Kritik

Intrige J'accuse The Officer and the Spy

„Intrige“ // Deutschland-Start: 6. Februar 2020 (Kino) // 3. Juli 2020 (DVD/Blu-ray)

Der Fall ist klar, Alfred Dreyfus (Louis Garrel) ist ein Verräter, der militärische Geheimnisse weitergegeben hat. Das hat ein Gericht so entschieden, unterstützt von den Aussagen eines Graphologen, der den belastenden Brief untersucht hat. Außerdem ist Dreyfus Jude, der einzige im gesamten französischen Generalstab, und damit grundsätzlich verdächtig. Doch dann stößt der neue Geheimdienstchef Marie-Georges Picquart (Jean Dujardin) auf Hinweise, dass die Verurteilung nichts rechtens war und die Beweislage äußerst dürftig. Als er sich damit an seine Vorgesetzten wendet, sind die jedoch alles andere als begeistert. Schließlich waren sie ganz froh darüber, einen Schuldigen zu haben. Und wenn es nach ihnen ginge, der Fall solle gefälligst abgeschlossen bleiben und Picquart sich aus allem raushalten …

Kann man einen Menschen von dessen Kunst trennen? Dieser Frage muss man sich fast zwangsläufig stellen, wenn es um Roman Polanskis neuesten Film Intrige geht. Nicht nur dass dessen Vergewaltigungsvorwürfe, die im Zuge von #MeToo wieder aktuell wurden, schon die bloße Beschäftigung mit dem Regisseur zu einem Politikum macht. Darf man so jemanden zu einem wichtigen Filmfest wie Venedig einladen, wo das Drama im Wettbewerb lief? Darf man über so einen Film berichten? Darf man ihn sogar gut finden? Besonders sauer stieß das Historiendrama auch deshalb auf, weil die Vorverurteilung von Dreyfus als Parallele zu Polanskis eigener Verurteilung gedeutet wurde, der Filmemacher sich also gewissermaßen selbst als Opfer inszeniert, stellvertreten durch den Soldaten.

Das ist doch ein Skandal!
Effektiv ist diese Inszenierung eines Opfers aber durchaus, losgelöst von etwaigen Implikationen. Intrige zeigt auf, wie ein Mensch gleich auf mehrfacher Weise von anderen unterdrückt wird. Da muss man die bis zuletzt eher unnahbare, wenig sympathische Figur nicht einmal mögen, um schockiert zu sein. Schon der Alltag als Jude in der Armee ist von Anfeindungen oder wenigstens Diskriminierungen geprägt. Und auf Rechtstaatlichkeit brauchte er eh nicht zu hoffen, die gab es für ihn aus verschiedenen Gründen nicht. Polanski hält an der Stelle auch nicht mit seiner Meinung hinter dem Berg: Er zeigt die komplette Verantwortungskette, sei es Militär, Justiz oder auch Wissenschaftler, als korrupte Wichtigtuer, denen es bei dieser Geschichte um ganz andere Faktoren geht als Gerechtigkeit.

Das ist an manchen Stellen ein bisschen aufdringlich: Polanski versucht nicht einmal, die Gegenseite in irgendeiner Form differenziert darzustellen. Da sind einige dabei, die eher Karikatur als wirkliche Figur sind. Wobei Intrige auch auf der „guten“ Seite dazu neigt: Melvil Poupaud zeigt in seiner Rolle als Verteidiger eine ungekannte Neigung zum Overacting, die mitunter grotesk wird. Möglich, dass damit im letzten Drittel für ein bisschen mehr Lebendigkeit gesorgt werden sollte, wenn die schockierenden Enthüllungen vorbei sind und der Film zu einem Gerichtsdrama wird. Inhaltlich bewegt sich an diesen Stellen kaum noch etwas, man wartet eigentlich nur darauf, dass endlich mal ein Machtwort gesprochen wird.

