Freibad
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Freibad

„Freibad“ // Deutschland-Start: 1. September 2022 (Kino)

Inhalt / Kritik

Es ist Sommer und Deutschlands einziges Frauenfreibad hat Hochkonjunktur. Dabei ist es ein Sammelort für verschiedene Frauen mit verschiedenen Bedürfnissen, Ansprüchen und Vorstellungen. Ob gut situierte Frührentnerinnen, grillende Familie oder Studentin im Burkini: Das Freibad entpuppt sich schnell als Ort der Konflikte, denen die Bademeisterin nicht ganz gewachsen zu sein scheint. Als dann auch noch eine Gruppe komplett verhüllter Frauen das Freibad betritt, drohen die Spannungen aus dem Ruder zu laufen. Welche Regeln gelten im Bad? Wer hat sich anzupassen? Wie ist mit dem weiblichen Körper umzugehen? Was macht die Frau eigentlich zur Frau? Und was bedeutet Freiheit?

Die Frau in der Gesellschaft

Mit all diesen Fragen wird sich ins Doris Dörries neuem Film befasst. Im Fokus stehen dabei stets zwei Überthemen. Der Film macht einen ziemlichen Rundumschlag, was das Thema Frau in der Gesellschaft betrifft. Von Fragen von Körperidealen und Bodyshaming zu (körperlicher) Selbstbestimmung ist vieles dabei. Sonderlich intensiv wird aber nicht auf diese ganzen Themen eingegangen. Stattdessen bildet Freibad oft symptomatische Erscheinungsformen ab und versucht diese stellvertretend für eine Problematik stehen zu lassen. Eine allegorische oder strukturelle Betrachtung misslingt aber. Zu oft verlassen die Darstellungen dafür dann eben doch nicht die individualistische Ebene und beschränken ihre Darstellungskraft damit selbst.

Seine Ursache findet das in zwei Dingen: Als erstes ist die Art, wie die Figuren geschrieben sind und aus ihnen die Pointe geholt wird, zu nennen. Freibad ist eine Komödie, die versucht, schwarzhumorige und groteske Elemente zu verwenden, um eine Dysfunktionalität darzustellen, wie es beispielsweise auch ein Giorgos Lanthimos in seinen Filmen tut. Prinzipiell funktioniert so etwas sehr gut, um strukturelle Probleme anzusprechen. Das Problem von Freibad ist aber, dass die Figuren zu viel Farbe haben, schlicht nicht abstrakt genug geschrieben sind. Sie werden zu Individuen mit individuellen Problemen, Bedürfnissen und Meinungen. Sie werden zu echten Menschen. Und das bringt eine Reduktion der Probleme und derer Ebenen mit. Wir, die Zuschauenden, betrachten nicht mehr eine Hülle, ein Gerüst, sondern tatsächliche, fehlerbehaftete Menschen, die in ihrer Menschlichkeit allesamt ein Stück Sympathie besitzen. Trotzdem gehen die Pointen aber so auf ihre Kosten, als wären sie eben nur die genannten Gerüste.

Dass eine solche Individualisierung und Vermenschlichung stattfindet, ist zwar schade, aber der filminternen Logik nach durchaus folgerichtig. Denn die zweite und letztlich zugrundeliegende Ursache für die fehlende Fähigkeit zur Strukturkritik liegt nämlich in der Ideologie des Films selbst. Um strukturelle Probleme der Gesellschaft auch entsprechend systematisch und gesellschaftskritisch zu behandeln, darf diese Last nicht auf Individuen verteilt werden, sondern muss der Spezies Mensch als Ganzes angehaftet werden. Ohne das zynisch zu meinen, eine gesellschaftskritische Komödie muss, um ihrer Thematik letztlich vollends gerecht zu werden, eine gewisse Menschenverachtung anstatt eine Individuenverachtung in sich haben. Natürlich ist das nicht die Aufforderung, jede Komödie so zu gestalten. Es gibt viele Komödien, die anders funktionieren. Aber Freibad wählt nun mal diesen Ansatz, ist letzten Endes aber zu positiv und menschenbejahend, um ihn voll wirken zu lassen. Und damit steht er seiner Gesellschaftskritik einfach unnötig im Weg.

