Willkommen zum ersten Teil einer neuen Interview-Reihe, bei der die populärsten deutschsprachigen Filmkritiker unter die Lupe genommen werden. Freunde des Kinos dürften dabei den einen oder anderen schon kennen – mit dabei sind u.a. Wolfgang M. Schmitt (Die Filmanalyse), Christoph Petersen (Redaktionschef Filmstarts) oder Alper Turfan (Cinema Strikes Back). Bei welchen Themen stimmen die Filmliebhaber aber überein und in welchen Aspekten würden vielleicht sogar die Fetzen fliegen? Und was macht jeden Kanal so einzigartig? Genau dies möchte ich mit dieser Reihe herauszufinden.

Um den Überblick zu behalten, haben wir dafür eine Übersicht erstellt, sodass man die einzelnen Persönlichkeiten schnell miteinander vergleichen kann.

Im ersten Teil haben wir den anspruchsvollen Kinogänger Wolfgang M. Schmitt zu Gast, der auf seinem YouTube-Kanal Die Filmanalyse nun schon zehn Jahre sowohl Hollywood-Blockbuster als auch Klassiker und anspruchsvolles Arthouse-Kino analysiert. Wir wünschen zum Zehnjährigen alles Gute und nutzen einmal die Möglichkeit, mit dem studierten Germanisten ganz konkret über die vielfältigsten Filmthemen zu sprechen.

Für Menschen, die dich nicht kennen: Was kann man konkret von deinen Filmanalysen erwarten und in welcher Hinsicht hebst du dich von anderen Filmkritikern ab?

Es ist meistens leichter zu sagen, was man nicht tut und damit beginne ich, indem ich sage man wird keine Service-Kritiken bei mir finden. Worum es mir geht, ist die Unterhaltungskultur und die Filme auf eine Weise zu betrachten, dass man sie zunächst einmal ganz ernst nimmt. Filme wollen nicht nur unterhalten und sie tun es auch nicht nur, sondern in ihnen steckt auch eine Menge ideologischer Ballast oder vielleicht auch ein propagandistisches Potenzial. Ich möchte herausarbeiten, was die Filme über unsere Gesellschaft aussagen. Ich versuche mich dabei auf das Populäre zu konzentrieren und einen Blick darauf zu wählen, der nicht nur Werturteile trifft. Es kann da durchaus sein, dass ein Film ästhetische Qualitäten hat, wobei die ideologische Aussage jedoch vielleicht sehr heikel ist. Man kann dadurch sehen wie das Unterhaltungskino und gesellschaftliche Diskurse funktionieren, wenn man schaut, wie mit Emotionen gearbeitet wird. Wenn man im Kino ist und dann eben genauer analysiert, sieht man erst einmal was in diesen Filmen noch so liegt und mit diesem Wissen kann man wiederum die Wirklichkeit betrachten und Muster erkennen. Dieses polternde, selbstzentrierte und egozentrische Auftreten von Marvel-Helden erinnert mich zum Beispiel daran, wie ein Armin Laschet sich im Wahlkampf verhielt.

Welche Menschen möchtest du am ehesten mit deinem Kanal ansprechen und kannst du Aussagen treffen, wie dein Publikum auf YouTube demographisch aussieht?

Ich möchte möglichst viele Menschen erreichen, die sich sowohl für Filme als auch für gesellschaftliche und philosophische Fragen interessieren. Ich bin aber wahrscheinlich der schlechteste YouTuber aller Zeiten, denn ich muss gestehen: Ich habe mich noch nie intensiv mit diesen Statistiken, die YouTube einem da anbietet, beschäftigt. Ich kann also über das Publikum in Form von Statistiken nicht viel sagen. Wenn ich jedoch an die Rückmeldungen und E-Mails, die ich so bekomme, zurückdenke, tippe ich mal auf ein junges Publikum, 60 Prozent männlich, 40 Prozent weiblich. Solche Statistiken sollte man generell mit Vorsicht betrachten. Ich mache das, was ich tue, absolut für mein Publikum. Aber ich versuche nicht meinem Publikum nach dem Mund zu reden. Ich glaube, dass das am Ende aber auch viel erfolgreicher ist, weil das Publikum sich nicht gespiegelt haben möchte.

