Disunited Nations
© Immer gute Filme

Disunited Nations – Die UNO und der Nahe Osten

Disunited Nations
„Disunited Nations – Die UNO und der Nahe Osten“ // Deutschland-Start: 24. September 2026 (Kino)

Inhalt / Kritik

Die UNO besitzt ein eigenes Rechtssystem, Resolutionen, Untersuchungskommissionen und Institutionen zum Schutz der Menschenrechte – und doch stößt sie im Konflikt um Israel und Palästina immer wieder an die Grenzen dessen, was internationales Recht politisch bewirken kann. Genau diesen Widerspruch nimmt Christophe Cotteret zum Ausgangspunkt von Disunited Nations – Die UNO und der Nahe Osten. Im Mittelpunkt steht Francesca Albanese, UN-Sonderberichterstatterin für die besetzten palästinensischen Gebiete: Sie vertritt keinen Staat, sitzt in keinem Gremium mit Stimmrecht und kann nichts erzwingen. Was sie besitzt, ist ein Mandat zur Untersuchung und ein Bericht mit dem unmissverständlichen Titel „Anatomy of a Genocide“. In der Kluft zwischen juristischer Autorität und politischer Machtlosigkeit liegt der eigentliche Stoff des Films – weniger im Kriegsgeschehen selbst als in der Frage, was aus Erkenntnissen wird, wenn die Macht zur Durchsetzung fehlt.

Die Person hinter dem Mandat

Formal bewegt sich Cotteret zunächst erstaunlich konventionell. Die erste Hälfte folgt Albanese als Person: Flughäfen, Konferenzräume, Gespräche, kurze private Momente zwischen den Terminen. Das hat zunächst beinahe die Form eines Porträts, doch dieses löst sich nach und nach auf. Der Film weitet seinen Blick und wird zu einer Untersuchung des Gaza-Krieges und der Frage, wie die von Albanese vertretene Einschätzung eines Völkermords juristisch begründet wird. Neutral im Sinne eines austarierten Pro-und-Contra-Modells ist Disunited Nations – Die UNO und der Nahe Osten dabei nicht. Cotteret bezieht erkennbar Position und macht daraus auch kein Geheimnis.

Interessanter ist, wie er mit der daraus resultierenden Einseitigkeit umgeht. Die israelische Perspektive erhält deutlich weniger Raum, verschwindet aber nicht vollständig. Zweimal kommt der 7. Oktober 2023 ausdrücklich zur Sprache: einmal, als Albanese von einer „verständlichen Wut“ der israelischen Bevölkerung nach dem Hamas-Massaker spricht, und später im Gespräch mit dem israelischen Journalisten Uri Misgav von Haaretz, der von dem kollektiven Trauma dieses Tages erzählt – auch bei liberal denkenden Israelis wie ihm selbst. Es ist ein schmales Fenster, aber keines, das Cotteret einfach zuschiebt. Er gesteht der Gegenposition Raum zu, ohne den Film auf eine vermeintliche Gleichgewichtswahrung zu verpflichten.

Vom Ereignis zum Rechtsbegriff

Ähnlich zurückhaltend geht der Regisseur mit den Bildern des Krieges um. Statt sich auf die bekannten Schockbilder von Tod und Zerstörung zu verlassen, interessiert er sich für den institutionellen Prozess dahinter: Wie wird aus einem Ereignis ein Dokument, aus einem Dokument ein Rechtsbegriff und aus einem Rechtsbegriff schließlich eine politische Anklage? Dafür holt der Film weit aus. Er führt zurück zum UN-Teilungsplan von 1947 und zur Ermordung des UN-Vermittlers Folke Bernadotte im Jahr 1948. Diese historische Tiefenbohrung gehört zu seinen stärksten Entscheidungen. Sie macht deutlich, dass die Ohnmacht internationaler Institutionen gegenüber dem Konflikt nicht erst mit dem Gaza-Krieg begonnen hat, sondern eng mit der Geschichte der UNO und ihrer Palästina-Politik verbunden ist.

Gerade dadurch gewinnt Disunited Nations – Die UNO und der Nahe Osten seine eigentliche Perspektive. Der Krieg bleibt präsent, doch Cotteret interessiert sich stärker für die Mechanismen, mit denen er politisch und juristisch beschrieben wird. Das passt zu einem Regisseur, der sich seit Jahren mit dem Verhältnis von Gewalt, Recht und Institutionen beschäftigt. Schon in Daech, le dilemme de la justice (2019) ging es um die Frage, wie Recht mit politischer Gewalt umgeht, wenn die herkömmlichen Mechanismen an ihre Grenzen stoßen. White Power (2024) untersuchte die Normalisierung extremistischer Positionen innerhalb demokratischer Systeme. Disunited Nations lässt sich als weiterer Beitrag zu dieser Linie lesen: Die Reibung zwischen Norm und Wirklichkeit steht erneut im Zentrum, diesmal am Beispiel der UNO selbst und einer Berichterstatterin, die über ein Mandat verfügt, aber über keinerlei eigene politische Durchsetzungsmacht.

Solide beobachtet, konventionell montiert

Das macht den Film allerdings nicht formell aufregender. Handwerklich ist Cotterets Arbeit solide, die Montage ordnet Beobachtung, Interviews und Archivmaterial sauber, die Bildgestaltung bleibt unaufdringlich. Überraschungen sind selten. Disunited Nations – Die UNO und der Nahe Osten setzt nicht auf eine eigene visuelle Sprache, sondern auf Recherche, Argumentation und die Autorität seiner Gesprächspartner und Dokumente. In der stärkeren ersten Hälfte, wenn Albanese sich als konkrete Person durch die internationalen Apparate bewegt, funktioniert das besonders gut. Später wird der Film konventioneller und nähert sich der klassischen politischen Fernsehdokumentation an.

Seine interessanteste Frage stellt er deshalb nicht über Albanese als Person, sondern über die Institution, in der sie arbeitet: Was nützt ein völkerrechtlicher Befund, wenn aus ihm keine politische Handlung folgt? Das ist auch der Punkt, an dem der Titel Disunited Nations seine eigentliche Bedeutung erhält. Die Vereinten Nationen erscheinen hier nicht als handlungsfähiger Block, sondern als ein System, dessen normative Ansprüche immer wieder auf nationale Interessen und politische Machtverhältnisse treffen. Dass ausgerechnet der Konflikt um Israel und Palästina diese Spannung seit 1947 besonders deutlich sichtbar macht, ist die historische Pointe des Films.

Credits

OT: „Disunited Nations: Proche-Orient – L’ONU dans la tourmente“
Land: Frankreich
Jahr: 2025
Regie: Christophe Cotteret
Buch:Christophe Cotteret
Musik: Isabelle Ratavet
Kamera: Fabian Gamper

Bilder

Trailer

Kaufen / Streamen

Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.



(Anzeige)

Disunited Nations – Die UNO und der Nahe Osten
fazit
„Disunited Nations – Die UNO und der Nahe Osten“ ist ein klar positionierter, konventionell inszenierter Dokumentarfilm, der den Gaza-Krieg über die Geschichte und die Machtgrenzen der UNO betrachtet. Seine Stärke liegt weniger in spektakulären Bildern als in der Verbindung von aktueller Recherche und historischer Perspektive.
Leserwertung0 Bewertungen
0
6
von 10