das zuletzt auf dem Japan Filmfest Hamburg 2026 zu sehen war, erzählt von der bekannten Modedesignerin Ayako Koshino, die einen enormen Einfluss auf die japanische Modewelt hatte und deren Familienunternehmen von ihren Töchtern bis heute weitergeführt wird. Trotz – oder gerade wegen – ihrer Bedeutung für die japanische Modebranche möchte Sone seinen Film jedoch nicht als „Modefilm“ verstanden wissen, sondern vielmehr als die Geschichte einer Frau, die sich gegen Traditionen, Rollenbilder und Vorurteile stellte und damit außergewöhnlichen Erfolg hatte.
Man sollte God Mother: The Life of Ayako Koshino jedoch in erster Linie als die Geschichte einer Unternehmerin betrachten. Solche Biografien können – unabhängig vom Medium – mitunter etwas trocken wirken. Sone entscheidet sich jedoch für einen erzählerischen Ansatz, der diese Lebensgeschichte zum einen sehr zugänglich macht und zugleich die Bedeutung seiner Hauptfigur hervorhebt. Beispielhaft dafür ist die Szene, in der ihr Vater ihr die erste eigene Nähmaschine kauft. Von diesem Moment an ist sie aus dem Haus der Familie nicht mehr wegzudenken und scheinbar ständig am Rattern. Die Leidenschaft für die Maschine und die Kleider, die sie mit ihr herstellen kann, ist der jungen Ayako deutlich anzusehen. Gleichzeitig mahnt ihr Vater sie, stets daran zu denken, „aus einem Yen immer zwei oder drei“ zu machen – eine Geschäftsphilosophie, die zum Kern ihres Denkens und Handelns wird. Ayako Koshino mag die talentierte Schneiderin sein und gegen die Traditionen ihrer Zeit aufbegehren, vor allem aber ist sie eine erfolgreiche Unternehmerin. Bisweilen weicht das Narrativ des Films auf Nebenschauplätze wie Ayakos Ehen oder die Beziehung zu ihren drei Töchtern aus, jedoch bleibt ihr Geschäftssinn stets die treibende Kraft. Ayako sorgt nicht nur für ihre Kinder, sondern denkt immer auch an die nächste Generation. Sie möchte keinen Mann an ihrer Seite haben, sondern jemanden, der sie unterstützt.
Kimonos, Uniformen und westliche Mode
Wie für ein Biopic typisch, springt auch God Mother: The Life of Ayako Koshino von Kapitel zu Kapitel, von Dekade zu Dekade. War man eben noch Zeuge, wie junge Männer aus Ayakos Umfeld zum Militärdienst eingezogen wurden, befindet man sich wenig später bereits in den Nachkriegsjahren und damit in einer Zeit des politischen wie wirtschaftlichen Umdenkens. Es wäre zwar nicht richtig, Sones Film als umfassendes Porträt dieser verschiedenen Phasen der japanischen Geschichte zu verstehen, wohl aber als ein Bild gesellschaftlicher Veränderungen. Koshino bricht nicht nur durch ihr Handeln und Denken mit den Traditionen ihrer Zeit – sie wird zugleich zu einer Wegbereiterin des sozialen Wandels. Die Uniformen, die ehemals in ihrem Schaufenster zu sehen waren, werden binnen weniger Stunden zu modischen Kleidern umgearbeitet, die reißenden Absatz finden und schnell zum Gesprächsthema der Stadt werden. Kimonos sucht man in Koshinos Laden schon bald vergeblich, denn die Trends aus den USA bleiben ihr nicht verborgen. Sie macht sich auf die Suche nach geeigneten Stoffen und entwickelt die westlichen Entwürfe schließlich auf ihre eigene Weise weiter.
Mao Daichi überzeugt als Ayako Koshino in den verschiedenen Facetten ihrer Figur – als Unternehmerin, Wegbereiterin und Designerin. Noch nicht einmal von einem übernatürlichen Wesen wie einem Engel lässt sie sich vorschreiben, wie ihr Leben zu erzählen sei, sondern nimmt ihm kurzerhand das Buch ihres Lebens aus der Hand. Auf Berichtigungen und Anmerkungen reagiert sie selbstbewusst und scharfzüngig – schließlich müsse sie ihr Leben selbst am besten kennen. Daichi spielt Koshino als eine Frau, die ihren Platz im Leben sucht, sich nicht um Hindernisse schert, die ihren Zielen im Wege stehen, und lieber nach vorne als zurückblickt. Dieser Ansatz macht God Mother: The Life of Ayako Koshino zu einem kurzweiligen und stellenweise faszinierenden Biopic, das vor allem von der schauspielerischen Leistung seiner Hauptdarstellerin lebt.
OT: Goddomaza Koshino Ayako no Shogai
Land: Japan
Jahr: 2025
Regie: Takeshi Sone
Drehbuch: Tetsuhiro Ikeda
Kamera: Takeshi Sone
Musik: Masanori Takumi
Besetzung: Mao Dachi, Tomoka Kurotani, Sawa Suzuki, Kyoka Mizukami, Yoichi Nukumizu, Udanji Ichikawa
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