
Seit ihrer Jugend schon sind Julia (Vanessa Redgrave) und Lilian (Jane Fonda) eng miteinander befreundet. Dennoch haben sie sehr unterschiedliche Wege eingeschlagen. Während Lilian versucht, sich in den USA als Autorin einen Namen zu machen, ist Julia nach Europa gegangen, um dort Medizin zu studieren, erst in Oxford, dann in Wien. Als sie dort von Nazis brutal zusammengeschlagen wird, reist ihr Lilian, die sowieso nicht mit dem Schreiben vorankommt, hinterher. Doch ohne Erfolg, als sie beim Krankenhaus ankommt, fehlt jede Spur von der Freundin. Die weiteren Versuche, sie ausfindig zu machen, sind ebenso erfolglos. Erst Jahre später, Lilian ist inzwischen als Autorin erfolgreich, wird sie Julia wiederfinden, die gegen die Nazis kämpft. Und Letztere hat eine Bitte, die mit einer großen Gefahr verbunden ist …
In Vergessenheit geratener Hit
Die Karriere von Fred Zinnemann ist ohne Zweifel sehr beeindruckend, sowohl was die Vielfalt als auch den Erfolg angeht – kommerziell wie künstlerisch. Er drehte Klassiker wie den Western Zwölf Uhr mittags (1952). Für den Kriegsfilm Verdammt in alle Ewigkeit (1953) und das biografische Drama Ein Mann zu jeder Jahreszeit (1966) erhielt er jeweils den Oscar für die beste Regie. Fünf weitere Male wurde der Österreicher, der 1929 in die USA auswanderte, für den begehrten Preis nominiert. Zum letzten Mal gelang ihm dieses Kunststück bei Julia aus dem Jahr 1977. Insgesamt elf Nominierungen erhielt das Drama seinerzeit, war auch an den Kinokassen erfolgreich. Und doch ist das Spätwerk des Regisseurs inzwischen eher in Vergessenheit geraten, bis heute wurde es hierzulande auch nicht auf DVD veröffentlicht.
Das mag auch an den Kontroversen liegen. Nicht nur, dass Redgrave dank ihres Einsatzes für einen palästinensischen Staats mit Antisemitismus-Vorwürfen zu kämpfen hatte. Später kamen auch Zweifel hinzu, was an der erzählten Geschichte dran ist. Offiziell basiert diese auf den Memoiren der US-amerikanischen Autorin Lillian Hellman, die mit ihren Bühnenwerken große Erfolge feierte. Doch sie sah sich mit Vorwürfen konfrontiert, dass nicht nur die Geschichte von Julia , sondern auch andere Erzählungen mindestens verfälscht, wenn nicht vollkommen gelogen waren. Tatsächlich war sie in einen Rechtsstreit verwickelt, der aber vor ihrem Tod nicht mehr geklärt wurde. Zinnemann selbst bezeichnete sie als Lügnerin und gab an, wie sehr er sie verachtete. Natürlich haben beide Faktoren keinen Einfluss auf die Qualität des Films, dürften aber sicherlich einen Beigeschmack hinterlassen haben.
Phasenweise spannend
Lässt man diese Aspekte außen vor, findet man ein durchaus annehmbares Drama. Eines allerdings, das auf mehrere Weise irritiert. Das fängt schon mit dem Titel an. An und für sich sollte man meinen, dass Julia primär dann auch von dieser Julia erzählt. Stattdessen sieht man sie aber kaum, sie tritt in nur wenigen Szenen auf. Es ist Lillian selbst, die im Mittelpunkt steht. Die große Freundschaft, von der erzählt wird, bleibt auf diese Weise auch eine Behauptung. Man weiß nicht, was die beiden in der jeweils anderen fanden, wie ihre Beziehung aussah. Die Gefahr, der sich Lilian aussetzte – als Jüdin war es geradezu leichtsinnig, durch Deutschland zu reisen –, wird nie so ganz begreifbar.
Und doch gibt es immer wieder sehenswerte Passagen. Das betrifft zum einen die besondere Mission, der sich die Protagonistin aussetzte und die dem Film leichte Spionagethriller-Anleihen mitgeben. Da entsteht schon ordentlich Spannung, gerade auch weil Lillian eigentlich nicht für eine solche Aufgabe geeignet ist. Sie ist keine Superheldin, sondern ein recht alltäglicher Mensch, der für die Freundschaft einiges aufs Spiel setzt. Und wenn Julia doch einmal die beiden Frauen zusammenführt, dann läuft das Drama zur Hochform auf. Dafür kann es sich schon lohnen, noch einmal den alten Film anzuschauen. Aber ein Klassiker ist das hier eher nicht, trotz der damaligen Erfolge.
OT: „Julia“
Land: USA
Jahr: 1977
Regie: Fred Zinnemann
Drehbuch: Alvin Sargent
Vorlage: Lillian Hellman
Musik: Georges Delerue
Kamera: Douglas Slocombe‘
Besetzung: Jane Fonda, Vanessa Redgrave, Jason Robards, Maximilian Schell, Hal Holbrook, Meryl Streep, Rosemary Murphy, John Glover
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