Kritik

Jean Seberg

„Jean Seberg – Against All Enemies“ // Deutschland-Start: 17. September 2020 (Kino)

Im Jahr 1968 ist die Bewegung des New Hollywood in vollem Gange, die Hippies feiern den Sommer der Liebe und protestieren gemeinsam mit vielen anderen gegen den mittlerweile unkontrollierbaren Krieg in Vietnam. Für die Afroamerikaner ist es ein unglückliches, ein frustrierendes Jahr, besonders nach der Ermordung des Bürgerrechtlers Martin Luther King durch einen weißen Radikalen. Für die Schauspielerin Jean Seberg (Kristen Stewart) ist es abermals ein Jahr, welches sie teils in Paris bei ihrer Familie und teils in Los Angeles verbringt, wo sie sich vor Rollenangeboten und anderen Terminen kaum retten kann. Jedoch lassen Jean die politischen Ereignisse alles andere als kalt und so sucht sie nach Wegen, ihre Popularität für Gutes in der Welt, für Dinge, an die sie glaubt, zu nutzen. Auf einem Flug nach Los Angeles lernt sie Hakim Jamal (Anthony Mackie), einen radikalen, afroamerikanischen Aktivisten, kennen und beschließt seine Bewegung und damit auch die Black Panthers zu unterstützen. Während ihre Beziehung zu Jamal mit der Zeit auch sehr intimer Natur wird, wird das FBI, welches bereits Jamal überwacht, auf sie aufmerksam und der junge Agent Jack Solomon (Jack O’Connell) wird mit der Überwachung Sebergs beauftragt. Da das FBI die Unterwanderung und Auflösung von Bewegungen wie den Black Panthers beabsichtigt, wird auch Jeans Privatleben in Mitleidenschaft gezogen, sodass selbst Solomon Zweifel an dem Sinn seines Auftrags kommen.

Auf dem Scheiterhaufen der öffentlichen Meinung
Im Interview mit film-rezensionen beschreibt der australische Regisseur Benedict Andrews (Una und Ray), wie ihn die Person Jean Sebergs, insbesondere ihre Geschichte nach dem Erfolg mit Außer Atem fasziniert hat. Wie viele andere Prominente setzte Seberg ihre Popularität ein, um ihre persönlichen politischen Überzeugungen zu vertreten. Anders als bei beispielsweise Jane Fonda, die dies sehr öffentlichkeitswirksam betrieb, geschah dies bei Seberg eher im kleinen Rahmen wie durch Spenden an die Black Panthers oder andere Gruppen, die sich für die Rechte der Schwarzen einsetzten. Gerade wegen dieser Aspekte geriet Seberg, wie viele andere, ins Fadenkreuz des FBI und des kontroversen Überwachungsprogramms COINTELPRO, dessen Ziel neben der Überwachung auch die Diskreditierung von Personen und Institutionen war, notfalls mit illegalen Mitteln.

Von daher kann man das erste Bild aus Andrews neuem Film doppeldeutig verstehen. Diese zeigt die Dreharbeiten zu Otto Premingers Die heilige Johanna (1957), bei der sich Seberg in der berühmten Szene auf dem Scheiterhaufen schwere Verbrennungen zuzog. Innerhalb des Skripts von Joe Shrapnel und Anna Waterhouse wird das Bild zu einer Metapher des Innenlebens, der Wahrnehmung der von Kirsten Stewart gespielten Seberg, die von allen beobachtet einem unaufhaltsamen Auflösungsprozess ausgesetzt ist, den sie weder stoppen, noch sonst irgendwie beeinflussen kann. Nicht zuletzt ist auch dies eine Szene, die der von Jack O’Connell gespielte Abhörspezialist als Teil seiner Recherche sichten muss und bei ihm den nachhaltigsten Eindruck hinterlässt, ein metaphorischer Spiegel dessen, was unter anderem sein Handeln für Konsequenzen für das Leben anderer hat.

Mit Kristen Stewart hat Regisseur Benedict Andrews die perfekte Darstellerin für diese Person gefunden, deren Ohnmachtserfahrung tiefe Wunden in ihrer Psyche hinterlässt. Stewart, seit den Kollaborationen mit Olivier Assayas (Die Wolken von Sils Maria, Personal Shopper) bekannt für ihr subtiles, sensibles Spiel, zeigt den inneren Kampf einer Frau um Privatsphäre sowie ihr authentisches Interesse an den Belangen, die außerhalb der Glitzerwelt Hollywoods wichtig sind. Gerade ihr Zusammenspiel mit Darstellern wie Anthony Mackie zeigt Seberg als eine Person, für die es ganz natürlich ist diese beiden Welten, das Filmgeschäft wie auch das politische Engagement zusammenzubringen: eine Utopie, die ihr mit der Zeit zerstört wird.

Das aufmerksame Ohr der Behörden
Visuell orientiert sich Andrews, wie er auch im bereits erwähnten Interview aussagt, am Thrillerkino eines Alan J. Pakula (Zeuge einer Verschwörung) oder Filmen wie Francis Ford Coppolas Der Dialog. Auch wenn das persönliche Drama rund um Jean Seberg sowie ihre abnehmende mentale Gesundheit im Fokus stehen, so versteht Andrews seine Figur doch als ein Sinnbild einer Öffentlichkeit, die nicht nur zunehmend politisiert wurde, sondern bei der jedwede Form des Engagements seitens der Behörden als verdächtig betrachtet wurde. Ähnlich wie in modernen Überwachungsthrillern wie Florian Henckel von Donnersmarcks Das Leben der Anderen zerfressen die aufmerksamen Ohren und Augen des Staates das Leben einer Person, unterhöhlen die bürgerliche-demokratischen Freiheiten sowie jegliche Art des politischen Mitspracherechts.

Credits

OT: „Seberg“
Land: UK, USA
Jahr: 2019
Regie: Benedict Andrews
Drehbuch: Joe Shrapnel, Anna Waterhouse
Musik: Jed Kurzel
Kamera: Rachel Morrison
Besetzung: Kristen Stewart, Jack O’Connell, Margaret Qualley, Zazie Beetz, Anthony Mackie, Vince Vaughn

Bilder

Trailer



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Jean Seberg – Against All Enemies
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Jean Seberg – Against All Enemies
„Jean Seberg – Against All Enemies“ ist eine Mischung aus Thriller und Drama über die Folgen staatlicher Überwachung anhand des Beispiels Jean Sebergs. Dank des sensiblen, starken Spiels von Darstellern wie Kristen Stewart, Anthony Mackie und Jack O'Connell gelingt Regisseur Benedict Andrews das Porträt einer Ära, in welcher der Staat jedwede Dissonanzen innerhalb des Landes überwacht und im Keim ersticken wollte. Daneben stellt Stewart eine Person dar, die an ihre Ideale glaubt, an ihre Ansichten und die sich nicht als „Tourist“ begreift, sondern aktiver Helfer sein will, wenn es darum geht Politik und Gesellschaft mitzugestalten.
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