Was bedeuten Filme persönlich für dich und warum gerade dieses Medium und nicht beispielsweise andere Medien wie Theater, Oper, Musik oder Literatur?

Bei mir begann alles mit dem Fernsehen, als ich mit 14-15 Jahren angefangen habe, Hitchcock und Arthouse-Filme in schwarz-weiß zu schauen. Die intensive Kinozeit kam erst später, nach dem Abitur. Ich sagte mir damals: Statt einer Weltreise verreise ich lieber, indem ich sitzen bleiben kann und die Welt reist an mir vorbei, während ich auf die Leinwand blicke. Seitdem ist das Kino ein wichtiger Bestandteil in meinem Leben und das hat auch das Theater und die Oper in den Hintergrund treten lassen. Für mich ist der Film schon eine Kunst, die mir inzwischen am meisten nahe steht, weil ich dieses Erleben von Aufnahmen aus größter Distanz, wie auch aus unmittelbarer Nähe, extrem genießen kann. Ich bin da auch ein bisschen Kino-verrückt, da ich mir wirklich fast alles ansehe. Einzig und allein Seniorenkomödien und Kuschel-Arthouse sind für mich uninteressant. Aber was aus Hollywood kommt, da finde ich fast alles sehenswert, wenn man es nur aus einer soziologischen Sicht betrachtet.

Filme eignen sich dafür, was ich tue, aber auch sehr viel besser als zum Beispiel Bücher. Warum ist das so? Weil Filme Teamwork bedeuten. Wir haben Schauspieler, Masken, Kostüm, oft mehrere Drehbuchautoren, Regisseure, Produzenten etc. Das bedeutet aber, dass sehr viele gesellschaftliche Ansichten, die jeder mit sich herumträgt, in ein Werk hineingeraten. Durch ökonomische Abhängigkeiten wie das Filmbudget kommt zudem sehr viel Gesellschaftliches, sehr viel Ideologie und richtiges, wie auch falsches Bewusstsein in so ein Werk. Bei einem Roman hingegen hat man es oftmals bloß mit der Idiosynkrasie des Einzelnen zu tun, nämlich des Autors.

Gab es schon einmal eine Situation, in der du dich mit jemand über einen Film streiten musstest? Wenn ja, was genau ist dein Anspruch? Geht es dir um den Dialog, um Aufklärung, oder ein stückweit darum, Recht zu behalten?

Ich glaube allen Leuten geht es darum Recht zu behalten und man gesteht ungern ein, dass man vielleicht Unrecht hat. Im Freundeskreis halte ich mich aber oft ein bisschen zurück. Ich kann in der Filmanalyse schließlich genug sprechen. Aber es gibt da schon ab und zu Diskussionen über Filme und Ansichten ideologischer und ästhetischer Natur, die divergieren. In solchen Gesprächen kommt es aber eigentlich nie dazu, dass jemand aufsteht und sagt: Wunderbar, jetzt bin ich vom Gegenteil meiner Meinung überzeugt worden. Dieses Reden über Filme schärft aber durchaus das eigene Werkzeug, mit dem man Kritik übt und es sensibilisiert einen für gewisse Dinge, die man vielleicht nicht gänzlich wahrgenommen oder übersehen hat. Im direkten Gespräch geht es mir aber nicht darum, Leute zu überzeugen. Das ist nicht meine Mission.

Kannst du das nachvollziehen, wenn jemand einen Film aufgrund einer gänzlich anderen Herangehensweise gut findet, währendem du diesen Film aus deiner Sicht als schrecklich empfindest? Und denkst du, dass beide Meinungen gleich viel wert sind?

