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Aruku

„Aruku“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Inhalt / Kritik

In einer utilitaristisch organisierten Welt wie unserer muss auch das Reisen einem Nutzen dienen. Nach einigen Wochen Urlaub kehrt man (hoffentlich) erholt wieder an den Arbeitsplatz zurück und kann sich nun mit neuer Energie den alten Aufgaben widmen. Dass diese Definition nicht nur sehr eindimensional gefasst, sondern auch schädlich sein kann, belegen die hohen Burn-out-Quoten sowie die Statistiken zum Thema Berufsabbruch, die man mit politisch motivierten Appellen, mehr zu leisten, mitnichten von heute auf morgen auf einen niedrigen Stand bringen wird. Gerade das Reisen sollte wiederentdeckt werden – als eine Unternehmung, bei der nicht immer nur das Ziel wichtig ist, sondern auch der Weg dorthin. Bedenkt man allein, wie viele junge wie alte Menschen sich aufmachen, die Welt um sich herum zu entdecken, fällt auf, dass diese Definition viele Anhänger findet. Reisen ist nicht nur körperliche Erholung im Sinne des Arbeitsmarktes, sondern auch eine spirituelle Erfahrung und eine Form der Kommunikation mit der Welt und mit sich selbst.

Gerade mit Blick auf Pilgerreisen überzeugt diese Definition umso mehr. Ob nun die Hadsch nach Mekka, Pilgerfahrten zum Ganges oder der Jakobsweg – es ist weniger das Ziel, das hier im Vordergrund steht, als vielmehr die Erfahrung. Im Buddhismus spielt die Shikoku-Pilgerfahrt dabei eine besondere Rolle, da man auf ihren Wegen den Spuren des berühmten Mönchs Kūkai folgt und insgesamt 88 Tempel besucht. Die rund 1.200 Kilometer umfassende Pilgerreise wird jedes Jahr von zahlreichen Menschen unternommen, so auch von Regisseurin Shiho Kataoka, die sich anlässlich ihres 40. Geburtstags auf diesen Weg machte. Am Ende stand für sie der Entschluss, ihre erste Dokumentation zu drehen – über den Shikoku-Pilgerweg, darüber, warum er so viele Menschen anzieht, was sie sich von ihm versprechen und welche Rolle eine solche Reise in unserer heutigen Welt überhaupt einnimmt.

Für ihre Dokumentation Aruku, was so viel bedeutet wie „Ich gehe“, begleitet Kataoka gleich vier Personen auf ihrem Weg zu den 88 Tempeln Shikokus. Hiroe, Shoji und Li kommen mit sehr unterschiedlichen Motivationen auf die Insel. Während Hiroe und Shoji nach Orientierung im Leben suchen, ist Li vor allem von der Geschichte Kūkais inspiriert und möchte sich diesem näher fühlen. Dafür reist er eigens aus China an. Für Mukoh hingegen ist dies nicht die erste Pilgerreise, denn er hat sie bereits mehr als 35 Mal unternommen, wobei jede Erfahrung für ihn anders ausfällt. Kataoka fungiert dabei nicht nur als Beobachterin, sondern spricht mit ihren Protagonisten über deren Erlebnisse und darüber, was sie auf ihrer Reise lernen. Aruku wird so zu einer Dokumentation über die Notwendigkeit des Innehaltens, Nachdenkens und der Neuorientierung im Leben. Der Film war zuletzt auf der Nippon Connection 2026 zu sehen.

„Ich will für mich sein.“

Auch die Beziehung der Regisseurin zu ihren vier „Hauptcharakteren“ durchläuft verschiedene Stadien. Besonders intensiv scheint der Austausch mit Hiroe zu sein, die sich nach vielen Jahren als Apothekerin fragt, ob sie diesen Beruf tatsächlich bis an ihr Lebensende ausüben möchte. Gleichzeitig ist sie unsicher, ob ihre derzeitige Beziehung Bestand haben wird und ob sie überhaupt Kinder haben möchte. Klarheit ist ihr wichtig oder vielmehr die Befreiung von all den Gedanken, die sie durch das Gehen auf der Pilgerreise erfährt – wobei sie die Präsenz der Kamera bisweilen stört. In einem Gespräch mit Kataoka betont sie, dass sie es bevorzugen würde, wenn die Kamera sie von hinten filmt und die Regisseurin mehr Distanz zu ihr wahrt. Ihr Lächeln vermag dabei kaum ihre Frustration über diesen „verlorenen Tag“ zu verbergen. „Ich will für mich sein“, sagt sie, und man gewinnt den Eindruck, dass sie damit nicht nur die Reise selbst meint, sondern ihrer Aussage noch eine tiefere Bedeutung zukommt.

In Aruku nähert sich Shiho Kataoka einem Prozess an, der sich nur schwer in Worte fassen lässt. Auch Bilder und Gespräche bleiben letztlich lediglich Annäherungen an eine Erfahrung, die für die vier Menschen, denen sie begegnet, existenziell ist und ihr Leben möglicherweise verändern wird. Da die Filmemacherin die Reise selbst unternommen hat, kennt sie die Grenzen eines solchen Vorhabens und versucht gar nicht erst, diese zu überwinden. Der Wert ihrer Dokumentation liegt vielmehr darin, die unterschiedlichen Hintergründe ihrer Protagonisten sichtbar zu machen, in deren bisherigen Leben ein Prozess, wie ihn Hiroe beschreibt, bislang kaum Raum hatte. Wie zur Bestätigung erklärt ein älterer Mann einigen Pilgern, ihre Unternehmung sei letztlich selbstsüchtig und diene nicht der Gesellschaft.

Aruku ist jedoch auch kein Werk, das allein die Schönheit der Insel Shikoku oder die Pracht ihrer Tempel einfangen möchte. Wir beobachten Hiroe dabei, wie sie sich innerhalb eines Tages mehrfach verläuft und Passanten nach dem richtigen Weg fragen muss. Shoji ist die Anstrengung eines Anstiegs deutlich anzumerken – ebenso wie die Dankbarkeit, als ihm ein Mann ein Bonbon reicht, dessen salziger Geschmack bei der Hitze wohltut. Mukoh achtet unterwegs auf Äste, die ihm oder anderen im Weg liegen, sammelt Müll auf und beseitigt sogar überfahrene Tiere am Straßenrand. Aruku zeigt die vielen Facetten des Gehens und Wanderns sowie die unterschiedlichen Erfahrungen, die damit verbunden sind, auch wenn sich deren Bedeutung für die individuelle Entwicklung nicht immer unmittelbar erschließt. Dafür braucht es die nötige Ruhe und Muße – oder man wandert einfach weiter.

Credits

OT: Aruku
Land:
USA, Japan
Jahr:
2025
Regie:
Shiho Kataoka
Drehbuch: Shiho Kataoka
Kamera: Shiho Kataoka
Musik: Masahiro Takahashi

Bilder

Trailer

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Aruku
fazit
"Aruku" ist eine Dokumentation über die spirituelle Erfahrung des Reisens und Wanderns. Regisseurin Shiho Kataoka begleitet vier Menschen auf ihrer Pilgerreise, spricht mit ihnen über ihre Erfahrungen und stellt die Frage, welchen Wert solche Momente des Innehaltens und der Reflexion in der heutigen Welt besitzen.
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