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Liane-Cho Han / Maïlys Vallade [Interview]

Basierend auf dem autobiografischen Roman Metaphysik der Röhren von Amélie Nothomb erzählt Die kleine Amélie oder Der Charakter des Regens davon, wie sie als kleines Mädchen zusammen mit ihrer belgischen Familie in Japan aufgewachsen ist. Die ersten Lebensjahre sind bei Amélie davon geprägt, dass sie sich wie ein regungsloser Gott fühlt, um den sich alles kreist. Doch mit der Zeit muss sie feststellen, dass die Welt größer ist und sie nur ein Teil davon ist. Und das ist nur eine von mehreren Herausforderungen, mit denen sie sich auseinanderzusetzen hat. Seit der Premiere 2025 in Cannes hat sich der Animationsfilm zu einem echten Festivalhit entwickelt, der für diverse bedeutende Preise nominiert wurde – darunter den Oscar als bester Animationsfilm des Jahres. Zum Kinostart am 11. Juni 2026 hatten wie die Gelegenheit, das Regieduo Liane-Cho Han und Maïlys Vallade zu sprechen.

Könnt ihr uns etwas über die Entstehungsgeschichte des Films verraten? Warum wolltet ihr das Buch von Amélie Nothomb verfilmen?

Maïlys Vallade: Es ist ein universelles Werk. Auch wenn es in Japan spielt, redet es von sehr tiefen Themen, von philosophischen Themen. Was macht unsere Identität aus, gerade auch im Alter zwischen null und drei Jahren, wenn wir vom Baby zum Kind werden? Amélie sieht sich selbst als ein Gott. Aber ein Gott, der in einer Kapsel lebt und dadurch eingeschränkt ist. Das Buch selbst habe ich von Liane-Cho bekommen. Wir beide arbeiten schon seit vielen Jahren zusammen und haben uns immer gefragt, woher die Figuren eigentlich kommen. Wer sind diese Menschen? Was sind ihre Motivationen? Wir sind da ein bisschen wie Bildhauer, die an etwas arbeiten, was nach und nach Form annimmt. Und das war auch diesmal so.

Liane-Cho Han: Wir lieben Filme, die anspruchsvolle Themen haben, die für jedes Publikum relevant sind, ob jung oder erwachsen. Für uns enthält das Buch all das, was wir für einen Film brauchen. Ich habe das Buch entdeckt, als ich 19 Jahre alt war. Ich war also noch ziemlich jung, als ich es gelesen habe. Damals war ich kein Bücherwurm. Mich hat die Popkultur mehr angesprochen, Animes zum Beispiel oder Videospiele. Aber mich hat das Buch damals sehr bewegt. Das Konzept eines zweieinhalbjährigen belgischen Mädchens, das in Japan aufwächst und sich für einen Gott hält. Das war so verrückt! Doch auch wenn Amélie einzigartig ist, glaube ich, dass sich alle Kinder in dem Alter für einen Gott halten oder zumindest den Mittelpunkt des Universums. Das Buch beschreibt einen wichtigen Übergang, wenn wir verstehen, dass wir nicht der Mittelpunkt sind, sondern Teil eines Universums. Und dann ist da noch das Thema des Nachkriegsjapans. Ich hatte einige Jahre vorher Die letzten Glühwürmchen von Isao Takahata entdeckt, das wahrscheinlich mein Lieblingsfilm ist.

Und warum habt ihr das Buch als Animationsfilm umgesetzt?

Liane-Cho Han: Animation hat uns einfach ganz andere Möglichkeiten gegeben, wenn es darum geht, die Erfahrungen und Gedanken bildlich umzusetzen. Beispielsweise hatte ich schon früh die Idee, dass Amélie nicht über das Wasser laufen soll wie Jesus, sondern wie Moses das Wasser teilen soll.

Nun ist Animation ein ganz weites Feld, mit den unterschiedlichsten Stilen und Techniken. Warum habt ihr euch für diesen Stil entschieden?