Ich kann jedem seinen persönlichen Geschmack lassen, es gibt aber trotzdem guten und schlechten Geschmack. Wenn jetzt jemand Forrest Gump für einen guten Film hält, egal aus welchen Gründen, der sollte mir dann aber erst einmal beweisen, was daran so besonders ist. Ich würde sagen es ist weder die Geschichte, noch die ästhetische Einrichtung des Films, noch kann man ideologisch sagen, dass das ganz herrlich ist, was dort erzählt wird. Insofern würde ich sagen, dass es kompetente und inkompetente Meinungen gibt. Natürlich maße ich mir an, dass meine kompetent ist, sonst würde ich sie nicht äußern. Das kann der andere Kritiker aber auch machen und da kommt man dann wahrscheinlich nicht zusammen, aber das kann ich aushalten. Ebenso bei Die fabelhafte Welt der Amélie. Wenn da jemand meint, dass dies ein französisches Meisterwerk sei, dann würde ich in Zweifel ziehen, dass sich diese Person mit der französischen Filmgeschichte auskennt. Bei meinen Analysen zu Forrest Gump und Amélie habe ich aber mit ein paar Argumenten gut vorgelegt, ich wäre aber gespannt, wer da bessere hat.

Verfolgt man deinen Kanal stellt man fest, dass deine Analysen fast immer mit „wir schauen nur, aber sehen nicht“ enden. Metaphorisch gesprochen könnte man jetzt annehmen, dass für dich nur Filme, die einem die Augen öffnen, gut sind. Ist das tatsächlich der Fall oder was genau muss ein herausragender Film bei dir mitbringen?

Das ist pauschal sehr schwierig zu beantworten aber vielleicht kann man es doch auf den Punkt bringen. Ein Film darf nicht dümmer machen und sollte mich eigentlich ein wenig denkend machen. Das kann in Form eines Schauspiels sein, das mir die Augen öffnet. Das kann eine noch nie so erfahrene oder gesehene Geschichte sein. Das kann eine philosophische Aussage sein, aber auch das Bild, das von einer solchen Schönheit ist, dass plötzlich die Kategorien, die man im Kopfe hat, verschoben werden. Bringt das eine Produktion mit, so haben wir es mit einem Film zu tun, der es lohnt gesehen zu werden.

Welche Rolle spielen Gefühle bei der Filmrezeption bei dir? Verspürst du vielleicht Demut oder Stolz, zum Beispiel bei deinen Lieblingsfilmen von Tarkowski? Und ist ein Film automatisch gut, wenn man bspw. Gänsehaut verspürt oder feuchte Augen bekommt?

Wenn ich Tarkowski wäre, dann wäre ich stolz. Da ich aber nur der Zuschauer bin, wird man eher demütig und denkt – meine Güte, was für großartige Filme man doch sehen kann. Ich bewundere diese Bilder und finde sie immer wieder ergreifend, manchmal auch in ihrer extrem anstrengenden Unerbittlichkeit. Das ist aber nicht so ein genervtes Angestrengtsein wie bei manchen Filmen, sondern es ist eine Art Ballast, der uns doch eigentlich daran erinnert: Kunst ist nicht nur ein Häppchengenuss, wie es gern auf Kulturfestivals versprochen wird, sondern ist idealerweise gleichermaßen anstrengend und belohnend. Bei Gefühlsregungen im Kino würde ich aber doch sehr davon abraten, dass man zu sehr auf körperliche Reize reagiert. Das liest man auch öfter in Kritiken, dass man da Gänsehaut bekommt oder einem die Tränen laufen. Gefühle, die sich in der Art äußern, sind dabei aber nicht unbedingt so authentisch, beziehungsweise macht man sich gern das große Fühlen selbst vor. Ich kenne da einige gefühlskalte Leute, die unglaublich viel weinen und gefühlig daher reden können. Im entscheidenden Moment sind die aber alles andere als empathisch anderen Menschen gegenüber. Wenn also jemand zu viel mit seinen Gefühlen hausieren geht, bin ich immer sehr skeptisch. Das ist für mich eher ein Zeichen für Oberflächlichkeit. Insofern verbiete ich mir selber auch solche Oberflächlichkeit, beziehungsweise ignoriere sie.

