Berlin 1024 576
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Berlin 1024*576

Berlin 1024 576
„Berlin 1024*576“ // Deutschland-Start: 24. September 2026 (Kino)

Inhalt / Kritik

Ein Vierteljahr Drehzeit, ein weiteres fürs Schneiden, dazu eine Kamera, die älter ist als mancher heutige Berlin-Zuzügler – so nüchtern lässt sich der Entstehungsprozess von Berlin 1024*576 zusammenfassen. Was dabei herauskommt, ist alles andere als nüchtern. Schon der Titel, der wie eine technische Spezifikation klingt statt wie ein Filmtitel, kündigt an, worum es hier eigentlich geht: nicht in erster Linie um das, was Malte Wirtz gefilmt hat, sondern darum, wie er es getan hat, in 1024 mal 576 Pixeln. Kaum sind die ersten Bildeindrücke da, denkt man als filmhistorisch versierter Zuschauer an Walter Ruttmanns Berlin – Die Sinfonie der Großstadt von 1927 – und der Film, der als dokumentarischer Stummfilm angekündigt wurde, scheint diese Assoziation geradezu einzukalkulieren. 

Flaneur oder Stalker? 

Wirtz filmt zu Fuß, vom Fahrrad aus, aus dem Fenster fahrender S-Bahnen, und die grobkörnige, leicht flirrende Optik der alten DV-Kamera gibt all dem eine seltsam körperliche Präsenz. Man sitzt nicht neutral vor der Leinwand, man wird in die Rolle eines Beobachters hineingezogen – ein Flaneur im besten Benjaminschen Sinne, der ziellos durch die Stadt treibt und sich von ihr treiben lässt. Nur: Ganz so unschuldig bleibt diese Position nicht immer. Wenn die Kamera einer Person auf der Straße länger folgt, kippt der distanzierte Blick des Flaneurs in etwas Unbehaglicheres. Ist man da noch Spaziergänger, oder ist man längst Stalker? Diese Ambivalenz, so unangenehm sie ist, gehört zu den interessantesten Momenten des Films – gerade weil sie nie aufgelöst oder kommentiert wird. Ein weiteres wiederkehrendes visuelles Motiv verstärkt einen Eindruck von Stadt im Umbruch: Baukräne, überall Baukräne, als stünde Berlin permanent kurz davor, sich selbst abzureißen und neu zu errichten. Zerstörung und Metamorphose als Dauerzustand – das ist ein altes Berlin-Klischee, aber Wirtz findet dafür durchaus eigene Bilder. 

Und eine Weile funktioniert das großartig. Die elektronische Musik von Even Drones legt sich so passgenau über die Bilder, dass ein regelrechter Sog entsteht – man schaut dem großstädtischen Treiben gern zu, lässt sich mitziehen, ohne nach Handlung oder Erklärung zu fragen. Genau hier zeigt sich, was für ein Film das eigentlich ist: keine Reportage, sondern ein montiertes Stadtgedicht, bei dem die Bedeutung nicht erzählt, sondern durch Rhythmus erzeugt wird. Das Problem ist nur: Dieser Sog trägt nicht die volle Laufzeit. Je länger der Film läuft, desto mehr franst der anfängliche Bann aus, und irgendwann kippt die Faszination in Ungeduld – man ertappt sich dabei, aufs Ende zu warten, statt sich weiter treiben zu lassen. Für einen Film, der explizit auf klassische Dramaturgie verzichtet, ist das ein Risiko, das sich hier leider bemerkbar macht: Ohne Spannungsbogen braucht es entweder eine sehr disziplinierte Laufzeit oder eine noch raffiniertere Variation der Mittel, um bei der Stange zu halten. 

Ein Film, der ins Werk passt 

Berlin 1024*576 fällt bei alldem nicht vom Himmel. Wirtz hat sich schon in Nur ein Tag in Berlin auf einen radikal verengten zeitlichen Ausschnitt der Stadt konzentriert, in Lichter der Stadt bis auf die Bildgestaltung seine autonome Ein-Mann-Arbeitsweise durchexerziert und in Der dritte Gast unter denkbar knappen Produktionsbedingungen gedreht. Das neue Werk radikalisiert diese Linie eher, als dass es sie verlässt: eine veraltete Kamera, ein Regisseur, der praktisch alle Gewerke selbst besetzt, ein Berlin, das weniger repräsentativer Querschnitt als sehr persönlicher Ausschnitt ist – die vielen Aufnahmen aus Wirtz‘ eigenem Kiez rund um Charlottenburg-Wilmersdorf sprechen da für sich. 

Am Ende bleibt eine Frage, die der Film offenlässt, statt sie zu beantworten: Macht die technische Alterung des Bildes die Gegenwart tatsächlich zu einem historischen Dokument – oder ist das am Ende doch nur besonders raffiniert verpackte Nostalgie? Berlin 1024*576 gibt darauf keine Antwort. Aber der Film stellt die Frage in Bildern, die man so schnell nicht vergisst, auch wenn der Film trotz einer Laufzeit von unter 90 Minuten mindestens eine halbe Stunde zu lang geraten ist 

Credits

OT: „Berlin 1024*576“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Malte Wirtz
Buch: Malte Wirtz
Musik: Even Drones
Kamera:
Malte Wirtz

Bilder

Trailer

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Berlin 1024*576
fazit
Wirtz macht Berlin mit veralteter DV-Technik zum flirrenden Gegenwartsbild zwischen Flanieren und Verfolgen. Die Verbindung aus Bildern und Musik entwickelt zunächst einen starken Sog, verliert über die 86 Minuten jedoch an Wirkung. Ein formal eigenwilliger Stadtfilm, dem etwas mehr Kürze gutgetan hätte.
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