The Beauty of Ballroom
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The Beauty of Ballroom

The Beauty of Ballroom
„The Beauty of Ballroom“ // Deutschland-Start: 24. September 2026 (Kino)

Inhalt / Kritik

Schon der „deutsche“ Verleihtitel The Beauty of Ballroom lügt ein bisschen. International heißt der Film 10s Across the Borders – ein Wortspiel aus der Bestnote, die man sich beim Voguing erkämpft, und den Grenzen, die im Film überschritten werden. Der deutsche Verleih macht daraus einen Beauty-Slogan, und das ist symptomatisch: Chan Sze-Weis erstes Langfilmwerk hat tatsächlich ein Faible für schöne Bilder. Man sieht golden bemalte Körper vor thailändischen Landschaften oder Stoffe, die im Gegenlicht wehen. Nur ist das nicht die ganze Geschichte, und man tut dem Film keinen Gefallen, wenn man ihn auf seine Hochglanzoberfläche reduziert.

Von New York nach Südostasien

Wer Ballroom im Kino verortet, landet fast zwangsläufig bei Jennie Livingstons Paris brennt (1990). Im selben Jahr machte Madonna mit ihrem Video zu Vogue aus einer New Yorker Subkultur ein weltweites Pop-Phänomen. Chan Sze-Wei setzt gewissermaßen dort an, wo diese Geschichte weitergeht: nicht in New York, sondern in Südostasien, wo sich Ballroom seit einigen Jahren eigene Räume geschaffen hat. Im Zentrum stehen drei Menschen, deren Lebenswege unterschiedlicher kaum sein könnten. Xyza Pinklady Mizrahi gehört auf den Philippinen zu den Pionierinnen der Szene und baut als „Mother“ mit ihrem House nicht nur eine Tanzgemeinschaft, sondern eine soziale Familie auf. Teddy Oricci erlebt Ballroom in Malaysia als Schutzraum gegen die Ausgrenzung, die er in seinem familiären Umfeld erfahren hat – und zugleich als etwas, dessen öffentliche Sichtbarkeit Konsequenzen haben kann. Aurora Sun LaBeija, zwischen Norwegen und Thailand verortet, verbindet seine eigene Suche nach Herkunft mit einer Ballroom-Praxis, in der buddhistische Bildwelten, Körperinszenierung und Voguing ineinandergreifen. So wird aus drei Biografien kein bloßes Illustrationsmaterial, sondern ein Panorama darüber, wie unterschiedlich dieselbe Kultur gelebt und angeeignet werden kann.

Ballroom ist hier also nie nur Wettbewerb, sondern vor allem ein Schutzraum, ein Ersatzfamiliensystem für Leute, die von ihrer eigenen Familie nicht mitgenommen wurden. Die Gegenüberstellung von biologischer Mutter und House Mother oder House Father zieht sich durch alle drei Erzählstränge, und genau darin liegt die emotionale Substanz des Films – nicht im Catwalk, sondern in der Frage, wer einen auffängt.

Formal ist der Film ambitioniert: Er will die Erfahrung von Ballroom nicht nur zeigen, sondern über Schnitt, Musik und Körperinszenierung selbst spürbar machen. Das funktioniert streckenweise sehr gut, gerade wenn Bewegung zur eigenen Erzählsprache wird und man merkt, dass hier jemand mit Tanzhintergrund Regie führt. Chan Sze-Wei studierte ursprünglich Modernen Tanz an der Hong Kong Academy for Performing Arts, und das ist seinem Film anzusehen: Körper werden nicht bloß beobachtet, sondern als Ausdrucksträger ins Bild gesetzt.

Viele Grenzen, viele Erzählungen

Das Problem ist die Architektur drumherum. Fünf Länder, mehrere Zeitebenen, drei Biografien plus ein New-York-Kapitel – das ist viel Stoff für knapp hundert Minuten, und der Film springt entsprechend häufig. Wer kurz die Aufmerksamkeit verliert, findet sich schnell in einer neuen Stadt wieder, ohne immer sofort zu wissen, wie er dort hingekommen ist. Das mag man als formales Abbild eines transnationalen Netzwerks lesen – ein Fluss ohne klare Ufer, ganz wie die Communities, von denen er erzählt. Ehrlicherweise fühlt es sich aber auch einfach nach zu vielen Baustellen gleichzeitig an, zwischen denen der Film selbst manchmal den Faden verliert.

Das New-York-Kapitel, in dem die südostasiatischen Protagonistinnen und Protagonisten auf die dortigen Ballroom-Ikonen treffen, will diese Fäden zusammenführen. Historisch ist das sinnvoll, weil der Film seine Herkunft aus der Schwarzen und Latinx-Kultur nie verschweigt. Gerade im direkten Kontakt mit der New Yorker Szene wird sichtbar, auf welche Geschichte von Ausgrenzung, Selbstorganisation und gewählten Familien die südostasiatischen Communities zurückgreifen – und zugleich, unter welchen ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Bedingungen sie diese Kultur heute weiterleben. Dramaturgisch allerdings ist das eher ein sanftes Ausklingen als eine wirkliche Zuspitzung.

Am Ende bleibt ein Film, der genau dort am stärksten ist, wo er am persönlichsten wird, und genau dort schwächelt, wo er zu viel auf einmal umarmen will. Schönheit, so viel nimmt man mit, ist hier tatsächlich nie neutral – sie ist hart erkämpft. Man muss dem Film nur die Geduld schenken, ihr dabei zuzusehen.

Credits

OT: „10s Across the Borders“
Land: Philippinen, Singapur, Deutschland
Jahr: 2025
Regie: Chan Sze-Wei
Buch: Aurora Sun LaBeija, Chan Sze-Wei
Musik:Panos Chountoulidis, Koppi Mizrahi
Kamera: Grace Baey, Tey Clamor, Vita Spiess
Mitwirkende: Asgeir Helgestad

Bilder

Trailer

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The Beauty of Ballroom
fazit
„The Beauty of Ballroom“ ist ein warmherziger, visuell starker Dokumentarfilm über die Ballroom-Kultur, Chosen Family und queere Sichtbarkeit in Südostasien – getragen von drei klug gewählten Figuren. Seine Schwäche: die fragmentierte, oft zu weit ausholende Struktur.
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