Die Grenzen von Toleranz

Diese Ideologie spiegelt sich auch im zweiten großen Thema des Films wider. Und zwar laufen viele der Konflikte des Films auf eine Frage hinaus. Muss ich die Person mit der anderen Meinung tolerieren? Muss die Feministin tolerieren, dass die Muslima nur im Burkini ins Wasser geht? Und muss die Muslima tolerieren, dass sich die Feministen ohne Oberteil sonnt? Das Ganze wird noch mit einigen Elementen rund um Migration und Rassismus ausgefüllt, –  tatsächlich findet sich darin auch das stärkste Element des Films – wird dann aber relativ klar mit Ja beantwortet. Freibad positioniert sich sehr deutlich für eine grenzenlose Toleranz als oberstes Ziel menschlichen Zusammenlebens. Der Grund dafür ist die Sichtweise, dass Intoleranz keine Haltung, sondern ein Verhalten ist.

Das klingt zwar sehr schön, ist aber leider wieder zu individualistisch gedacht. Ja, theoretisch können sich alle Menschen mit unterschiedlichen Weltsichten einfach tolerieren. Diesen Zustand auf individueller Ebene zu erreichen, sollte immer das Ziel sein. Strukturell ist das aber einfach nicht möglich. Haltung und Verhalten sind strukturell nicht voneinander zu trennen. Es ist weniger entscheidend, ob Menschen intolerant sind, sondern ob die Strukturen, die sie verkörpern, es sind. Alle Menschen zur Toleranz anzuhalten, muss bedeuten, strukturelle Intoleranz abzulehnen, da diese mit der Toleranz anderer grundsätzlich unvereinbar ist. Und ja, auf individueller Ebene bedeutet das auch, das Wohlbefinden derer, die in ihnen gegenüber eigentlich intoleranten Strukturen ihre Freiheit gefunden haben, einzuschränken. Überspitzt gesagt bedeutet das, Menschen ihr Stockholm-Syndrom aufzuzeigen. Und natürlich hört sich das auf individueller Ebene anmaßend an, das ist ja auch die Argumentation des Films, aber nochmal, das Problem ist nicht die Burka, sondern die Struktur, die hinter ihr steht. Und das ignoriert der Film.

Handwerklich durchwachsen

Diese inhaltliche Kurzsichtigkeit und das daraus resultierende Chaos findet sich durchaus auch in der Machart. Prinzipiell lässt sich an der Inszenierung und auch am Schauspiel, wenngleich dieses stellenweise etwas zu sehr ins Over-Acting abdriftet, wenig bemäkeln. Alles ist grundsolide und erfüllt das Soll. Schwieriger wird es aber, wenn es wieder ums Drehbuch geht. Die Dialoge sind teilweise sehr hölzern und polternd und lassen fast alle Figuren unfassbar dumm wirken. Die daraus entstehende Situationskomik ist gemeinsam mit dem sehr präsenten Slapstick oft nah an Fremdschamgrenze und überquert diese je nach Toleranz der schauenden Person auch das ein oder andere Mal. Trotzdem ist der Film auch immer wieder lustig und funktioniert als Komödie ganz gut. Seine wirklichen Probleme hat der Film auf inhaltlicher und konzeptueller Ebene.

Credits

OT: „Freibad“
Land: Deutschland
Jahr: 2022
Regie: Doris Dörrie
Drehbuch: Doris Dörrie, Karin Kaçi, Madeleine Fricke
Musik: Anna Kühlein
Kamera: Hanno Lentz
Besetzung: Andrea Sawatzki, Maria Happel, Nilam Farooq, Lisa Wagner, Melodie Wakivuamina, Julia Jendroßek, Sabrina Amali

Bilder

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Freibad
Fazit
„Freibad“ ist ein sehr ambitionierter Film, der trotz seines Hangs zum Slapstick und einer mitunter ähnlich funktionierenden Situationskomik der klassischen deutschen Komödie à la Til Schweiger deutlich überlegen ist. Dennoch ist der Film grade inhaltlich nicht von Problemen befreit und behandelt viele seiner interessanten Themen zu individualistisch und kurzsichtig.
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