Inhalt / Kritik

Small World

„Small World“ // Deutschland-Start: 16. September 2021 (Kino)

Der Albtraum eines jeden Elternteils wird für Marta (Marieta Zukowska) wahr: Ihre vierjährige Tochter Ola wird entführt, in einen LKW gesperrt und von Polen aus über die Grenze weiter nach Osten transportiert. Bei der Verfolgung wird Marta von dem Polizisten Robert Goc (Piotr Adamczyk) angehalten und kontrolliert; schließlich kann sie ihm die Lage erläutern, doch am Grenzübergang werden die beiden aufgehalten und verlieren die Spur. Wütend beschimpft Marta Robert, weil sie glaubt, ohne ihn schneller gewesen zu sein und ihre Tochter noch hätte retten können. Deshalb von Schuldgefühlen geplagt, versucht Robert fortan auf eigene Faust, das Mädchen zu finden. Seine Nachforschungen erstrecken sich über mehrere Jahre führen in mehrere Länder und decken einige der dunkelsten Seiten der Menschheit auf.

Harte Kost mit viel Gewalt

Ja, Small World beschäftigt sich mit den Themen Kindesentführung und Pädophilie. Das ist alles andere als leichte Kost und obwohl die schrecklichen Anblicke, die tatsächlich auf diesem Gebiet tätige Ermittler wohl regelmäßig machen müssen, im Film natürlich nur angedeutet werden, sind selbst diese Andeutungen genug, um einen immer wieder schlucken oder auch ein paar Mal den Blick abwenden zu lassen. Hinzu kommt, dass der Film mit seiner generellen Gewaltdarstellung in einigen Szenen nicht gerade zimperlich ist. Hier geht es also ziemlich rau zu – zart besaitete Gemüter sollten Small World ebenso wenig anschauen wie all diejenigen, die sich durch die Thematik besonders getriggert fühlen.

Die Globalisierung hat auch vor der Kriminalität nicht halt gemacht und so ist der Titel hier Programm: von Polen führt die Spur nach Russland, dann nach England und schließlich noch weiter weg. Die hier gezeigte Welt ist nicht nur klein, sondern auch äußerst grausam. Obwohl der Film die Grausamkeiten der Täter wie gesagt nur andeutet, will man gar nicht mehr davon sehen. Zu unvorstellbar scheinen die Dinge, die hier schon kleinen Kindern angetan werden, welche fortan in einem Umfeld groß werden, in dem es für sie selbstverständlich ist, Erwachsenen ihren Körper zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig macht Regisseur und Co-Autor Patryk Vega (Bad Boy, Plagi Breslau – Die Seuchen Breslaus) klar, dass die Kinder auch in einem Abhängigkeitsverhältnis zu den Tätern stehen. So kommt Ola nach ihrer Entführung etwa in Russland zusammen mit anderen Kindern bei einem Mann mittleren Alters unter, der sich als ihr Retter und Versorger inszeniert. Obwohl er den Kindern grausame Dinge antut, sind diese tieftraurig, als die Polizei ihn in Gewahrsam nimmt.

Viel Spannung, aber nicht ohne Klischees

Ola wird in verschiedenen Altersstufen von unterschiedlichen Darstellerinnen gespielt, die ihre Sache alle überzeugend machen. Piotr Adamczyks Rolle als Ermittler zieht sich als einzige durch den gesamten Film; daneben gibt es eine ganze Reihe unsympathischer bis ekelerregender Figuren wie etwa die Anführerin eines Pädophilierings (Montserrat Roig de Puig) in England oder den reichen Geschäftsmann John (Enrique Arce), mit dem Ola als 16-Jährige zusammenlebt. In Olas Leben reiht sich ein trauriger Abschnitt an den nächsten; das Mädchen kennt kaum ein anderes Dasein, als anderen sexuell zu Diensten zu sein. Diese Abfolge deprimierender Episoden macht den Film einerseits fast zu erdrückend, andererseits ist genau dies wohl von den Filmemachern beabsichtigt. Die Einblicke, die man dabei in entsprechende Kreise bekommt, sind genauso interessant wie verstörend (der Film basiert auf Dokumentationen und Recherchen zum Thema).

Small World ist also thematisch äußerst harte Kost. Gleichzeitig tappt der Film an ein paar Stellen aber auch in die Fallen, die das Thriller-Genre so mit sich bringt. Dass hier ein einzelner Polizist über mehr als zehn Jahre einem einzigen, sich um die halbe Welt erstreckenden Fall hinterherjagt, ist wohl etwa vor allem der Tatsache geschuldet, dass man im Spielfilm nun mal einen zentralen Protagonisten braucht. Ärgerlicher ist da schon, wenn Robert ganz allein eine von Kriminellen bevölkerte Villa infiltriert, ohne Verstärkung anzufordern oder auch nur irgendjemandem bescheid zu sagen. Damit wäre definitiv eines der größten Klischees des Genres abgehakt. Das ändert aber nichts daran, dass Small World abseits des ernsten Themas ein hoch spannender Film ist, der auch einige gelungene Verfolgungs- und Actionsequenzen enthält.

Ein Held mit dunklen Seiten

Nicht unerwähnt bleiben darf, dass Robert nicht nur ein strahlender Held mit weißer Weste ist, sondern selbst auch eine dunkle Seite hat. Worin genau diese besteht, soll hier nicht verraten werden. Sie wird jedoch im Lauf des Films mehrmals thematisiert, bietet definitiv Anlass zu (noch mehr) Diskussionen und macht den Film auf jeden Fall auch noch interessanter. Insgesamt ist Small World damit alles andere als seichte Unterhaltung für einen schönen Abend, aber dennoch ein lohnenswerter Film, der im Kopf des Zuschauers lange nachhallt.

Credits

OT: „Small World“
Land: Polen
Jahr: 2021
Regie: Patryk Vega
Drehbuch: Olaf Olszewski, Patryk Vega
Musik: Lukasz Targosz
Kamera: Norbert Modrzejewski
Besetzung: Piotr Adamczyk, Montserrat Roig de Puig, Julia Wieniawa, Enrique Arce, Marieta Zukowska

Bilder

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Small World
„Small World“ ist ein ernster, gründlich recherchiert wirkender Film über ein furchtbares Thema, der seine Zuschauer zum Nachdenken bringt. Gleichzeitig ist Regisseur Patryk Vega hier ein spannender und stellenweise rasant inszenierter Film gelungen.
8von 10
Leserwertung: (1 Judge)
0.1

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