Wer wir gewesen sein werden
© Erec Brehmer

Wer wir gewesen sein werden

„Wer wir gewesen sein werden“ // Deutschland-Start: 14. Juli 2022 (Kino)

Inhalt / Kritik

Es gibt im Bereich des Dokumentarfilms die oft geäußerte Ansicht, dass der Regisseur bzw. die Regisseurin eine möglichst große Distanz zu seinem Thema braucht, um ganz neutral und unvoreingenommen davon berichten zu können. Das mag als Ziel oft stimmen, wenn es darum geht, Sachverhalte aus mehreren Perspektiven zu beleuchten, vielleicht das für und wider abzuwägen und neue Wege aufzuzeigen. Andere leben hingegen von dem persönlichen Bezug zu der erzählten Geschichte. Dazu zählen die ganzen Reisedokus, die von den individuellen Erfahrungen unterwegs berichten und möglichst anschaulich geschildert werden sollen. Aber auch Familiengeschichten wie Anima – Die Kleider meines Vaters, Walchensee Forever oder Vergiss mein nicht leben geradezu davon, dass aus dem Nähkästchen geplaudert und viele selbst erlebte Anekdoten geteilt werden.

Die persönliche Beschäftigung mit dem Tod

Selten aber findet man einen Dokumentarfilm, der derart konsequent auf Distanz verzichtet wie Wer wir gewesen sein werden. Dabei ist das Thema keines, das unbedingt dazu einlädt, Wildfremden etwas zu erzählen. Genauer beschreibt Regisseur Erec Brehmer (La Palma), wie sein Leben aussieht, nachdem er seine große Liebe Angelina Zeidler verloren hat. Er selbst hat zahlreiche körperliche Verletzungen bei dem Autounfall davongetragen, ebenso die Gegenseite. Angelina selbst ist noch am Unfallort gestorben. Der Film setzt dabei einige Zeit nach dem Tod ein, kehrt in Gedanken aber immer wieder zu dem Tag zurück. Überhaupt gibt es bei den angesprochenen Themen keine fortlaufende Entwicklung. Vielmehr sind es Mosaikstücke, die Brehmer hervorholt und zu einem Bild zusammenzusetzen versucht.

Das können mal alte Aufnahmen sein, wenn er mit dem Publikum gemeinsame Momente mit Angelina teilt. An vielen Stellen sind es aber aktuelle Gedanken von ihm die er mittels Voiceover festhält und in denen er beschreibt, wie es ihm geht. Das hat oft etwas von einer Therapiesitzung, wenn sogar Selbstmordgedanken und andere hässliche Aspekte offen anspricht. Wer ein Problem damit hat, wenn andere ihr Inneres nach außen kehren, der macht daher vielleicht lieber einen Bogen um Wer wir gewesen sein werden. Auch besonders sensible Zuschauer und Zuschauerinnen sollten sich das genau überlegen, ob sie wirklich Brehmer auf seine Reise in die eigenen Abgründe begleiten wollen. Einfach ist es nicht, beim Anschauen die Distanz zu bewahren und sich nicht von seiner Trauer mitreißen zu lassen. Wir lernen einen Mann kennen, der so sehr von dieser Gemeinsamkeit geprägt war, dass er allein nicht mehr zurechtkommt.

Zwischen Würdigung und Abschied

Wobei es ihm nicht allein darum geht, von seinem Leid zu klagen. So soll sein Film gleichzeitig eine Würdigung seiner großen Liebe wie auch ein Abschied von ihr sein. Man spürt in Wer wir gewesen sein werden zu jeder Zeit, wie wichtig es dem Filmemacher ist, alles festzuhalten, zu reden und sich dabei auch vielem erst bewusst zu werden. Die Dokumentation, die unter anderem auf dem DOK.fest München 2021 lief, dreht sich im Kreis und ist doch getrieben von dem Wunsch weiterzukommen. Das ist natürlich widersprüchlich. Aber Widersprüche finden sich einige in der Gefühls- und Gedankenwelt Brehmers. Ein Manko ist das nicht. Vielmehr zeigt der Film schön auf, wie komplex solche Situationen sein können. Es gibt keine eindeutige Antwort, weder für den Trauernden, noch das Publikum. Es gibt nur den Versuch, in irgendeiner Form das alles zu verarbeiten.

Eine neue Liebe, eine neue Wohnung? Sind wichtig, gleichzeitig aber auch mit Gewissensbissen verbunden. Denn vergessen will er Angelina nicht. Er fühlt sich sogar schuldig, wenn er weiterleben möchte. Am Ende ist Wer wir gewesen sein werden ein sehenswerter Beitrag zu einem Thema, das gleichermaßen universell wie individuell ist. Man hat am Ende viel gehört, viel gelernt und gespürt, ohne dabei weiter gekommen zu sein. Das ist nicht unbedingt für alle geeignet, da werden so einige überfordert sein. Kalt lassen einen die anderthalb Stunden Nabelschau aber kaum.

Credits

OT: „Wer wir gewesen sein werden“
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Regie: Erec Brehmer
Drehbuch: Erec Brehmer
Musik: Alexander Maschke
Kamera: Erec Brehmer, Angelina Zeidler

Bilder

Trailer

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Wer wir gewesen sein werden
Fazit
„Wer wir gewesen sein werden“ begleitet den Regisseur, wie er den Tod seiner Freundin zu verarbeiten versucht. Das ist mit vielen sehr persönlichen Gedanken und Geschichten verbunden, deren Nähe man erst ertragen muss. Aber es ist ein sehenswertes Werk Trauerarbeit, das Universelles anspricht und dabei doch individuell bleibt.
Leserwertung54 Bewertungen
5.4