
Hört die Heimat eines Menschen irgendwann einmal auf, diese zu sein? Ist dies ein natürlicher Prozess oder eher einer der emotionalen, wenn nicht gar intellektuellen Distanzierung? Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch stellt sich in seinen Tagebuchaufzeichnungen solche und ähnliche Fragen. Vermeintlich simpel, geht jeder dieser Fragen doch ein Denkprozess voraus, der nicht nur das Konzept der Heimat an sich hinterfragt, sondern auch unsere Beziehung zu einem Land, seiner Kultur und seiner Geschichte – und wie wir uns zu dieser verhalten. Natürlich können wir uns von der Heimat lossagen, wir können irgendwo anders hinziehen, ein neues Leben beginnen und sogar eine andere Sprache sprechen, jedoch bleibt die Heimat nach wie vor in uns – egal, wie sehr wir uns wünschen, dass dem nicht so ist.
Der Zweite Weltkrieg und der Holocaust hatten für viele Menschen zur Folge, dass Deutschland nicht mehr länger eine Heimat war. Die schrecklichen Verbrechen der Nationalsozialisten sowie die Nürnberger Prozesse zeigten das ungeheure Ausmaß dieses Ereignisses, in dessen Folge viele ihre Identität überdachten und eine Distanz zu dem Land suchten. Der Psychiater Titus Milech war einer von vielen Menschen, die diesen Schritt gingen und aus moralischen Gründen ihre Identität gänzlich vom „Deutschsein“ befreien wollten. Sein Weg führte ihn nach Frankreich und nach Griechenland, wo er einen Neuanfang wagte, doch loslassen wollte er dieses Land und seine Geschichte nicht, weshalb er schließlich mehrere Male nach Deutschland zurückkehrte. Angestachelt von seinem „deutschen Wahnsinn“, wie es Milech nennt, bereist er diese Heimat, die fremd und vertraut zugleich ist, auf der Suche nach Antworten für sich selbst und die Frage, wie man individuell-moralisch mit der Geschichte umgehen sollte.
Auf einer dieser Reisen wird Milech von den griechischen Dokumentarfilmern Chryssa Tzelepi und Akis Kersanidis begleitet. Entstanden ist dabei die Dokumentation Return to Homeland, für die die beiden Regisseure mit dem Documentary Award beim Greek Film Festival Berlin ausgezeichnet wurden. Gemeinsam mit Milech besuchen sie dessen in Deutschland lebende Verwandte und Freunde, zeigen Gespräche über die gemeinsame Zeit und über die unterschiedlichen Herangehensweisen, mit einer Geschichte umzugehen, die die Elterngeneration lange verschwiegen hat. Darüber hinaus begleiten sie Milech bei seinem Besuch in Holocaust-Gedenkstätten sowie bei Begegnungen mit Menschen, die sich der Aufarbeitung dieses Kapitels der deutschen Geschichte verschrieben haben.
„Doch anders ist alles, und anders bin ich geworden“
Was in Friedrich Hölderlins Gedicht Heimkunft die Begegnung mit der nun fremden Heimat ist, ist im Falle Milechs weitaus tiefgehender. Das Bekannte ist allseits präsent – in den Straßen Tübingens, seiner Geburtsstadt, ebenso wie in den Gesprächen mit Freunden oder den zahlreichen Bahn- und Autoreisen zu seinen vielen Zielen. Doch dahinter verbirgt sich etwas, das Milech mithilfe vieler Vergleiche und Metaphern zu beschreiben versucht, aber irgendwie doch nicht recht zu fassen bekommt. Trotz der zeitlichen wie auch räumlichen Distanz, die er immer wieder suchte, ist die Begegnung mit der „Heimat“ eine mit einem „bekannten Fremden“, dessen Äußeres man erkennt, dessen Inneres man jedoch nicht vollends begreifen kann. Die Suche nach Antworten führt zu immer mehr Fragen – zur eigenen Person, zur Biografie und zur Beziehung zu einem Ort, dem man einst den Rücken kehrte. Return to Homeland macht von Beginn an keinen Hehl daraus, dass es weniger um ein Ziel geht, denn die Suche und die Begegnung an sich stehen im Fokus der Unternehmung. Im Sinne einer Therapie erscheint diese Rückkehr wie eine lange Therapiesitzung, deren Fragen zu immer tieferen emotionalen Ebenen führen – für den Patienten wie auch den Psychiater.
Return to Homeland ist ein kontemplativer, aber kein hermetischer Film. Die Herangehensweise der Filmemacher zollt der Komplexität der Gefühle des Protagonisten Tribut, dessen Versuche zu entkommen ihn doch nicht von seinen Wurzeln getrennt haben, wie Milech an einer Stelle selbst beschreibt. Bei seinen Gängen durch Museen oder Konzentrationslager scheint das Schweigen die Frage nach der moralischen Verantwortung zu stellen – nicht nur Milechs, sondern jedes Einzelnen. Der Mantel des Schweigens kann nicht das Ende oder gar die Lösung sein, denn das Vergessen führt zur Psychose. Return to Homeland mag von einem individuellen Schicksal erzählen, doch die Geschichte steht sinnbildlich für eine Suche, auf die wir uns alle begeben müssen. Wir müssen uns fragen, wie wir mit der Heimat umgehen und wie wir zu ihr stehen wollen, denn gänzlich ablegen können wir sie nicht.
OT: Epistrofi stin patrida
Land: Griechenland
Jahr: 2025
Regie: Chryssa Tzelepi, Akis Kersanidis
Drehbuch: Chryssa Tzelepi, Akis Kersanidis
Kamera: Drakos Polychroniadis
Musik: Costis Drygianakis
Greek Film Festival Berlin 2026
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