Kritik

Die Unschuldigen Les innocentesPolen im Jahr 1945: Die französische Ärztin Mathilde Beaulieu (Lou de Laâge), die bei einer Station des Roten Kreuzes arbeitet, staunt nicht schlecht, als sie Besuch von der Benediktinernovizin Schwester Teresa (Eliza Rycembel) erhält. Denn die bittet sie, heimlich mit ihr zu einem Kloster in der Nähe von Warschau zu kommen, wo ihre Freundin, Schwester Zofia (Anna Próchniak), schon in den Wehen liegt. Und sie ist nicht die einzige, insgesamt sieben Nonnen sind schwanger. Freiwillig geschah das jedoch nicht. Vielmehr wurden die Polinnen von russischen Soldaten vergewaltigt, wovon aber auf Geheiß von Mutter Oberin (Agata Kulesza) niemand etwas erfahren darf, da ansonsten die Schließung des Klosters droht. Mathilde lässt sich darauf ein und will mit Hilfe der französisch sprechenden Schwester Maria (Agata Buzek) den jungen Frauen helfen …

Eine bittere, verdeckte Geschichte

Anne Fontaine gehört sicher zu den bekanntesten französischen Regisseurinnen der Gegenwart – und zu den abwechslungsreichsten. Zuletzt drehte sie das Polizei-Thrillerdrama Bis an die Grenze, davor die kuriose Schneewittchen-Neuinterpretation Weiß wie Schnee – Wer ist die Schönste im ganzen Land? und das Coming-of-Age-Drama Marvin. Den meisten Eindruck hinterließ sie jedoch mit Die Unschuldigen im Jahr 2016. Der Film um eine Gruppe von Nonnen, die im Krieg vergewaltigt und schwanger wurden, war in Frankreich ein überraschender Kinoerfolg mit mehr als 700.000 Besuchern und Besucherinnen und zudem in mehreren Kategorien für den César nominiert, den wichtigsten Filmpreis ihres Heimatlandes.

Leichte Kost ist dieser natürlich nicht. Vielmehr verarbeitet die Filmemacherin die wahren Erfahrungen von Madeleine Pauliac, die nach dem Zweiten Weltkrieg beim französischen Roten Kreuz in Polen arbeitete und dort Zeugin der Folgen von Massenvergewaltigung wurde. Die Vorgänge selbst werden in Die Unschuldigen nicht gezeigt. Es wird auch kaum darüber gesprochen. Das hat einerseits natürlich mit dem Druck der Mutter Oberin zu tun, welche das Kloster in Gefahr sah und deshalb zu verhindern versucht, dass jemand von der Schande erfährt. Aber auch die Betroffenen selbst sind in dem Drama alles andere als gesprächig, würden am liebsten alles für sich behalten – wenn da nicht die Babys wären, die noch raus müssen.

Diese Zurückhaltung trägt mit dazu bei, dass innerhalb des Klosters die Figurenzeichnung eher schwach ausgeprägt ist. Das ist einerseits verständlich: Wenn eine Gruppe von Menschen im Mittelpunkt steht, die es als ihren Lebensinhalt ansieht, sich anderen unterzuordnen, ist klar, dass das nicht die größten Individualisten herumlaufen. Trotzdem ist es schade, dass die einzelnen Frauen keine Gelegenheit haben, zu tatsächlichen Charakteren zu werden, man die meisten letztendlich kaum voneinander unterscheiden kann. Umso mehr, wenn sie alle in ihrer Tracht herumlaufen, welche noch das letzte bisschen Eigenständigkeit hinter Konventionen verbirgt.

Blick hinter die Mauer

Umso spannender sind die Momente, wenn Die Unschuldigen dann doch einen kurzen Blick hinter die uniforme Mauer des Schweigens wirft. Das Drama, welches auf dem Sundance Film Festival 2016 Premiere hatte, zeigt Menschen in einer tiefen Sinnkrise. Der Glaube an Gott und die erlittene Sünde lassen sich kaum miteinander verbinden. Hinzu kommt, dass die Frauen dadurch körperliche Erfahrungen machten, auf die sie einfach nicht vorbereitet waren und die sie kaum verarbeiten können. Schließlich empfinden sie sich gar nicht als körperliche Wesen, haben all dem abgeschworen mit ihrem Gelübde. Indirekt stellt der Film damit auch diesen Glauben in Frage, der so sehr auf eine übergeordnete Welt ausgerichtet ist und damit die Menschen im Stich lässt, die notgedrungen Teil der diesseitigen Welt sind.

Verpackt wird das Ganze in unwirkliche schöne Bilder, die auf das Konto von Kamerafrau Caroline Champetier gehen. Vor allem die winterlichen Aufnahmen, die einen reizvollen Kontrast mit den Trachten der Nonnen bilden, bleiben einem in Erinnerung. Auch inhaltlich gibt es kleine Momente des Glücks, wenn die Frauen durch die Geburt noch einen anderen Teil von sich kennenlernen. Aber es sind zerbrechliche Momente, die immer wieder in der Gefahr stehen zerstört zu werden durch repressive, patriarchische Systeme, denen auch Mathilde beinahe zum Opfer fällt. Obwohl Fontaine in Die Unschuldigen von einem Zwischenfall erzählt, der einen klaren historischen Kontext hat, so steht er doch stellvertretend für eine Welt, in der Frauen sich schweigend zu unterwerfen haben – was den Film noch düsterer macht, als er ohnehin schon ist.

Credits

OT: „Les innocentes“
IT: „The Innocents“
Land: Frankreich, Polen, Belgien
Jahr: 2016
Regie: Anne Fontaine
Drehbuch: Sabrina B. Karine, Alice Vial, Pascal Bonitzer, Anne Fontaine
Kamera: Caroline Champetier
Musik: Grégoire Hetzel
Besetzung: Lou de Laâge, Agata Buzek, Vincent Macaigne, Agata Kulesza, Joanna Kulig, Eliza Rycembel, Katarzyna Dabrowska, Anna Próchniak

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
César 2017 Bester Film Nominierung
Beste Regie Anne Fontaine Nominierung
Bestes Original-Drehbuch Sabrina B. Karine, Alice Vial, Pascal Bonitzer, Anne Fontaine Nominierung
Beste Kamera Caroline Champetier Nominierung

Filmfeste

Sundance Film Festival 2016
Filmfest München 2016

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Die Unschuldigen
Inspiriert von einer wahren Geschichte erzählt „Die Unschuldigen“ davon, wie eine französische Ärztin sich 1945 um polnische Nonnen kümmert, die nach Vergewaltigungen durch russische Soldaten schwanger sind. Die einzelnen Frauen lernen wir kaum kennen. Dafür ist das Drama ein zugleich schön bebildertes und sehr bitteres Abbild einer Welt, in der Frauen nichts zu sagen haben.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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