Inhalt / Kritik

Yuli DVD

„Yuli“ // Deutschland-Start: 17. Januar 2019 (Kino) // 1. August 2019 (DVD/Blu-ray)

Kuba, Anfang der 80er Jahre: Für den ungestümen Jungen Carlos Acosta (Edlison Manuel Olbera Núñez) steht fest, dass er später einmal Fußballer wird, so wie sein großes Vorbild Pelé! Sein Vater Pedro (Santiago Alfonso) hat jedoch andere Pläne. Als der erkennt, welches tänzerische Talent in seinem Sohn schlummert, legt er für ihn fest, dass er entsprechenden Unterricht nimmt und später mal ans Ballett soll. Für Carlos, den Pedro nach dem afrikanischen Kriegsgott Yuli nennt, kommt das nicht in Frage, mit aller Kraft wehrt er sich dagegen – vergeblich. Tatsächlich wächst er jedoch zunehmend in seine Rolle hinein. Der junge Erwachsene (jetzt: Keyvin Martínez) entwickelt sich zu einem begehrten Tänzer, dem alle Türen offen stehen …

Leiden ohne Leidenschaft

Wer es in einem künstlerischen Beruf zu etwas bringen will, der muss sich auf viele Einschränkungen, Entbehrungen und Zumutungen einlassen. Der Konkurrenzdruck ist riesig, dein Privatleben kannst du erst einmal vergessen. Denn nur wer für die Kunst lebt, wird sich durchsetzen. Das zumindest führen uns Filme wie Whiplash oder Prélude vor, bei denen die Protagonisten immer kurz davor stehen zusammenzubrechen. Dass sie überhaupt weitermachen, liegt an der großen Leidenschaft. An dem unbedingten Willen, es trotz allem zu schaffen. Doch was wenn dieser Wille fehlt? Mehr noch, wenn man eigentlich überhaupt kein Interesse an dieser speziellen Kunst hat?

Ein eben solches Szenario zeichnet Yuli nach, welches lose auf der Biografie des kubanischen Balletttänzers Carlos Acosta basiert. Der schrieb Geschichte, als er der erste Schwarze wurde, der beim Royal Ballet in London den Romeo tanzte. Eigentlich ist das ein idealer Stoff für ein Biopic, bei dem sich der Underdog gegen alle durchsetzt. Die Geschichte eines Triumphes. Ganz so eindeutig ist das aber nicht. Denn hier haben wir es eben nicht mit jemandem zu tun, der sein Leben lang für diesen einen Traum gekämpft hat. Im Gegenteil, er wurde dazu gezwungen, seine eigenen Träume aufzugeben. Das ging mit viel Härte einher, immer wieder wurde der Junge Opfer von Gewalt, ausgeübt von dem eigenen Vater. Wenn Carlos nicht spurte, wurde schon mal zugeschlagen. Hinzu kommt die Einsamkeit, wenn der Junge schon früh von der Familie fortgeschickt wurde und er mit einem Schlag sein gewohntes Umfeld verlor, alle Freunde. Er allein etwas tun musste, was er nicht tun wollte.

Ausweg aus einem ärmlichen Leben

So beeindruckend die späteren Erfolge waren, sie waren daher hart erkauft. Und auch wenn Carlos in dieser ungeliebten Tätigkeit tatsächlich noch eine Berufung entdeckte und er die notwendige Leidenschaft entwickelte: Da bleibt immer diese Ambivalenz. Daraus leiten sich in Yuli auch eine Reihe interessanter Fragen ab. Darf man beispielsweise jemanden zu seinem Glück zwingen? Wo hört die Verantwortung als Elternteil auf und beginnt die Eigenverantwortung des Kindes? Schließlich tut Pedro das nicht, weil er selbst viel übrig hätte fürs Tanzen. Dem einfach gestrickten Mann fehlt dafür sogar völlig der Sinn. Er tut es auch nicht, weil er sich Ruhm und Geld davon erhofft, wie es bei so manch übereifrigem Elternteil der Fall ist. Vielmehr erkennt er in dem Talent die einmalige Chance, seinem Sohn ein besseres Leben bieten zu können, als er es selbst hatte.

Auch wenn Yuli natürlich in erster Linie die Geschichte des Tänzers erzählt, so ist diese doch auch mit einem gesellschaftlichen Aspekt verbunden. So stammt die Familie selbst von Sklaven ab. Und auch wenn sie inzwischen frei ist, offiziell keine Sklaverei mehr existiert, verschiedene Formen der Unterdrückung existieren weiter. Hätte Carlos den Absprung durch den Tanz nicht geschafft, er wäre in demselben von Armut und Diskriminierung geprägten Leben gefangen geblieben wie sein Vater. Kuba selbst wird dabei zu einem Gefängnis. Und doch: Ohne den freien Zugang zur Tanzschule, für den in anderen kapitalistischen Ländern Unmengen an Geld verlangt worden wäre, wäre keine Karriere möglich gewesen. Immer wieder zwingt einen das Drama dadurch, die eigenen Positionen zu überdenken und Antworten auf schwierige Fragen zu finden.

Kunstvoller Rückblick auf ein Leben

Und noch in einer anderen Hinsicht sind die Grenzen in dem Film schwer zu ziehen. So besteht die Rahmenhandlung darin, dass der echte Carlos Acosta an einer Choreografie arbeitet, die sein eigenes Leben erzählen soll. Auf diese Weise mischen sich ständig Vergangenheit und Gegenwart. Es vermischen sich aber auch Fakt und Fiktion, wenn Acosta seine Geschichte künstlerisch verarbeitet und dabei manchmal damit spielt, dass alles auch ganz anders sein könnte. Die Tanzszenen selbst sind natürlich ebenfalls sehenswert, wenn der Meister selbst involviert ist. Wer sich fürs Tanzen interessiert, für den ist der Film allein dadurch schon ein Muss. Aber auch Tanzmuffel können reinschauen, wenn sich Yuli den üblichen Mechanismen eines Biopics verweigert und gerade durch die andauernde Ambivalenz viel Stoff zum Nachdenken bietet.

Credits

OT: „Yuli“
Land: Kuba, Spanien, UK
Jahr: 2018
Regie: Icíar Bollaín
Drehbuch: Paul Laverty
Musik: Alberto Iglesias
Kamera: Alex Catalán
Besetzung: Carlos Acosta, Santiago Alfonso, Keyvin Martínez, Edlison Manuel Olbera Núñez, Laura De la Zu, Yerlín Pérez

Bilder

Trailer

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Yuli
„Yuli“ erzählt die Geschichte eines kubanischen Jungen, der zu einem international gefragten Balletttänzer wurde. Interessant ist dabei, wie der Film mit Ambivalenzen spielt. Denn der Protagonist musste zu diesem Glück gezwungen werden, gerade der Vater gibt hier eine sehr zwiespältige Figur ab. Aber auch die gesellschaftliche Komponente und die ungewöhnliche Rahmenhandlung machen das biografische Drama sehenswert.
8von 10
Leserwertung: (1 Judge)
7.5

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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