
Sechs junge Frauen, vier Kontinente, sechs Lebensrealitäten – und doch ein gemeinsamer Erfahrungshorizont: das Erwachsenwerden unter Bedingungen, die von gesellschaftlichem Druck, struktureller Ungleichheit und existenziellen Entscheidungen geprägt sind. Girls Don’t Cry, inszeniert von Sigrid Klausmann gemeinsam mit Co-Regisseurin Lina Lužytė, knüpft an das ambitionierte Projekt 199 kleine Held*innen an und führt dessen Idee konsequent weiter. Während der Vorgängerfilm Nicht ohne uns! noch ein globales Panorama kindlicher Lebenswelten entwarf, verdichtet sich der Fokus hier auf die fragile, konfliktreiche Phase der Pubertät – und insbesondere auf weibliche Selbstbestimmung.
Dokumentarischer Episodenfilm
Der dokumentarische Episodenfilm porträtiert Nancy aus Tansania, die einer Zwangsverheiratung und drohenden Genitalverstümmelung entflieht; Selenna aus Chile, die als Trans-Mädchen für Sichtbarkeit und Rechte kämpft; Nina, eine aus Deutschland abgeschobene Romni, die nun in einer serbischen Roma-Siedlung lebt; Sinai, eine südkoreanische BMX-Fahrerin zwischen Leistungsdruck und Schönheitsnormen; Paige aus Coventry, die sich mit 16 bewusst für ihr Kind entscheidet; sowie Sheelan, ein jesidisches Mädchen, das nach traumatischen Erlebnissen und Verlusten aus dem Irak geflohen ist und nun in Deutschland ein neues Leben aufbaut.
Was zunächst wie eine klassische Reihung globaler Einzelschicksale anmutet, entfaltet durch den Schnitt von Gregory Schuchmann eine bemerkenswerte dramaturgische Eigenständigkeit. Der Film verzichtet bewusst auf klar abgegrenzte Kapitel und verschränkt stattdessen die sechs Erzählstränge kontinuierlich miteinander. Übergänge entstehen nicht durch geografische Logik, sondern durch thematische Resonanzen wie morgendliche Routinen. Diese Montage schafft ein dichtes Netz aus Parallelen und Kontrasten, das Gemeinsamkeiten sichtbar macht, ohne Differenzen zu nivellieren.
Kein abstrakter Diskurs
Dabei liegt die narrative Autorität konsequent bei den Protagonistinnen selbst. Es gibt keinen erklärenden Off-Kommentar, keine übergeordnete Instanz, die einordnet oder bewertet. Die Mädchen sprechen – in Interviews, im Off, in direkten Kameraansprachen – für sich selbst. Erwachsene bleiben Randfiguren. Der Film vertraut auf die Ausdruckskraft seiner Figuren und vermeidet paternalistische Perspektiven.
Inhaltlich kreist Girls Don’t Cry um den weiblichen Körper als umkämpften Raum. Er ist Projektionsfläche gesellschaftlicher Normen, Ort von Gewalt, aber auch Medium der Selbstermächtigung. Nancy widersetzt sich der Kontrolle über ihren Körper durch Flucht von der Mutter, Selenna fordert dessen Anerkennung im Einklang mit ihrer Identität ein, Sinai navigiert zwischen sportlicher Disziplin und normativen Schönheitsidealen, Paige trifft eine folgenreiche Entscheidung über Mutterschaft. Der Film zeigt diese Konflikte nicht als abstrakte Diskurse, sondern als gelebte Realität in alltäglichen Situationen.
Bemerkenswerte Protagonistinnen
Bemerkenswert ist dabei die Balance, die der Film hält: Trotz der teils extremen Lebensumstände verfällt er nie in ein eindimensionales Opfer-Narrativ. Die Protagonistinnen erscheinen als handelnde Subjekte, die innerhalb begrenzter Handlungsspielräume Entscheidungen treffen und ihre Lebenswege aktiv gestalten. Ihre Geschichten sind geprägt von Verlust, Druck und Unsicherheit, aber ebenso von Widerstandskraft, Reflexion und Hoffnung.
Auch das Thema Migration wird differenziert behandelt. In den Biografien von Nina und Sheelan verdichten sich Erfahrungen von Flucht, Abschiebung und Neuanfang, ohne dass der Film diese explizit politisch kommentiert. Stattdessen eröffnet er einen Raum, in dem sich strukturelle Fragen quasi von selbst aufdrängen – eine Zurückhaltung, die dem Publikum zutraut, eigene Schlüsse zu ziehen.
Formal unspektakulär
Formal bleibt Girls Don’t Cry dabei bewusst unspektakulär. Die Kamera beobachtet und begleitet. Wenn Paige ihr Kind ins Bett bringt, Sinai trainiert oder Nancy im Schutzhaus zur Ruhe kommt, entstehen Momente von Intimität und Authentizität, die sich einer dramatischen Überhöhung entziehen und gerade dadurch wirken. So entsteht eine große emotionale Kraft.
Der Dokumentarfilm ist nicht frei von programmatischer Setzung – die Auswahl der Figuren und Themen folgt klar einer Idee von Diversität und globaler Vergleichbarkeit. Doch gelingt es ihm, diese Konzeption nicht schematisch wirken zu lassen. Die einzelnen Geschichten behalten ihre Eigenlogik und Tiefe, während die Montage Verbindungen schafft, die über bloße Illustration hinausgehen.
Am Ende ist Girls Don’t Cry vor allem eines: ein Film über Selbstbehauptung. Über junge Frauen, die sich in komplexen Machtverhältnissen positionieren und ihre Stimme erheben. Dass dabei trotz aller Härte ein leiser Optimismus spürbar bleibt, macht ihn besonders sehenswert – nicht zuletzt für ein junges Publikum, das hier Identifikationsangebote findet, ohne bevormundet zu werden.
OT: „Girl’s Don’t Cry“
Land: Deutschland
Jahr: 2025
Regie: Sigrid Klausmann, Lina Lužytė
Buch: Sigrid Klausmann
Musik: Lea-Marie Sittler
Kamera: Justyna Feicht, Lina Lužytė, Thorsten Harms, Gabriel Diaz Allende
Mitwirkende: Nina Aklapi, Sheelan Alomar, Paige Jordan, Sinai Oh, Selenna Pérez, Nancy Julias Sureli
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