
Die 13-jährigen Freundinnen Sarah (Manon Debaille) und Dilek (Chiara Kitsopoulou) leben in einer Hochhaussiedlung im Münchner Stadtteil Oberperlach und träumen von digitalem Ruhm. Ihr gemeinsamer YouTube-Kanal dümpelt vor sich hin, die Followerzahlen stagnieren. Um endlich Aufmerksamkeit zu generieren, schlägt Sarah vor, auf den Trend Hobby Horsing aufzuspringen – jener Sportart, bei der vor allem junge Mädchen mit kunstvoll gestalteten Steckenpferden Dressur- und Springübungen absolvieren. Dilek ist zunächst skeptisch, lässt sich aber überreden. Die beiden filmen Trainingseinheiten auf dem Schulhof und zwischen Betonfassaden. Als jedoch ein heimlich aufgenommenes Video ihres Übens in der Schule kursiert, werden sie zum Gespött ihrer Klasse. Die Demütigung führt zum Bruch ihrer Freundschaft. Während Dilek versucht, in einer Hip-Hop-Tanzgruppe neuen Anschluss zu finden, hält Sarah trotzig am Hobby Horsing fest. Unterstützung erhält sie von Beatrice (Aurelia Ott), einer talentierten jungen Reiterin aus wohlhabendem Elternhaus, die ihr technische Grundlagen der Dressur vermittelt. Zwischen den ungleichen Mädchen entsteht eine vorsichtige Freundschaft. Gemeinsam fassen sie einen kühnen Plan: Sie wollen nach Finnland reisen, dem Ursprungsland des Hobby Horsing, um dort an einer Meisterschaft teilzunehmen.
Trendsport als Projektionsfläche
Mit ihrem zweiten Spielfilm nach dem preisgekrönten Debüt Sommerhäuser wendet sich Regisseurin Sonja Maria Kröner einem Sujet zu, das auf den ersten Blick zwischen Trendphänomen und Internet-Kuriosum oszilliert. Hobby Horsing – leicht belächelt, schnell unterschätzt – dient hier jedoch weniger als Gag denn als Projektionsfläche für Fragen nach Zugehörigkeit, sozialer Herkunft und Selbstbehauptung zu Beginn der Pubertät. Kröner siedelt ihre Geschichte bewusst im Münchner Stadtteil Oberperlach an, in einer Hochhaussiedlung, die als sozialer Brennpunkt markiert wird. Sarah und Dilek leben in einem Milieu, in dem Anerkennung rar und digitale Sichtbarkeit eine Währung ist. Followerzahlen ersetzen Selbstgewissheit, Coolness entscheidet über sozialen Status. Die öffentliche Bloßstellung der beiden Mädchen – ein Schulvideo als digitaler Pranger – gerät zum Katalysator einer Freundschaftskrise, die schmerzhaft nachvollziehbar inszeniert ist.
Der Film bemüht sich sichtlich, die Lebenswirklichkeit seiner Zielgruppe einzufangen: Social Media als Bühne und Tribunal, Klassenzimmer als Resonanzraum der Grausamkeit. Dabei bleibt die Dramaturgie bisweilen schematisch. Die Milieugegensätze zwischen Sarah und Beatrice – hier die Hochhaussiedlung, dort das wohlhabende Reiteranwesen – werden deutlich, vielleicht zu deutlich gezeichnet. Dass Beatrice unter dem Leistungsdruck ihrer Mutter leidet, während Sarah zumindest wohlwollend gewähren gelassen wird, riecht gelegentlich nach pädagogischer Versuchsanordnung und streift die Kitschgrenze.
Gelungene Figurenzeichnung
Und doch liegt im Beharren der Figuren eine aufrichtige Kraft. Sarahs unbeirrbarer Wille, trotz Spott und Einsamkeit am Hobby Horsing festzuhalten, verleiht dem Film seine emotionale Achse. Dileks innere Zerrissenheit – zwischen dem Wunsch dazuzugehören und der Loyalität zur Freundin – bleibt erfreulich ambivalent. Auch Beatrice wird nicht bloß zur edlen Helferin stilisiert, sondern erhält eigene Konfliktlinien.
Darstellerisch überzeugt das junge Ensemble durch physische Präsenz und natürliche Unmittelbarkeit. Manon Debaille trägt den Film mit einer Mischung aus Trotz und Verletzlichkeit, Chiara Kitsopoulou verleiht Dilek glaubhafte Brüchigkeit, und Aurelia Ott findet feine Zwischentöne zwischen Privilegiertheit und Überforderung. Die erwachsenen Figuren bleiben Randerscheinungen, setzen jedoch Akzente – insbesondere die Mütter, die dem Geschehen eine komödiantische Erdung verleihen.
Visuelle Experimente
Visuell sucht der Film nach einem eigenen Ton. Gemeinsam mit Bildgestalterin Julia Daschner setzt Kröner auf gelegentliche Farbfilter und stilisierte Überblendungen. Diese ästhetischen Eingriffe wirken nicht immer motiviert, lassen sich jedoch als Versuch lesen, die visuelle Sprache sozialer Medien in die Kinosprache zu übersetzen – eine Annäherung an eine Generation, für die Filter und Clips alltägliche Ausdrucksformen sind. Hilfreich sind dabei die eingängigen Songs von Inéz und Demian Kappenstein, die man auch als Dou Ätna kennt.
Wenn die Reise schließlich zur finnischen Meisterschaft führt, relativiert der Film selbstironisch seine eigene Dramaturgie. Der große Event erscheint kleiner als erwartet – ein lakonischer Moment, der den überhöhten Erwartungen sowohl der Figuren als auch des Publikums den Boden entzieht. Hier blitzt jene feine Beobachtungsgabe auf, die man bereits aus Kröners Debüt kannte.
Solider Kinderfilm
Pferd am Stiel – Ein Hobby-Horsing-Abenteuer ist kein makelloser Film. Er verkürzt Konflikte, deutet gesellschaftliche Spannungen eher an, als sie auszuleuchten, und operiert mitunter nah an der pädagogischen Botschaft. Doch als ernstgemeinter, handwerklich solider Kinderfilm bietet er Identifikationsfiguren jenseits stereotyper Coolness. Für seine Zielgruppe – Mädchen an der Schwelle zur Pubertät – hält er Mutproben bereit, die weniger mit Sprunghöhen als mit Selbstbehauptung zu tun haben.
Ob er Massen in die Kinos lockt, bleibt offen. Dass er jedoch seine Zuschauerinnen respektiert und ihr Ringen um Anerkennung nicht belächelt, ist seine eigentliche Stärke.
OT: „Pferd am Stiel – Ein Hobby-Horsing-Abenteuer“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Sonja Maria Kröner
Buch: Gerlind Becker
Musik: Inéz, Demian Kappenstein
Kamera: Julia Daschner
Besetzung: Manon Debaille, Chiara Kitsipoulou, Aurelia Ott, Arton Malaj, Lana Cooper, Gonca de Haas, Aziz Capkurt, Doguhan Kabadayi, Valerie Neuenfels, Thomas Loibl
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