
Es soll der schönste Tag im Leben von Niall (Jamie Bell) und Alby (Charlie de Melo) werden. Nachdem die beiden sich schon viele Jahre kennen, wollen sie sich endlich das Ja-Wort geben. Doch dann taucht auf einmal Ruben (Richard Gadd) auf. Niall ist klar, dass das nur Ärger bedeuten kann. Denn Ruben ist gewaltbereit, hat deswegen auch immer wieder Probleme. Und nun hat er es auf Niall abgesehen, davon zumindest ist er überzeugt. Dabei standen sich die beiden einmal sehr nahe. Als Jugendliche waren Niall (Mitchell Robertson) und Ruben (Stuart Campbell) nach einem etwas schwierigen Start unzertrennlich, eigentlich wie Brüder. Schließlich sind ihre jeweiligen Mütter ein Liebespaar. Doch dann kam es zu einem Zwischenfall, der das Leben der beiden für immer verändern wird …
Verstörendes Ausnahmewerk
Bis 2024 dürften hierzulande vermutlich nur wenige Leute Richard Gadd gekannt haben. Das änderte sich aber schlagartig, als die Netflix-Serie Rentierbaby erschien. Darin spielte der Schotte nicht nur die Hauptrolle. Er hatte diese auch entwickelt und wurde mit der autobiografisch inspirierten Stalker-Geschichte, die auf völlig unvorhersehbare Weise zwischen Drama, Komödie und Thriller wechselte, zum Star. Ziemlich genau zwei Jahre später ist das ursprünglich als Comedian bekannt gewordene Multitalent zurück und präsentiert mit Half Man seine zweite Serie, dieses Mal für HBO Max. Und erneut ist ihm ein Ausnahmewerk geglückt, das seinesgleichen sucht und großen Eindruck hinterlässt – weil es nachhaltig verstört.
Im Gegensatz zu seinem vorherigen Überraschungshit, der mittendrin eine große Wendung vorlegte und dabei auch die Tonalität auf den Kopf stellte, da spielt er hier mit offeneren Karten. So beginnt die britische Produktion mit der Hochzeit und damit einer ersten bedrohlichen Situation. Noch bevor das Publikum weiß, wer diese beiden Männer sind und was sie miteinander verbindet, vermittelt Half Man, dass eine große Gefahr von Ruben ausgeht. Gadd ist in dieser Rolle kaum mehr wiederzuerkennen. War er beim letzten Mal ein schlaksiger Typ, mit dem man alles machen konnte, tritt er hier als muskelbepacktes Biest auf, dem man lieber aus dem Weg gehen sollte. Die bloße Anwesenheit des Mannes lässt einen angespannt auf den Bildschirm schauen, auch weil er einen extremen Kontrast zum verhuscht auftretenden Jamie Bell (Rosebush Pruning).
Blick in die Abgründe
Anschließend heißt es aber erstaunlich lange, Abschied von den beiden zu nehmen. Half Man nutzt einen immer wieder beliebten Kniff, mit einer besonders verrückten oder spannenden Szene zu beginnen, um so die Zuschauer und Zuschauerinnen zu fesseln und neugierig darauf zu machen, was das alles bedeutet. Die Vorgeschichte ist hier aber eine besonders lange, wenn die Serie sich auf die beiden jungen Ausgaben der Protagonisten konzentriert. Diese sehen den älteren Versionen nicht sonderlich ähnlich, an der Stelle ist das Casting etwas nachlässig gewesen. Doch die beiden bislang wenig bekannten Jungdarsteller stehen ihren erfahrenen Kollegen nicht nach, wenn es um die schauspielerische Klasse geht. Tatsächlich ist es nahezu unmöglich zu sagen, welche der beiden Zeitschienen denn die spannendere ist, da es jeweils zahlreiche Höhepunkte gibt, welche die wechselhafte Beziehung der beiden Männer näher beleuchten.
Viel mehr sollte man darüber nicht wissen. Wer Rentierbaby kennt, weiß bereits, dass Gadd keine Scheu davor hat, richtig tief in die Abgründe zu blicken. Da geht es um toxische Männlichkeit, langwierige Traumata, Homophobie, aber auch Fragen nach Loyalität. Humorvolle Auflockerungen, wie sie bei der vorherigen Serie aufkommen konnten, sind hier selten. Es gibt aber durchaus schöne Momente, wenn die beiden so grundverschiedenen Jugendlichen einander näherkommen und man immer wieder die Hoffnung hat, dass vielleicht doch alles gut wird. Bis wir bei dieser munter in der Chronologie herumspringenden Serie erneut in die Gegenwart wechseln und daran erinnert werden, dass Half Man noch in eine richtig böse Richtung gehen wird und es kein Entkommen gibt.
OT: „Half Man“
Land: UK
Jahr: 2026
Regie: Alexandra Brodski, Eshref Reybrouck
Drehbuch: Richard Gadd
Idee: Richard Gadd
Musik: Evgueni Galperine, Sacha Galperine
Kamera: Catherine Derry, Philippe Kress
Besetzung: Richard Gadd, Jamie Bell, Stuart Campbell, Mitchell Robertson, Marianne McIvor, Neve McIntosh
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