Kritik

A Perfect Enemy

„A Perfect Enemy“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Perfektion ist die Kunst, sich auf das Wesentliche zu beschränken und den Menschen mit seinen Kreationen zu dienen, erklärt der erfolgreiche Architekt Jeremiasz Angust (Tomasz Kot) den Journalisten und seinen vielen Anhängern. Nach der Präsentation seines neuen Buches, in welchem er seine Philosophie erklärt sowie auf seine Bauprojekte zurückblickt, ist er auf dem Weg zum Pariser Flughafen, als er der Niederländerin Texel Textor (Athena Strates) begegnet, die auch dorthin möchte und schon seit einer Weile auf ein Taxi wartet. Bereits im Auto kommen die beiden ins Gespräch und begegnen sich später in der VIP-Lounge des Flughafens wieder, wo Texel dem Architekten vorschlägt, sie würde ihm die Geschichte ihres Lebens erzählen. Zunächst amüsiert und weil er sich die Zeit vertreiben will, willigt Angust in das Angebot ein, doch ist schockiert, als ihm die junge Frau von vielen beunruhigenden Ereignissen in ihrem Leben berichtet. Angewidert von Texels Geschichte, die er als kranken Scherz der Frau auffasst, will sich Jeremiasz zurückziehen, doch Texel lässt ihn nicht so einfach davonkommen. Immer beunruhigender wirkt die Präsenz Texels auf den Architekten und als diese ihn scheinbar bedroht, erzählt sie ihm noch den Rest ihrer Geschichte.

Das perfekte Selbst
A Perfect Enemy basiert auf dem erfolgreichen Roman Kosmetik des Bösen der belgischen Schriftstellerin Amélie Nothomb und ist die erste internationale Produktion des katalanischen Regisseurs Kiké Maíllo. Der Film, der auf dem diesjährigen Sitges Film Festival zu sehen ist, stellt ein weiteres Projekt des Katalanen dar innerhalb des Thrillergenres, in dem sich bereits Filme wie Eva – Gefühle kann man nicht programmieren oder Toro – Pfad der Vergeltung bewegten. A Perfect Enemy erzählt eine Geschichte, die sich mit der Idee des perfekten Lebens und des perfekten Selbst auseinandersetzt, wie man lernt, die dunklen oder nebulösen Episoden seiner eigenen Geschichte aus der Biografie zu verbannen.

Interessant und für die Handlung essenziell ist die Verbindung der Themen des Films mit der expressionistischen Kraft von Architektur. Mit deutlichen Verbeugungen vor moderner Architektur, besonders der Bauhaus-Schule, referiert Angust gleich zu Anfang, begleitet von einer entsprechenden Präsentation im Hintergrund, über sein Konzept der Architektur, welche im Dienste der Menschen nach mehr Funktionalität strebt. Zentral ist der Begriff der Perfektion in der Form, welche einer Perfektion im Leben und der Welt gleichkommt, oder zumindest eine solche Utopie anstrebt. Das Modell des Anbaus des Pariser Flughafens, den Angust mit geplant hat, ist ein Beispiel für seine Philosophie, die er von der Kunst auf sein ganzes Leben übertragen hat.

Jedoch zeigen sich erste Risse in diesem Selbst- und Lebensbild. Ein roter Fleck auf dem Modell, der sich rasch ausbreitet und von dem sich Angust nicht sicher ist, ob er ihn sich nur einbildet, offenbart einen Fehler, eine strukturelle Unebenheit, die das große Ganze bedroht. Die Inszenierung Kiké Maíllos sowie die Bilder Rita Noriegas geben immer wieder solche subtilen Hinweise auf die Risse in diesem Leben, Andeutungen auf die Künstlichkeit dieser Perfektion, bis diese dann gänzlich in sich zusammenfällt.

Der innere Feind
Als Gegenentwurf zu diesem „perfekten“ Leben muss man die Geschichte der von Athena Strates gespielten Texel sehen. Indem sie Angust bittet, die Augen zu schließen und sich ihre Geschichte wie einen Film vorzustellen, legt sie den Grundstein für die Auseinandersetzung mit der maroden Struktur des Selbst. Immer wieder unterbricht sie die Erzählung, weist Angust auf die Diskrepanz zwischen seiner Vorstellung und der Realität hin und zwingt ihn so, die Mängel, den Dreck und die Gewalt zu sehen, Bilder also, welche sich nicht mit seiner Idee des Perfekten vereinbaren lassen.

Die aus The Good Liar – Das alte Böse und der Serie Deutschland 86 bekannte Athena Strates zeigt Texel als eine Figur, die für eben jene Episoden steht, die ihr Gegenüber gerne unterdrücken würde, die er aus seinem Leben im Sinne der Perfektion ausgeklammert hat. Verwundbar und sensibel, doch dann wieder mit einer bösen Ironie durchbricht sie dieses Bild und erzählt zugleich von einem Leben, in dem eine junge Frau genauso nach einer Ahnung von jener Perfektion strebt, wie sie Angust für sich beansprucht, und dabei immer mehr in die Dunkelheit der Vergangenheit hinabgleitet.

Credits

OT: „A Perfect Enemy“
Land: Spanien, Frankreich, Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Kiké Maíllo
Drehbuch: Kiké Maíllo, Cristina Clemente, Fernando Navarro
Vorlage: Amélie Nothomb
Musik: Alex Baranowski
Kamera: Rita Noriega
Besetzung: Tomasz Kot, Athena Strates, Marta Nieto, Dominique Pinon, Götz Vogel von Vogelstein

Bilder

Trailer

Interview

Was bedeutet für sie Perfektionismus? Und welche Erfahrungen hat sie beim Dreh von A Perfect Enemy gemacht? Diese und weitere Fragen haben wir Hauptdarstellerin Athena Strates in unserem Interview zum Film gestellt.

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A Perfect Enemy
„A Perfect Enemy“ ist ein spannender Psychothriller, der besonders durch seine beiden Hauptdarsteller überzeugt. Kiké Maíllo erzählt von einer Philosophie des Perfekten, die sich von der Kunst auf das Leben übertragen hat und die Vergangenheit fast komplett ausblendet.
7von 10

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