Ich würde aber auch sagen, dass ich natürlich von Filmen in einer Weise ergriffen werden kann, sodass mir die Tränen kommen. Das Schöne ist: Im Kino ist es sehr dunkel, da sieht man das nicht so. Aber das ist für mich jetzt nicht das filmkritische Kriterium. Ich kann aber sagen, dass es schon Filme gab, bei denen ich geweint habe, die ich in der Gesamtheit aber sehr schlecht fand. Solche Filme habe ich dadurch auch nicht besser besprochen, nur weil mir da einmal eine Träne kam. So etwas kann manchmal eine hilflose Sentimentalität sein, ich finde da muss man als Kritiker schon professioneller sein.

Wie würdest du die Wichtigkeit von Emotionalität, Storytelling, Ideologie (Was sagt ein Film über unsere Welt aus?), Inszenierung, Virtuosität, Ästhetik und weiteren Aspekten bei der Filmrezeption sortieren?

Eine ideologiekritische Betrachtungsweise ist ein Weg Filme zu sehen. Eigentlich ist es immer so, dass wir unter gewissen Fragestellungen und mit gewissen Brillen auf der Nase uns Filme ansehen. Das heißt: Niemand ist ein unbeschriebenes Blatt Papier und lässt einfach mal dieses Licht auf sich wirken und macht sich dann irgendein Reim daraus. Unsere Seherfahrungen und Schwerpunkte, die wir uns aus persönlichen Gründen setzen, bestimmen unseren Blick. Wenn man sich aber seines eigenen Standpunktes sicher ist, beziehungsweise wenn man ihn selbst reflektiert, ist es sehr viel leichter von da ausgehend einen Film zu betrachten und um den Film wiederum auf sich selbst zurückblicken zu lassen. Das ist aber auch mit anderen Betrachtungsweisen möglich, die mir nicht so sehr liegen würden. Man kann auch mit einem technizistischen Blick auf die Dinge einiges über den Film sagen, auch über die Veränderung im Kino. Denken wir nur daran, wie die Schnittfrequenzen sich verändert haben. Ebenso bei schauspieltheoretischen Überlegungen. Da gibt es sehr viele Möglichkeiten und ich bin da offen für eine Pluralität. Mir geht es auch nicht darum, dass ich immer mit den drei selben Theorien ins Kino reinmarschiere und gucke, was man damit anstellen kann. Man muss, wenn man sich mit Gegenwartsfilmen als auch älteren Filmen beschäftigt, eine gewisse Offenheit an den Tag legen und sagen – hier hilft mir die Gendertheorie weiter, dort komme ich mit Wirtschaftsideengeschichte zurecht und dort ist es vielleicht mal ganz klassisch die marxistisch ausgelegte Ideologiekritik.

Wenn man auf die Entstehungsgeschichte eines Films schaut, angefangen bei der Idee, bis hin zur Umsetzung und dem fertigen Resultat, welche Faktoren spielen die größte Rolle, wenn man den Anspruch hat, ein filmisches Meisterwerk zu kreieren?

