Kritik

Pelikanblut

„Pelikanblut – Aus Liebe zu meiner Tochter“ // Deutschland-Start: 24. September 2020 (Kino)

Das Leben ist schön! Zumindest Wiebke (Nina Hoss) kann nicht klagen, die mit ihrer Adoptivtochter Nicolina (Adelina-Constance Ocleppo) auf einem idyllischen Reiterhof lebt. Doch das Glück soll bald noch ein bisschen größer sein: Eine zweite Adoption steht an, ein kleines Mädchen aus Bulgarien soll zu ihnen stoßen. Zunächst gestaltet sich das Zusammenleben mit Raya (Katerina Lipovska) sehr harmonisch, zumal sich Nicolina sehr auf den Familienzuwachs gefreut hat. Aber dieses Glück ist nicht von Dauer, mit der Zeit verhält sich Raya zunehmend eigenartig und auch aggressiv. Was Wiebke auch versucht, sie scheint nicht so wirklich zu ihr durchzudringen, immer verzweifelter werden die Mittel …

Es gibt Filmemacher und Filmemacherinnen, die schon mit ihrem Debüt einen derart starken und prägnanten Eindruck hinterlassen, dass der Name auch Jahre später noch aufhorchen lässt. Katrin Gebbe ist eine solche Filmemacherin. Als sie 2013 mit dem Drama Tore tanzt an den Start ging, verstörte sie nachhaltig mit der Geschichte um einen jungen Mann, der so streng gläubig ist, dass er sich wieder und wieder missbrauchen lässt. Anschließend hörte man leider sehr lange nichts mehr von der Deutschen, lediglich eine Tatort-Inszenierung – man muss ja schließlich von etwas leben – folgte irgendwann. Mit Pelikanblut meldete sie sich letztes Jahr doch noch in Venedig zurück und sorgte abermals für mindestens erstaunte, wenn nicht gar erschreckte Gesichter.

Eine schreckliche Grenzerfahrung
Ein knappes Jahr später, nach diversen Festivalteilnahmen und einer durch Corona bedingten Verschiebung, kommt nun der offizielle Kinostart. Das ist eine gute Nachricht, gerade auch für die deutsche Filmlandschaft, der immer wieder vorgeworfen nicht, sich nicht genug zu trauen und zu sehr auf Gefälligkeit zu schielen. Gebbe tut das nicht. Im Gegenteil: Sie bringt das Publikum mit ihrem Drama über ein Mädchen, das zu einem Albtraum für alle wird, an die eigenen Grenzen. Schon der Anblick von Raya, die anfängt, alle anderen zu quälen, und dabei so unschuldig wirkt, fordert einem viel ab. Doch sie ist mehr als die ganzen frechen Kinder, die in US-Komödienhits wie Kevin – Allein zu Haus oder So ein Satansbraten Erwachsene in den Wahnsinn trieben. Sie ist auch mehr als Benni in Systemsprenger, dem gefeierten Drama über ein Mädchen, das so viel herumgeschoben wurde, bis es nirgends mehr reinpasste.

Schon bei Tore tanzt spielte Gebbe an der Grenze zum Genrefilm. Bei Pelikanblut setzt sie dem Ganzen noch eins drauf: Immer wieder nähert sich das Drama dem Horrorfilm an, erinnert an Das Omen und andere Werke, in denen Kinder zu Mördern wurden. Anders als besagtes Systemsprenger, welches seine Kraft aus der Darstellung des Realen bezog, schwingt hier noch etwas anderes mit, etwas Fantastisches, etwas Bedrohliches. Das macht den Film einerseits einfacher, schließlich erlaubt das Entrückte, Raya schneller fallen zu lassen. Warum sollte man sich das antun wollen? Weshalb das eigene Leben zerstören lassen, das der anderen Tochter, wenn man ohnehin nichts tun kann?

Zwischen Symbol und Horror
Umso beeindruckender und irgendwie auch frustrierender ist, wie Wiebke dennoch an einem Mädchen festhält, das von allen, selbst den Ärzten, als hoffnungsloser Fall angetan wird. Der deutsche Untertitel Aus Liebe zu meiner Tochter klingt zwar nach schrecklichem Kitsch, wie man ihn bei einem Fernsehfilm vermuten würde. Aber es geht eben um mehr, geht um eine Selbstaufgabe, die sich aller Rationalität entzieht und von außen gar nicht verstanden werden kann. Pelikanblut hat dabei etwas von den alten Tragödien und Sagen, der Titel selbst nimmt auf eine frühe christliche Ikonographie Bezug. Die Rolle der Mutter, sie wird in dem Film mystisch überhöht, Wiebke zu einem Symbol der Mutterschaft an sich, weniger zu einer Person.

Wobei sie fantastisch gespielt wird. Die intensive Darstellung von Nina Hoss (Phoenix) überspielt die vielen Fragen, die sich aufzwingen. Aber auch die Leistung der beiden Mädchen überzeugt: Die junge Katerina Lipovska jagt einem mehr Angst ein, als es die meisten CGI-Monster und Dämonen aus erfolgreichen Horrorfilmen tun. Natürlich kann man sich über die inhaltlich etwas willkürliche Linie wundern, gerade am Ende scheiden sich die Geister. So oder so ist Pelikanblut der Beweis dafür, dass Gebbe auch nach Jahren der Pause eine der spannendsten Stimmen im deutschen Kino bleibt und nur zu hoffen ist, dass man nicht schon wieder sechs Jahre auf den nächsten Schock warten muss.

Credits

OT: „Pelikanblut“
Land: Deutschland, Bulgarien
Jahr: 2019
Regie: Katrin Gebbe
Drehbuch: Katrin Gebbe
Musik: Johannes Lehniger
Kamera: Moritz Schultheiß
Besetzung: Nina Hoss, Adelina-Constance Ocleppo, Murathan Muslu, Yana Marinova, Katerina Lipovska

Bilder

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Deutscher Filmpreis 2020 Bester Schnitt Heike Gnida Nominierung

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Pelikanblut – Aus Liebe zu meiner Tochter
In „Pelikanblut“ erzählt Katrin Gebbe von einer Frau, die für ihre Adoptivtochter zu großen Opfern bereit ist. Das Drama wandelt dabei immer wieder an der Grenze zum Horrorfilm, arbeitet viel mit Symbolik und provoziert Fragen, die der Film nicht beantwortet. Das ist nicht unbedingt Gefälligkeitskino, hinterlässt dafür auch dank der fantastischen Darstellerinnen großen Eindruck.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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