
Im Frühjahr 1943 werden im Konzentrationslager Auschwitz Hunderte jüdische Frauen im sogenannten Block 10 festgehalten. Die NS-Ärzte, darunter Carl Clauberg (Axel Prahl), benutzen sie für medizinische Experimente. Sie wollen Methoden entwickeln, mit denen sich Frauen möglichst schnell und ohne großen Aufwand sterilisieren lassen. Der ebenfalls inhaftierte jüdische Gynäkologe Dr. Maximilian Samuel (Christian Berkel) soll bei den Eingriffen assistieren. Weigert er sich, drohen ihm und seiner ebenfalls im Lager inhaftierten Tochter Konsequenzen. Samuel versucht, in einer Situation, in der es keine wirklich richtige Entscheidung mehr gibt, seine Menschlichkeit zu bewahren. Die französische Ärztin Adélaïde Hautval (Bibiana Beglau) verweigert dagegen die Mitarbeit. Und die Frauen, an denen experimentiert wird, versuchen, sich gegenseitig Halt zu geben – während sie Tag für Tag weitere gequält werden.
Das Grauen hat einen Alltag
Man kann sich kaum vorstellen, was die Frauen in Block 10 in Auschwitz durchmachen mussten. Dabei ist gerade das Erschreckende an Block 10, dass sich die Drehbuchautorin und Produzentin Alice Brauner die Grausamkeiten nicht ausgedacht hat. Die Geschichte beruht auf Aussagen Überlebender und historischen Dokumenten. Regisseur Marcus O. Rosenmüller macht daraus keinen Film, der sein Publikum behutsam an die Ereignisse heranführt. Er zeigt die Eingriffe, die entwürdigenden Untersuchungen, die verstümmelten Körper. Das ist schwer auszuhalten. Aber warum sollte es anders sein? Die Wirklichkeit dürfte noch wesentlich grausamer gewesen sein als alles, was sich für einen Spielfilm nachstellen lässt.
Rosenmüller, der bereits mit Wunderkinder einen Film über die Judenverfolgung gedreht hat, hält seine Kamera oft lange auf einzelne Menschen in den engen Räumen. Die Ausstattung, die Kostüme und vor allem die körperlichen Spezialeffekte sind von erschreckender Glaubwürdigkeit. Dazu kommen Schreie und andere Geräusche aus Räumen, in die man gar nicht hineinsieht, und von außen. Ganz so konsequent wie Jonathan Glazer in The Zone of Interest setzt Rosenmüller nicht auf das, was außerhalb des Bildes bleibt. Doch auch hier reicht manchmal ein Geräusch, um die Vorstellungskraft in Gang zu setzen. Die drastischen Bilder selbst wirken dabei nicht voyeuristisch. Sie sollen erschüttern, und das tun sie. Selbst ihre Wiederholung führt nicht zu einer Gewöhnung.
Alice Brauner führt mit diesem Film die Arbeit ihres Vaters Artur fort, der die CCC-Filmproduktion gegründet hat. Er widmete sich etwa mit Zeugin aus der Hölle den nationalsozialistischen Verbrechen. Anders als dort geht es hier nicht um das spätere Leben mit dem Erlebten, sondern um das Grauen selbst.
Zu viel Raum für die Täter
Das Problem liegt eher darin, wem der Film wie viel Aufmerksamkeit schenkt. Erzählt wird im Wesentlichen chronologisch von Samuels Zeit in Block 10. Das gibt den Ereignissen einen klaren Zusammenhang, verschiebt den Schwerpunkt aber auf den Arzt und seine Gewissensnot. Berkel spielt ihn stark, mit einem Gesicht, in dem sich Angst, Schuldgefühle und der Versuch, sich selbst nicht aufzugeben, ablesen lassen. Dass sein Dilemma zusätzlich mehrfach ausgesprochen wird, wäre gar nicht immer nötig gewesen.
Noch auffälliger ist die Präsenz der Täter. Vor allem Clauberg beansprucht viel Raum, zumal Axel Prahl den fanatischen Mediziner derart dick aufträgt, dass die Figur stellenweise zur Karikatur wird. Ganz anders Bibiana Beglau, die der widerständigen Ärztin Hautval neben ihrer Entschlossenheit auch eine glaubwürdige Entwicklung gibt. Die jungen Darstellerinnen wiederum leisten in ihren körperlich und psychisch extrem fordernden Rollen Beeindruckendes. Trotzdem bleiben viele der Frauen nur flüchtig erkennbar. Angesichts der Vielzahl der Opfer ist das nachvollziehbar, aber bedauerlich. Gerade die Schicksale der jüngsten Mädchen erschüttern besonders. Erst in einer Szene, in der Gefangenen gemeinsam das jiddische Partisanenlied „Zog nit keyn mol“ anstimmen, gehört ihnen endlich für einen Moment die ungeteilte Aufmerksamkeit.
Über die Strukturen und die Ideologie hinter den medizinischen Verbrechen erfährt man vergleichsweise wenig. Block 10 will vor allem zeigen, was Menschen anderen Menschen angetan haben. Die Schlussgestaltung erinnert daran, dass die Erzählung auf realen Schicksalen beruht – und daran, wie viele Täter nach dem Krieg ihrer Strafe entgingen. Mehr als eine historische Analyse ist dieser Film ein Mahnmal. Ein schmerzhaftes, nicht in allen Einzelheiten gelungenes, aber wichtiges.
OT: „Block 10“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Marcus O. Rosenmüller
Drehbuch: Alice Brauner
Kamera: Peter J. Krause
Besetzung: Christian Berkel, Axel Prahl, Moritz Führmann, Johannes Zirner, Talia Dogan, Voula Doulgkeridou, Lydia Georgantzi, Lena Kalisch, Nolofar Khodabakhshi, Milena Straube, Bobiana Beglau, Marta Sroka, Michelle Twarowska, Luise Aschenbrenner, Anežka Rusevová, Rafael Stachowiak
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