
Nach dem Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs kehren viele Menschen zu ihren Familien zurück – in der Hoffnung auf ein friedliches Leben. Für zahlreiche Farmer entsteht jedoch schon bald eine neue Bedrohung in Form der Eisenbahngesellschaften und ihrer Handlanger, die mit skrupellosen Methoden Bauern ihr Land zu Spottpreisen abkaufen. Auch in der kleinen Gemeinde Liberty versuchen sie ihre Methoden durchzusetzen, stoßen jedoch auf Widerstand, als sich die Brüder Jesse und Frank James (Tyrone Power und Henry Fonda) gegen sie stellen. Schon bald wird ein hohes Kopfgeld auf die Brüder ausgesetzt, die durch Überfälle auf Züge den Kampf gegen die Eisenbahngesellschaften weiter verschärfen. Innerhalb kürzester Zeit werden Jesse und Frank in der Bevölkerung weit über Liberty hinaus heldengleich verehrt und beherrschen immer wieder die Schlagzeilen. Der Konflikt mit den Behörden und den Konzernen bleibt jedoch nicht ohne Folgen für die Brüder. Während Frank vergleichsweise besonnen und vorsichtig bleibt, wird Jesse zunehmend verbittert und unberechenbarer. Auch seine Frau Zee (Nancy Kelly) bemerkt die Veränderung ihres Mannes und versucht, ihn davon zu überzeugen, dieses Leben hinter sich zu lassen, bevor es zu spät ist. Doch das Leben als Gesetzloser fordert seinen Tribut, und Jesse ist überzeugt, dass es für ihn nur noch zwei Auswege gibt: den Galgen oder eine Kugel. Das Sprachrohr des Volkes Die Brüder Jesse und Frank James gehören neben Namen wie Wyatt Earp zu den Legenden des US-amerikanischen Westerns. Nicht zuletzt dank medialer Mythenbildung durch Romane und Filme wurden die beiden zu Helden stilisiert, die nicht nur amerikanische Grundwerte verkörpern, sondern sich wie David gegen Goliath mit einer Macht anlegen, die übermächtig erscheint und letztlich das Ende vieler amerikanischer Mythen einleitet. In Western wie Henry Kings Jesse James – Mann ohne Gesetz bemerkt man diese Form der Legendenbildung in der Art, wie die beiden Helden dargestellt werden. Zugleich umgibt die Geschichte jedoch etwas Melancholisches, das zum einen auf das Ende dieser Heldenfiguren hindeutet und zum anderen auf das Verschwinden des amerikanischen Westens als mythologischen Ort verweist. Besonders diese letzte Tendenz sollte im Western der 1950er- und 1960er-Jahre zu einer Konstante werden. Man kann die Inszenierung des Gesetzlosen als heldenhafte Figur in Kings Film nachvollziehen, interessanter ist jedoch, wie er ihn zur Projektionsfigur gesellschaftlicher Ressentiments macht. Die zahlreichen Überfälle der James-Bande gefallen dem Zeitungsverleger Cobb (Henry Hull) so sehr, dass er nicht müde wird, jeder Ausgabe seiner Zeitung einen von ihm diktierten Text beizusteuern, in dem er regelmäßig über die Macht der Konzerne und deren Ausbeutung des Volkes wettert. Seine Nichte Zerelda, auch genannt „Zee“, nimmt die wütend vorgetragenen Monologe ihres Onkels mit einem geduldigen Lächeln auf und bereitet schon einmal den Setzkasten für den bevorstehenden Druck der Wutrede vor. Die Brüder James, besonders Jesse, werden zu einem Sprachrohr des Volkes, zu Protestfiguren, die sich gegen die Unterdrückung und Ausbeutung durch Konzerne auflehnen, die den Farmern notfalls mit Gewalt das Land abnehmen oder sie erpressen, wie wir bereits in den ersten Minuten von Jesse James – Mann ohne Gesetz erfahren. Jesse und Frank James erfahren eine Darstellung, die nicht untypisch für das Hollywood dieser Zeit war, wenn es darum ging, das Ende alter Mythen als Folge des Machtzuwachses großer Konzerne zu zeigen – eine Idee, die Sergio Leone beispielsweise in Spiel mir das Lied vom Tod weiterverfolgt. King zeigt nicht einfach nur die Überfälle und die Biografie seiner beiden Helden – ihn interessiert auch der Prozess der Mythologisierung und insbesondere die Rolle der Medien bei dessen Entstehung. Cobbs Wutreden werden zu einem interessanten narrativen Rahmen, der die Entwicklung des Helden begleitet und zeigt, wie die öffentliche Meinung zunehmend von der Erzählung der Mächtigen abweicht. Der Zwiespalt eines Helden Diese und andere Aspekte der Inszenierung werden begleitet von einer faszinierenden schauspielerischen Leistung Tyrone Powers. Auch wenn sein Jesse James nicht dieselbe psychologische Tiefe erreicht wie seine Darstellung in Der Scharlatan, ist die Entwicklung vom „einfachen“ Farmer zum moralisch ambivalenten Gesetzlosen sehr überzeugend. Jesse übernimmt verschiedene Rollen – den loyalen Sohn, den treuen Ehemann, den Bruder und schließlich den Anführer einer gefürchteten Bande – und wirkt am Ende erschöpft, weil ihm die Sackgasse bewusst wird, in die er sich hineinmanövriert hat. Ein Konflikt innerhalb der Bande zeigt die Fallhöhe dieser Figur, deren Bruder immer wieder zu einer Art moralischem Anker wird, was die gemeinsamen Szenen von Power und Fonda zu den stärksten Momenten von Jesse James – Mann ohne Gesetz macht. Die stoische Performance Henry Fondas bildet dabei das perfekte Gegengewicht zu der subtilen Emotionalität Tyrone Powers. OT: „Jesse James“ Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.
Land: USA
Jahr: 1939
Regie: Henry King
Drehbuch: Nunnally Johnson
Kamera: George Barnes, W. H. Greene
Musik: Louis Silvers
Besetzung: Tyrone Power, Henry Fonda, Nancy Kelly, Randolph Scott, Henry Hull
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