Es steht und fällt alles mit dem Drehbuch, das ist das Entscheidende. Was ich bei vielen Hollywoodfilmen oft beobachte ist Folgendes: Sie haben zwar ganz gute Grundideen, die Ausführung ist gar nicht schlecht, das Schauspielpersonal ist in der Regel ziemlich exzellent und handwerklich stimmt ohnehin fast alles. Oftmals ist es dann aber so, dass die eigentliche Idee nicht bis zu Ende gedacht wird. Oder man schreckt davor zurück, das einmal auszubuchstabieren. Um einmal ein ganz profanes Beispiel zu nehmen: die Purge-Reihe, die hat eigentlich eine ganz gute Idee. Die Frage „Was wäre eigentlich, wenn man einen Tag offiziell als Ausnahmezustand verhängen würde?“ ist hochinteressant. Da steckt unglaublich viel politisches Potential drin und man könnte daraus hochinteressante Filme machen. Nur leider bleiben all diese Filme – und es ist schlimmer geworden – im Ansatz stecken und gehen nicht weit genug. Anders gesagt, sie verstehen die Prämisse nicht. Und so läuft das immer auf irgendetwas diffus Menschliches hinaus. Leider nur so lange, bis es mit der nächsten Fortsetzung weiter geht. Daran kann man ganz symptomatisch erkennen, dass in Hollywood oft das Ganze nicht durchdacht wird. Man bräuchte eigentlich so einen Supervisor, der sich diese Konzepte ansieht und das dann mal durchdenkt. Damit wären glaube ich viele Produktionen geglückt. Ich glaube, dass viele Filme aufgrund einer inkonsequenten Denkweise so schlecht sind. Man hat es bei guten Regisseuren daher auch oftmals mit Personen zu tun, die es durchdenken. Da zählt beispielsweise Alfred Hitchcock dazu, der das absolut verstanden hat. Bei den klassischen großen Hitchcock-Filmen ist das alles absolut richtig und deshalb funktioniert das auch so gut. Im Übrigen: Ein Hitchcock-Film, wo das nicht so gut funktioniert, ist Bei Anruf Mord. Der funktioniert nicht, weil der zu sehr mit Details beschäftigt ist. Es muss da nämlich sehr lange erklärt werden, warum da beispielsweise noch ein Schlüssel irgendwo liegt und es ist einfach zu verwickelt. Sonst zeigt uns Hitchcock jedoch, wie strukturiert man als Regisseur denken sollte.

Schaut man auf Hollywood, hat es den Anschein, dass in manchen Kreisen die Stimmen immer lauter werden und viele Fans mit den neuen Star Wars-Filmen oder selbst mit einem Fast & Furious 9 sehr unzufrieden sind. Bewegt sich Hollywood in Richtung eines Tiefpunkts oder denkst du, es braucht solche Filme auch, sodass Regisseure daraus lernen?

Vor allem muss bei den Studios ein Lernprozess stattfinden und das geschieht, wenn der Verkauf nicht mehr so gut läuft. Inwiefern die Regisseure im Einzelnen dafür verantwortlich sind, kann man ganz schwer sagen, weil man weiß, dass bei solchen Großproduktionen die Regisseure schon lange nicht mehr die alleinigen Herrscher sind. Insofern muss man eigentlich darauf hoffen, dass Studios ein bisschen mehr künstlerische Freiheit zulassen und es auch wieder verstehen, dass man einen Film nicht so programmieren kann, wie man vielleicht eine Benutzeroberfläche für einen Onlineshop optimieren kann. Ich denke, dass Studios dies erkennen werden, auch aus einem anderen ökonomischen Grund. Diese Produktionen sind inzwischen so teuer geworden, dass es schwer wird damit noch richtige Profite einzufahren. Wenn man da zum Beispiel einen Film hat, der 200-300 Millionen Dollar kostet, dann muss der eigentlich eine Milliarde einspielen, damit man wirklich einen hohen Gewinn abschöpfen kann. Das ist aber kaum noch gegeben. Viel lukrativer wäre: Eine Produktion kostet 20 Millionen Dollar, spielt aber 200 Millionen ein. Damit kann man ordentlich Profit machen und ich hoffe, dass man da erkennt: small is beautiful.

Wie vergleichst du die Filmrezeption, muss ein Film gleich bei der Erstsichtung direkt überzeugen oder würdest du doch eher sagen, dass man einen Film erst im Laufe der Zeit zu schätzen lernt?

