
Al-Andalus im 11. Jahrhundert: Die 13-jährige Aisha träumt davon, Pyrotechnikerin zu werden. Feuerwerke sind ihre große Leidenschaft. Ihr Vater Ahmad hält davon: nichts. Der Schreiber in der großen und renommierten Palastbibliothek will vielmehr, dass das Mädchen Kalligrafie lernt und sich damit ebenfalls dem geschriebenen Wort widmet. Doch dann taucht der Alchemist Txawir in der Stadt auf und bietet Aisha an, sie in der Kunst des Feuerwerks zu unterweisen. Als Gegenleistung bittet er nur um ein bestimmtes Buch, das sich in der Bibliothek befindet. Aisha lässt sich das nicht zweimal sagen und geht auf den Deal ein. Dabei ahnt sie aber nicht, was sie damit anrichten wird, da Ahmad für den Diebstahl verantwortlich gemacht wird – und nur seine Tochter kann ihn jetzt noch retten …
Animationsfilm in einem ungewohnten Setting
Auch wenn Animationsfilme den Vorteil haben, dass man quasi jedes Setting für denselben Preis entwerfen kann und man dadurch auch in sehr fantastische oder ungewöhnliche Richtungen gehen kann, so richtig genutzt wird das nur selten. Allein deshalb ist es schön, dass Aisha und das verlorene Buch doch noch in unsere Kinos kommt. So hat es natürlich eine Reihe von Animationstiteln gegeben, die in einem arabischen oder orientalischen Umfeld spielen, ob nun Die Abenteuer des Prinzen Achmed, Sindbad oder Aladdin. Ein Film, der auf der Iberischen Halbinsel spielt zur Zeit, als diese muslimisch beherrscht war? Das hat Seltenheitswert und macht auf Anhieb neugierig, welche Geschichte hier erzählt wird.
Diese ist dafür zumindest teilweise recht austauschbar. Mal wieder geht es um eine junge Protagonistin, die einen Traum hat, diesen aber nicht verfolgen darf, weil ihr Umfeld andere Pläne hat. Oft ist das dann mit Geschlechterbildern verbunden, es geht dann um die Unterdrückung von Frauen und starre Rollen. Bei Aisha und das verlorene Buch ist das etwas anders. So geht es hier wohl mehr um den Konflikt zwischen der eher volkstümlichen Unterhaltung, die das Feuerwerk bietet, und dem künstlerischen Erbe des Vaters. Ersteres wird dann eher als minderwertig angesehen. Wirklich vertieft wird das Ganze aber nicht. Vieles bleibt doch eher etwas diffus oder an der Oberfläche, sowohl im Hinblick auf die Geschichte wie auch die Figuren, wodurch der Film sein Potenzial nicht nutzt.
Überfrachtet, aber schön anzusehen
Teilweise lässt sich das dadurch erklären, dass die Zielgruppe hier jünger ist. Da befürchtete man wohl, die Kinder überfordern zu können. Teilweise liegt es aber auch daran, dass man hier einfach wirklich viel zusammengeworfen hat. Tatsächlich ist Aisha und das verlorene Buch etwas überfrachtet und kann sich nicht ganz entscheiden, was hier eigentlich erzählt werden soll. Das wird dann irgendwann sogar ganz absurd, wenn die mittelalterliche Gesellschaft mit Science-Fiction-Elementen gekreuzt wird. Der Film wird dadurch einerseits sehr abwechslungsreich, wenn nie klar ist, was wohl als nächstes geschehen wird. Aber es ist schon mit einiger Verwirrung verbunden, wenn nicht gar Irritation verbunden. Und es ist eben schade, wie das zeitliche und örtliche Setting auf diese Weise verwässert wird.
Dafür ist die Optik interessant geworden. Zwar greift die Regisseurin Shadi Adib auf eine computergenerierte Grafik zurück, wie das im Animationsbereich inzwischen üblich ist. Der Film arbeitet aber mit bewusst abgehackten Bewegungen, welche den Eindruck erwecken, das hier wäre eine Stop-Motion-Produktion. Tatsächlich gelingt es, Aisha und das verlorene Buch ein plastisch wirkendes Äußeres zu geben, welches sehr reizvoll ist. Auf diese Weise lässt sich außerdem ein Stück weit kaschieren, dass der Film nicht das höchste Budget hatte und deswegen technisch ein wenig schlicht geworden ist. Wen das nicht stört, findet hier einen ansprechenden kleineren Animationsfilm, mit dem ein jüngeres Publikum Spaß haben kann, der aber nicht der ganz große Geheimtipp geworden ist.
OT: „La llum de l’Aisha“
IT: „The Light of Aisha“
Land: Spanien, Deutschland, Singapur
Jahr: 2024
Regie: Shadi Adib
Drehbuch: Xavier Romero, Llorenç Español
Musik: Edi Pou
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