Eine alte Warnung
Wobei Intrige durchaus eine Menge zu sagen hat. Von der Dreyfus-Affäre dürften viele gehört haben. Was genau sich damals aber abgespielt hat und wie groß dieser Skandal eigentlich war, dessen dürften sich jedoch nur wenig bewusst sein. Doch die Geschichte ist größer als das Einzelschicksal, so erschreckend das auch war. Polanski führt vor Augen, wie leicht Rechtstaatlichkeit ausgehebelt werden konnte und immer noch kann: Wenn hier Gesetze beliebig ausgelegt werden, um der eigenen Agenda folgen zu können, dann ist das eine Warnung vor den faschistoiden Tendenzen, die selbst in etablierten Demokratien wie den USA auftreten können. Vor dem Gesetz sind alle gleich? Nur die, die zu uns gehören, siehe die in The Report aufgedeckten Foltermethoden des CIAs.

Auch wenn Intrige letztendlich ein Zeitporträt ist und ein Europa Ende des 19. Jahrhunderts zeigt, als Antisemitismus zunehmend Fahrt aufnahm, so hat der Film doch viele zeitlose Qualitäten. Selbst wenn der Ausgang der Geschichte bekannt ist, der berühmte Zeitungsartikel von Emile Zola, der auch für den französischen Originaltitel J’accuse zitiert wird, zum Pflichtprogramm von Historikern und Romanisten wurde, so hat das Drama doch eine Dringlichkeit, der man sich kaum entziehen kann. Eine Spannung auch, die Polanskis letzter Film Nach einer wahren Geschichte völlig fehlte. Sofern man eben doch die Kunst vom Menschen trennen kann, sollte man dem Film daher eine Chance geben, der Inhalt zumindest hätte es verdient.

Credits

OT: „J’accuse“
IT: „An Officer and a Spy“
Land: Frankreich, Italien
Jahr: 2019
Regie: Roman Polanski
Drehbuch: Robert Harris, Roman Polanski
Musik: Alexandre Desplat
Kamera: Pawel Edelmann
Besetzung: Jean Dujardin, Louis Garrel, Emmanuelle Seigner, Grégory Gadebois

Bilder

Trailer

Filmfeste

Venedig 2019

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Intrige
3.87 (77.39%) 23 Artikel bewerten

Intrige
Auch wenn die Begleitumstände von „Intrige“ kontrovers sind, der Film selbst hat zweifelsfrei seine Qualitäten. Von der manchmal etwas verwunderlichen Figurenzeichnung einmal abgesehen, erinnert das Drama daran, wie schnell Rechtstaatlichkeit ausgesetzt werden kann, was trotz des historischen Kontextes von einer großen Aktualität ist.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Eine Antwort

  1. Martin Zopick

    Mit dem deutschen Titel hat Regisseur Polanski gleich den Nagel auf den Kopf getroffen. Das was da in Frankreich Ende des 19. Jahrhunderts abgelaufen ist, war so. Man hat den unbescholtenen jüdischen Offizier Dreyfus (Louis Garrel) als Spion für den Erzfeind Deutschland ausgeguckt. Selbst als der neue Spionagechef Picquart (Jean Dujardin) belegen kann, dass Dreyfus unschuldig ist, wird die Verbannung des Delinquenten auf die Teufelsinsel aufrechterhalten.
    Der Plot braucht ein wenig, bis er in die Gänge kommt, wird aber in Richtung Finale nochmals spannend. (Es gibt sogar einen Toten!)
    Damals hat sich viel Prominenz für Dreyfus eingesetzt. Allen voran Emile Zola, der mit seiner Aktion ‘J’accuse‘ (Originaltitel) die Öffentlichkeit aufmerksam gemacht hat. Polanski dokumentiert in eindrucksvollen Bildern dieses Drama von korrupten französischen Staatsbeamten, in dem der Antisemitismus fröhliche Urstätt feierte und in dem sich der Nepotismus bis in höchste Regierungskreise eingenistet hatte. Bei aller gewahrten Distanz wird Emotionalität nicht ausgeschlossen. Hier spielt die Generalsgattin Pauline (Emmanuelle Seigner, Polanskis Ehefrau) eine wichtige Rolle.
    Einziger Einwand, den man geltend machen könnte, gewisse Vorkenntnisse sind bei der komplexen Sachlage hilfreich.
    Vom Regisseur kann man menschlich halten, was man will, als Künstler kann es keine zwei Meinungen über ihn geben. Hier hat er wieder sein Können unter Beweis gestellt.

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