Ein guter Film ist auch ein guter Film, wenn man ihn zum ersten Mal sieht. Ein sehr guter Film aber wird, wenn man ihn dann öfter schaut, immer besser. Woran ich nicht glaube und das habe ich auch noch nicht erlebt, dass ich einen Film erst grässlich finde und nach der Zweit- und Drittsichtung plötzlich erkenne, wie großartig der eigentlich ist. Das Gute erkennt man eigentlich sehr schnell, nur eines erkennt man noch schneller: das Schlechte!

Womit kannst du dich in der Hinsicht eher anfreunden? 1. Ein Film, den du nach der Erstsichtung grandios findest, der aber mit jeder weiteren Sichtung abnimmt. 2. Ein Film, der von Sichtung zu Sichtung immer weiter wächst.

Ich würde sagen, dass nur der erste Fall möglich ist. Ich habe das noch nie erlebt, dass ein Film erst schlecht empfunden wird und er dann plötzlich gut wird. Klar kann man irgendwelche Dinge entdecken, denen man sich vorher verschlossen hat, aber bei mir ist schon der erste Eindruck sehr wichtig. Dieses sehr aufmerksame Betrachten muss man aber natürlich auch erst einmal lernen. Ich bin schon jemand, der versucht Filme mit großer Klarheit wahrzunehmen und ich versuche wirklich das beim ersten Mal auch zu erfassen. Das liegt vielleicht auch ein bisschen daran, dass ich früher oft in die Oper und in das Theater gegangen bin und da ist es auch so, dass das erste Mal meistens das letzte Mal ist. Insofern muss man sich an den Moment halten und das versuche ich im Kino genauso.

Kritik ist und bleibt immer ein stückweit subjektiv. Viele Kritiken hinterlassen aber oftmals einen absoluten Eindruck. Wie siehst du das als selbst betitelter Analytiker? Und denkst du, es sollte mehr Filmanalyse als Filmkritik geben?

Nein, ich finde beides gut. Ich bin auch jemand, der scharfe Kritik übt und damit auch eine Analyse verknüpft. Aber für mich ist eine Kritik immer dann lesenswert, wenn sie sehr meinungsstark ist. Bei Meinungen kann sich auch jeder seine eigene bilden, das ist für mich völlig okay. Ich finde es wesentlich angenehmer, eine gewisse Autorität sprechen zu lassen, als sich von Anfang an zu ducken und so zu tun als sei man nur ein kleines Stimmchen in einem lauten Diskurs. Das ist Bescheidenheitsprotzerei. Das sieht man auch bei solchen Leuten, die extrem dogmatisch argumentieren, sich dann aber ganz dezent zurückhalten, wenn sie als Kritiker-Ich in Erscheinung treten. Also da bin ich gegen falsche Vornehmheit.

Wie sieht deine Meinung generell über andere Kritiker aus? Was genau zertifiziert jemanden zu einem guten Kritiker und gibt es da Kanäle, die du gern verfolgst?

Es gibt kein Zertifikat, um sich einen guten Kritiker zu nennen. Das heißt: Jeder kann Kritiker sein. Die Frage ist: Wie gut ist er? Und: Wer hört auf ihn? Es nützt ja nichts, große Werturteile zu artikulieren, wenn sie niemand wahrnimmt. Grundsätzlich sage ich also: Jeder der sich berufen fühlt, soll es tun. Am Ende werden das Publikum und der Diskurs über den Rang entscheiden, den ein Kritiker einnimmt. Es ist dann aber auch gut, dass es so viele Spezialisten auf verschiedenen Gebieten gibt, weil wir eine so große Ausdifferenzierung haben. Da muss man dann schauen, was liegt einem dann mehr und was ist das, was mich in der Auseinandersetzung interessiert.

Ich rezipiere inzwischen nicht mehr so viele Filmkritiken. Und auch die Lektüre des Feuilletons hat nachgelassen. Da beschäftigt mich der Wirtschaftsteil jetzt mehr. Festivalberichte, die zeigen was es an Neuproduktionen so alles gibt, sind aber auch lesenswert.

