
Anfang der 1970er-Jahre kommt es in der kommunistischen Einflusssphäre zu einem Bruch zwischen Moskau und Rom. Enrico Berlinguer (Elio Germano), der Generalsekretär der Kommunistischen Partei Italiens (PCI), grenzt sich vom Sozialismus sowjetischen Zuschnitts ab. Sein Ziel ist es, die sozialistischen Ideale mit westlichen Demokratievorstellungen zu vereinen. Gegen äußere wie innere Angriffe ankämpfend sucht Berlinguer den „historischen Kompromiss” mit seinem Kollegen Aldo Moro (Roberto Citran), dem Chef der Christdemokraten, was vom gewieften Strategen Giulio Andreotti (Paolo Pierobon) besonders argwöhnisch beäugt wird. Ausgerechnet als der Durchbruch zum Greifen nahe scheint, wird Aldo Moro von den Roten Brigaden entführt.
Große Erwartungen
Die Frage, wie eine Nation heute aussähe, wäre die Geschichte nur ein klein wenig anders verlaufen, ist faszinierend. Wären die Vereinigten Staaten von Amerika ein gerechterer Ort, der weniger auf Individualismus und mehr auf Solidarität setzt, hätte John Reed (1887–1920) ein Jahr vor seinem frühen Tod nicht aus den USA fliehen müssen, wären John F. Kennedy (1917–1963), Bobby Kennedy (1925–1968), Martin Luther King Jr. (1929–1968) und Malcolm X (1925–1969) nicht gewaltsam zu Tode gekommen und wäre der 1974 im Zuge der Watergate-Affäre zurückgetretene US-Präsident Richard Nixon (1913–1994) nicht von seinem Nachfolger Gerald Ford (1913–2006) begnadigt worden? Welchen Kurs hätte der sogenannte Westen eingeschlagen, hätten nicht Ronald Reagan (1911–2004) in den USA, Margaret Thatcher (1925–2013) in Großbritannien und Helmut Kohl (1930–2017) in der Bundesrepublik Deutschland an den Wahlurnen triumphiert und in den 1980er-Jahren eine konservative Wirtschafts- und Sozialpolitik vorangetrieben? Und wie wäre es um Italien im Jahr 2026 bestellt, wenn es Enrico Berlinguer (1922–1984) gelungen wäre, den „historischen Kompromiss“ zwischen seiner Kommunistischen Partei Italiens und Aldo Moros (1916–1978) Christdemokraten zu schließen? Fragen wie diese treiben selbstredend auch Filmschaffende um.
Hollywoodstar Warren Beatty hat John Reed, dem Begründer der ersten kommunistischen Partei der USA, in seinem monumentalen Biopic Reds (1981) ein kinematografisches Denkmal gesetzt. Die filmischen Auseinandersetzungen mit den Kennedy-Brüdern und den US-Bürgerrechts-Ikonen sind ebenso Legion wie die mit Nixon und den Folgen der Watergate-Affäre. Erstaunlich zahlreich sind auch die Dokumentarfilme über Enrico Berlinguer. Für Andrea Segre klaffte dennoch eine Lücke, denn „niemand hat je versucht, dem fiktionalen Kino die ‚innere‘ Rekonstruktion seines Lebens, seiner Welt und seines Volkes anzuvertrauen“, sagt Segre über seinen berühmten Landsmann. Diese Lücke hat der 1975 in Dolo bei Venedig geborene Regisseur nun geschlossen.
Zwischen Moskau und Rom
In Deutschland ist Andrea Segre ausgerechnet für zwei Filme über Venedig bekannt. Und das, obwohl ihm die weltberühmte Lagunenstadt, aus deren unmittelbarer Nähe nicht nur er, sondern auch sein Vater stammt, immer fremd geblieben ist. Denn im Gegensatz zu seinem Vater ist Andrea Segre nicht dort aufgewachsen. Während der Coronapandemie steckte Segre jedoch dort fest und hat gleich zwei Filme realisiert, die es in die deutschen Kinos geschafft haben: den Dokumentarfilm-Essay Moleküle der Erinnerung – Venedig wie es niemand kennt (2020), der sich als philosophische Sinnsuche in einer Geisterstadt beschreiben ließe, und den Spielfilm Welcome Venice (2021), ein mit dokumentarischer Präzision gefilmtes Drama über die Auswüchse der Globalisierung am Beispiel einer alteingesessenen venezianischen Familie. Segre, der vom Dokumentarfilm kommt, liegen Themen am Herzen, die um marginalisierte Gruppen, Ethnien und Kulturen kreisen. Dass er sich einer entscheidenden Phase des Lebens eines bekannten kommunistischen Politikers angenommen hat, verwundert nicht.
Das Spannendste an diesem Biopic über einen Politiker, dessen eigener Ehrgeiz bzw. große Ambitionen es bis in den Untertitel des Films geschafft haben, ist das eingangs dieser Kritik beschriebene „Was wäre wenn …?“. Obwohl wir den Ausgang der Geschichte kennen, kommen wir im Kinosaal nicht umhin, mit Enrico Berlinguers unermüdlichem „Versuch, den Sozialismus in einer demokratischen und unabhängigen Gesellschaft umzusetzen, die Ungleichheiten zu überwinden, und dabei alle wirtschaftlichen und kulturellen Freiheiten zu garantieren, die die sowjetischen Diktaturen unterdrückt hatte“ (O-Ton Andrea Segre), mitzufiebern. Dass wir als Zuschauer trotzdem darauf hoffen, dass dieses Wagnis gelingen könnte, obwohl wir es eigentlich besser wissen bzw. dass wir uns während des Kinobesuchs ausmalen, wie die Geschichte hätte anders ausgehen können, das ist in erster Linie das Verdienst von Hauptdarsteller Elio Germano, der eine mitreißende Darbietung abliefert.
Segres Regie bleibt indessen blass. Die großen Erwartungen, die manch einer in diesen Film gesetzt haben mag, werden enttäuscht. Denn inszenatorisch erinnert der Film – von den farblosen Sets und Kostümen über die uninspirierte Kamera und Montage bis zur dröge chronologisch erzählten Handlung – an nüchternes Polittheater. Etwas mehr Einfallsreichtum, Schwung und – bei allem angebrachten Ernst der Lage – Humor hätte es gern sein dürfen – ganz so, wie es jüngst Nanni Moretti in seiner Auseinandersetzung mit der Kommunistischen Partei Italiens in seinem Film Das Beste liegt noch vor uns unter Beweis gestellt hat.
OT: „Berlinguer: La grande ambizione“
Land: Italien
Jahr: 2024
Regie: Andrea Segre
Drehbuch: Andrea Segre, Marco Pettenello
Musik: Iosonouncane (d. i. Jacopo Incani)
Kamera: Benoît Dervaux
Besetzung: Elio Germano, Stefano Abbati, Francesco Acquaroli, Fabio Bussotti, Paolo Calabresi, Roberto Citran, Paolo Pierobon, Alice Airoldi
Rome Film Festival 2024
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