Maïlys Vallade: Ich habe schon als Studentin mit diesem Stil gearbeitet. Liane-Cho und ich sind seit Langem Storyboarder und haben dabei viel mit Rémi Chayé zusammengearbeitet. Wir haben dabei immer einen realistischen, naturalistischen Stil verwendet, keinen cartoonesken. Wir mögen es lieber etwas reduzierter, mit einem großen Fokus auf die Farben. Und das haben wir in diesem Film noch einmal besonders verfolgt, weil wir die Geschichte aus der Sicht eines Kindes erzählen. Rémi war es übrigens auch, der mir Liane-Cho empfohlen hatte, weil die beiden sich sehr gut kannten.

Liane-Cho Han: Genau. Wir haben uns beide in diesen Stil verliebt, als wir mit Chayé an Long Way North gearbeitet haben. Es gibt aber auch wirtschaftliche Gründe. In den USA und in Japan hast du diese großen Studios, die es seit Jahrzehnten gibt und die einen Stil pflegen. So etwas gibt es in Frankreich nicht. Frankreich ist ein tolles Land, wenn du Animationsfilme machst. Aber wir müssen jedes Mal das Rad neu erfinden, weil der Stil jedes Mal neu ist. Wir konnten nach Long Way North und Calamity, a Childhood of Martha Jane Cannary unseren Stil fortführen und verfeinern, auch weil wir mit denselben Leuten zusammengearbeitet haben. Das war sehr viel effizienter. Dadurch konnten wir uns stärker auf die Erzählung konzentrieren.

Wir schauen in dem Film Amélie zu, wie sie lernt, sich in der Welt zurechtzufinden. Was können wir umgekehrt von Amélie lernen?

Maïlys Vallade: Wir können vor allem lernen, dass wir Kinder ernst nehmen sollten. Das sind sehr intelligente kleine Wesen, die auch sehr inspirierend sein können. Man muss natürlich aufpassen auf das, was sie sagen wollen. Amélie muss akzeptieren, Teil der Welt zu sein und die Dinge des Lebens zu nehmen, selbst wenn sie sehr schwierig sind. Wichtig ist es, immer weite vorwärts zu kommen. Und das ist eine Message, die gerade auch für Erwachsene gilt.

Liane-Cho Han: Was Amélie uns auch lehren kann, ist diese Welt genau anzuschauen. Das ist etwas, das wir mit der Zeit vergessen. Es sind viele Leute zu uns gekommen, nachdem sie den Film gesehen haben, und meinten, dass er sie daran erinnert hat, sich die Welt wirklich anzuschauen. Daran, wie schön diese Welt ist. Wir müssen lernen, wieder wie ein Kind zu schauen.

Maïlys Vallade: Und verzaubert zu sein.

Gegen Ende des Films wird viel über das Thema Erinnerungen gesprochen, wie uns diese beeinflussen und wie wir diese behalten können. Habt ihr Kindheitserinnerungen, die euch zu denen gemacht haben, die ihr heute seid?

Maïlys Vallade: Natürlich. Ich hatte auch nicht immer eine einfache Kindheit. Aber das ist etwas, das wir akzeptieren müssen. Manchmal sind es die schwierigen Erfahrungen, die uns formen und uns zu dem Menschen machen, der wir sind. Deswegen ist es auch wichtig, Traumata zu überwinden, damit sie einen nicht zerstören. Und es ist eben wichtig, das Schöne zu sehen und anzunehmen.

Liane-Cho Han: Das sehe ich genauso. Ich erinnere mich noch, wie ich als Kind immer wieder meine Eltern haben streiten hören, vermutlich weil sie Geldprobleme hatten. In dem Alter verstehst du diese ganzen Probleme nicht. Du fühlst aber die Anspannung. Uns wurde geraten, eine Szene aus dem Film zu entfernen, in der es um den Zweiten Weltkrieg ging, weil Kinder das nicht verstehen können. Und es stimmt natürlich, dass Kinder das nicht so begreifen können wie Erwachsene. Aber sie spüren die Anspannung, wenn sich Menschen streiten. Wie Maïlys gesagt hat: Kinder verstehen mehr, als wir ihnen zutrauen. Sie verstehen es aber auf eine andere Weise, eine stärker emotionale.

Vielen Dank für das Interview!



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