
Noch immer genießt Raúl (Leonardo Sbaraglia) hohes Ansehen, der Regisseur wird regelmäßig zu Festivals eingeladen oder wird mit Preisen gewürdigt. Dabei hat er seit Jahren keinen neuen Film mehr gedreht. Das soll sich nun ändern, er hat endlich eine Idee, wie er aus dem kreativen Tal wieder herauskommt. Zu dem Zweck will er die Geschichte der Regisseurin Elsa (Bárbara Lennie) erzählen, die nach einer jahrelangen Pause wieder einen Film drehen will. Nur braucht sie eine Idee. Also lässt sie ihren Freund Bonifacio (Patrick Criado) daheim in Madrid und fährt mit ihrer Freundin Patricia (Victoria Luengo) in den Urlaub. Denn ihre Geschichte ist es, die sie in ihrem Film verarbeiten will, ohne dass diese etwas davon ahnt …
Zurück zu den filmischen Wurzeln
Die Würdigung war ebenso überfällig wie unerwartet. Ausgerechnet mit seinem englischsprachigen Debüt, dem Selbstmorddrama The Room Next Door, gelang es dem spanischen Kultregisseur Pedro Almodóvar, den Goldenen Löwen in Venedig abzustauben. Nun könnte man meinen, dass ihn dieser Erfolg dazu ermuntern würde, in diese Richtung weiterzugehen. Stattdessen kehrt der Filmemacher zu seinen Wurzeln zurück – und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Nicht nur, dass er mit Bitteres Fest wieder einen spanischsprachigen Film gedreht hat und einige Leute darin auftreten, die man aus seinen früheren Werken kennt. Auch inhaltlich wandelt Almodóvar wieder auf bekannten Pfaden und greift einige seiner Lieblingsthemen auf.
Schon in früheren Filmen wie Zerrissene Umarmungen und Leid und Herrlichkeit beschäftigte er sich dem Filmemachen, erzählte von in die Jahre gekommenen Regisseuren. Bei seiner neuen Tragikomödie tut er das ebenfalls, legt jedoch seinen Fokus auf den kreativen Prozess. Wie sieht dieser aus? Woher kommen die Ideen für künstlerische Werke? Zu diesem Zweck führt er gleich zwei Figuren ein, die jeweils an einem neuen Film arbeiten. Schon früh machen sich dabei Parallelen bemerkbar, später wird Bitteres Fest dann sogar ganz explizit. Elsa ist eine Figur, mit der Raúl sein Leben verarbeitet. Der wiederum ist ein Alter Ego von Almodóvar selbst. Auf diese Weise springt Bitteres Fest immer wieder zwischen den Ebenen hin und her, die Figuren werden zu Spiegeln voneinander. Dabei verschwimmen auch Grenzen, manchmal wird nicht klar, wo welche Geschichte ihren Ursprung genommen.
Interessant, aber mit Schwächen
Das ist prinzipiell ein interessantes Thema. Immer wieder wirft Almodóvar, der auch das Drehbuch geschrieben hat, spannende Fragen auf. Wo liegt die Grenze zwischen Inspiration und Diebstahl? Zwischen persönlichem Einblick und bloßem Voyeurismus? Bitteres Fest macht dabei auf beiden Erzählebenen das jeweilige Umfeld der Filmschaffenden zu deren Opfern. Gnadenlos werden diese ausgenutzt oder auch mal zur Seite geschoben, wenn sie keinen Nutzen haben. Wenn Figuren wie Elsas Freund Bonifacio, der als Feuerwehrmann und Stripper arbeitet, zu einem sexuellen Objekt degradiert wird oder irgendwann einfach keine Rolle mehr spielt, ist das nicht Ausdruck eines nachlässigen Drehbuchs, sondern Teil des Konzepts. Die filmische Nabelschau ist eine wenig schmeichelhafte Darstellung von egozentrischen Kunstschaffenden, die vieles beobachten und dabei manches nicht sehen.
Das ist an und für sich unterhaltsam geworden. Allerdings gibt es auch ein paar Punkte, die einem den Spaß verderben. Dazu zählt beispielsweise die Laufzeit, die mit rund 110 Minuten viel zu lang geworden ist. Da sind diverse Passagen, in denen sich der Film sehr unschön zieht. Wenn eine Stripszene, die sowieso nicht inhaltlich gerechtfertigt ist, einfach kein Ende nehmen will, ist das wegen des Themas Voyeurismus zwar nachvollziehbar. Das macht sie aber nicht weniger langweilig. Außerdem wird Bitteres Fest an manchen Stellen zu explizit und formuliert aus, was sowieso schon klar war. Da scheint Almodóvar seinem Publikum nicht vertraut zu haben, die Sprünge zwischen den Ebenen auch so zu schaffen. In der Summe ist das zwar noch immer sehenswert. Das erhoffte Highlight ist jedoch ausgeblieben.
OT: „Amarga Navidad“
IT: „Bitter Christmas“
Land: Spanien
Jahr: 2026
Regie: Pedro Almodóvar
Drehbuch: Pedro Almodóvar
Musik: Alberto Iglesias
Kamera: Pau Esteve Birba
Besetzung: Bárbara Lennie, Leonardo Sbaraglia, Aitana Sánchez-Gijón, Victoria Luengo, Patrick Criado, Milena Smit, Quim Gutiérrez
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