„The Poetess“, Deutschland, 2018
Regie: Stefanie Brockhaus, Andreas Wolf; Musik: Sebastian Zenke

The Poetess

„The Poetess“ läuft ab 31. mai 2018 im Kino

Inzwischen sind wir es ja gewohnt, dass sich die Menschen in den Fernsehern in allen erdenklichen Bereichen Wettkämpfe liefern und der Rest der Nation ihnen dabei zusieht. Dabei spielt es eigentlich keine wirkliche Rolle, ob sie nun um besonders heiratswürdige Junggesellen streiten, ihres Sangeskünste miteinander messen oder irgendwelche Insekten im Dschungel futtern. Hauptsache, es gibt was zu sehen. Am besten auch noch ein bisschen was Emotionales und Kontroverses dazu, Langeweile gibt es schließlich daheim schon genug.

Kontrovers waren die Auftritte von Hissa Hilal bei Million’s Poet sicherlich, einem arabischen Poesiependant zu American Idol und Konsorten. Das fing schon mit dem Geschlecht an: Sie ist eine Frau. Was hierzulande in solchen Talentshows nun nicht wirklich ein Grund zum Erstaunen ist, ist es in ihrer Heimat Saudi-Arabien durchaus. Denn dort durften Frauen bis vor Kurzem nicht Auto fahren oder unerlaubt Berufen nachgehen, selbst der Besuch beim Nachbarn galt als Sünde. Von der Entblößung menschlicher Haut ganz zu schweigen.

Umstrittene Pionierin 
Von Hilal ist dann auch in The Poetess nicht wirklich viel zu sehen. Das höchste der Gefühle sind ihre Augen, die sie durch den Ganzkörperschleier zeigt. Und auch das erst später, bei ihrem ersten Auftritt waren selbst die verhüllt. Dafür ist umso mehr von ihr zu hören. Anders als man vielleicht meinen könnte, zeigte sich die 43-jährige Hausfrau in ihren Gedichten nicht sehr unterwürfig. Im Gegenteil, in scharfen Worten griff sie Patriarchat, später auch religiöse Ereiferer an. Dafür erntete sie viel Applaus, schaffte es 2010 als erste Frau sogar ins Finale der von Millionen Menschen gesehenen, auch finanziell durchaus lukrativen Show. Sie sorgte aber auch für jede Menge Kontroversen.

Aus hiesiger Sicht ist das natürlich alles ein wenig schwerer zu fassen. Die große Errungenschaft von Hilal, sie wirkt außerhalb dieser Erfahrungswelt eher kurios. Um dem entgegenzuwirken, schweifen die Regisseure Stefanie Brockhaus und Andreas Wolf mitunter ganz schön ab. Während über die Protagonistin, vermutlich aus Gründen des privaten Schutzes, praktisch gar nichts erzählt wird, wir sie nie als Menschen kennenlernen, wird ihre Geschichte durch Exkurse zur allgemeinen Situation unterbrochen. Wie lebt es sich in Saudi-Arabien? Wie kommt es, dass Frauen hier so wenig zu sagen haben?

Viel Füllmaterial, viel Distanz
Das ist einerseits interessant und thematisch natürlich verwandt. Gleichzeitig wird dadurch aber auch deutlich, dass die Geschichte um die vermummte Poetin zwar für Schlagzeilen gut war, aber nicht genug Stoff für einen kompletten Dokumentarfilm liefert. Hinzu kommt, dass die vorgetragenen Gedichte als bloß untertitelte Version keinen großen Eindruck hinterlassen. Die Sprachbarriere ist zu groß, auch die Monotonie der Auftritte ist nicht unbedingt ein Genuss fürs Ohr. The Poetess ist ein Film, der sicher ein wichtiges Thema aufgreift, aber ungeeignet ist, die Zuschauer wirklich einzufangen.

Einige wenige Bilder, die Hilal in ihren Gedichten verwendet, stechen dabei durchaus hervor. Beispiele, wenn die Poesie der kämpferischen Frau auch als solche erkennbar ist. Kunstinteressierte wird der Beitrag von der DOK Leipzig 2017 dennoch weniger ansprechen. The Poetess lebt eher von den Umständen als von dem Inhalt. Davon, wie ein aufmerksamer Geist eine ungewöhnliche Situation für sich entdeckt hat, um mit den Menschen da draußen zu kommunizieren und wachzurütteln.

The Poetess
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The Poetess
„The Poetess“ erzählt, wie es erstmals eine Frau schaffte, in das Finale der Talentshow „Million’s Poet“ zu kommen und das Publikum mit kritischen Gedichten konfrontierte. Über den Menschen hinter dem Schleier erfährt man jedoch nur wenig, die Geschichte um die Auftritte wird durch allgemeine Ausführungen zur Situation der Frau gestreckt. Das ist als Thema interessant und wichtig, bleibt aber doch ziemlich auf Distanz.
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