Je nach Publikumserfolg reden die meisten Menschen immer über die „relevantesten“ Filme oder die, die gerade „in“ sind. Ist das ein Problem? Und was fallen dir für grandiose Produktionen ein, bei denen du vermutest, dass diese wahrscheinlich nur die allerwenigsten kennen?

Die Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut und liegt oft bei Dingen, wo man ein hohes Werbebudget für ausgibt. Und das ist ein logischer Prozess, der sich daraus ergibt. Ich fände es natürlich auch schöner, wenn manche Produktionen viel mehr in den Fokus geraten würden. Ich denke da jetzt zum Beispiel an Dominik Grafs Literaturverfilmung Fabian oder Der Gang vor die Hunde, der 2021 im Kino lief, aber natürlich sehr viel weniger Resonanz fand als der neue The Suicide Squad. Und dennoch ist meine Ausrichtung eine auf das Populäre, weil mich interessiert, wie das Populäre zu uns spricht. Grundsätzlich wünschte ich natürlich, dass das andere populär wäre. Aber die Zeiten sind so nicht und die Frage ist, ob sie je so waren und ob sie einmal anders werden könnten. Um einige Filme ist es so sehr schade. Selten jedoch kommt das Intelligente mit dem Populären zusammen. In dem Fall ist das Populäre viel aufschlussreicher als das, was sich als Kunst ausgibt. It Follows ist ein sehr gutes Beispiel dafür. Da kann man sehen, dass man diese Filme für ein Publikum macht, das auch erst einmal nur unterhalten werden will. Doch dann merkt man, dass der Film noch andere Ebenen hat und plötzlich wird über einen Film ganz anders gesprochen. Auch Tarantino bedient ein sehr großes Publikum, ohne aber Zugeständnisse an dieses Publikum zu machen. Das ist also etwas Gutes, wenn Regisseure wie Tarantino oder Genrefilme wie It Follows oder Parasite zeigen, dass man dem Publikum etwas zumuten kann.

Für Leute, die schon mehrere tausend Filme gesehen haben und das Beste vom Besten kennen, was sind deiner Meinung nach gute Orientierungspunkte, um auf sehenswerte Filme zu stoßen?

Über Regisseure zum Beispiel. Rein persönlich beschäftige ich mich oft mit theoretischen Sachen wie zum Beispiel Wirtschaft und stoße dann automatisch auf Filme, in denen Banker, Börsenspekulanten und Unternehmer die Hauptrolle spielen. Man kann aber auch über die Art der Filmkunst herangehen. Ein Beispiel: der französische Film nach 1950, da habe ich mir das Gesamtwerk von Jacques Tati und Jean-Luc Godard angesehen. Oder Robert Bresson, der sehr wichtig ist. Das sind aber jetzt alles große Namen. Ich habe aber keine Geheimtipps, außer vielleicht – auch wenn das jetzt nicht mehr ganz so geheim ist – der deutsche Genrefilm, zum Beispiel Filme wie Der blutige Freitag aus den 70er Jahren. Das sind schon ganz erstaunliche Filme. Da kann man mal nachschauen, was Dominik Graf empfiehlt. Bei solchen Menschen kann man tatsächlich Schätze entdecken, die man so nicht unbedingt auf dem Schirm hat. Und manchmal lohnt es sich einen Überblick über eine Zeit zu verschaffen, indem man guckt, was waren denn zum Beispiel die erfolgreichsten Filme 1984. Grundsätzlich sollte man schon auch mal die schauen, die einen nicht interessieren. Damit relativiert sich dann auch so manches harsche Urteil, wenn man immer so über die Filme der Gegenwart herfällt.

Nachdem ich letztens Be Natural über die mutige Filmpionierin Alice Guy-Blaché geschaut habe, interessiere ich mich für Filme, die ihrer Zeit voraus sind und sich etwas trauen. Auf welchen Film warst du zuletzt froh oder stolz, dass man sich mal etwas Waghalsiges getraut hat?

Auch hier muss ich Fabian oder Der Gang vor die Hunde von Dominik Graf sagen. Anders als bei anderen schlimmen Literaturverfilmungen, die es so gibt, wo alles poliert und mit einem Goldrahmen versehen wird, geht Dominik Graf ganz anders ran. Wenn ich sehe, wie er mit einer Steady-Cam 1931 einfängt, wie er einen Literaturklassiker entrümpelt – im besten Sinne des Wortes – und ein eigenständiges Werk daraus macht, ist das wirklich wagemutig. Das ist schon erstaunlich, was Dominik Graf dort herausnimmt, beziehungsweise erstaunlich, dass man ihn hat machen lassen. Da sieht man, dass Dominik Graf jemand ist, der wirklich noch Kino machen will. Wer mich auch noch einmal richtig überrascht hat, war Thomas Vinterberg. Die meisten seiner anderen Filme finde ich zwar eher schwach, mit Der Rausch hat er aber wirklich etwas Großes geleistet. Er macht mit diesem Film auch nochmal Lust auf gutes Schauspielkino.

Nach deinen schlimmsten Filmen, was ist wirklich das allerschlimmste für dich – Shyamalan, Malick, A Quiet Place, Marvel, oder der ultimative Hassfilm Forrest Gump? Und sind alle gleichermaßen schlimm oder wie differenzierst du in der Hinsicht?

Es gibt unterschiedliche Formen des Leids, die Filme einem antun können. Ich würde sagen, dass es bei Terrence Malick tatsächlich so ein richtiges Quälen gibt, einfach deswegen, weil ich mich einem Mann ausgesetzt fühle, der nichts zu erzählen hat und dann noch nicht einmal ansprechende Bilder findet. Das ist für mich viel schlimmer als ein Film wie Das Streben nach Glück oder Forrest Gump, der natürlich ideologisch vollkommen idiotisch ist, der sich dann aber doch leicht weg-konsumieren lässt. Besonders groß ist das Leid bei Filmen, die vorgeben Kunst zu sein, die es aber nicht sind und da zählt ganz klar Terrence Malick zu. Das trifft aber auch auf sehr viele Gewinner von Filmfestivals zu.

Wie siehst du Die Filmanalyse in weiteren zehn Jahren?

Ich hoffe, dass ich genauso weitermachen kann, dass das weitere zehn Jahre Filmanalysen ergeben wird. Ich hoffe, dass ich in zehn Jahren noch genügend Kinos in meinem Umfeld habe, also dass nicht das Kinosterben weiter um sich greift. Ansonsten liegt die Herausforderung bei so etwas ja im Weitermachen und nicht zu versuchen das zu variieren oder zu öffnen, sondern es weiter zu machen, genauso wie man es macht. Das ist etwas, was für mich wichtig ist und das gefällt auch dem Publikum.

Nach zehn Jahren Filmanalyse und weiteren Projekten, u.a. „Wohlstand für alle“ und deinem ersten Buch „Influencer“, was kommt als nächstes?

Es sind ein paar Dinge in Planung. Ich habe aber so schon relativ viel zu tun und da muss man einfach gucken, was kann man machen. Ich kann mich aber nicht über Langeweile beklagen. Für mich sind die Dinge wichtiger, die ich schon mache, also Die Filmanalyse, Wohlstand für Alles und Die neuen Zwanziger. Alles andere ist schon fast Luxus.

Vielen Dank für deine Zeit und das tolle Gespräch!



(Anzeige)

Über den Autor

Freier Autor

Ich bin freiberuflicher Autor und seit vielen Jahren leidenschaftlicher Filmfan, wobei mein Fokus den kleineren Filmperlen gilt.

Eine Antwort

  1. Kathi

    Ich schätze die Beiträge von M. Schmitt sehr. Auch wenn ich seine Meinung nicht in allen Fällen teile, empfinde ich seine Analysen in der Regel als sehr bereichernd. Die beiden Podcasts sind auch sehr zu empfehlen!

    Antworten

Hinterlasse eine Antwort