
In den kolumbianischen Llanos, wo die Dürre den Mais verdorren lässt und am Wegesrand die Rinderschädel bleichen, wächst die zehnjährige Shaira (Shaira Castro) bei ihrem Großvater Don Álvaro (Álvaro Chaparro) und ihrem älteren Bruder Andrey (Andrés Andrade) auf. Die Familie lebt von Viehzucht und Maisanbau, doch die anhaltende Trockenheit treibt sie in die Schulden bei Farmbesitzer Don Aparicio (Juan Carlos Tacoronte). Einzige Hoffnung ist das prächtige Pferd Semillas, mit dem Andrey beim traditionellen Coleo antreten will – einem Rodeo-ähnlichen Wettbewerb, der als reine Männersache gilt, wovon auch Shaira heimlich träumt. Als Andrey bei einem Reitunfall ums Leben kommt, verweigert der traumatisierte Großvater seiner Enkelin die Teilnahme an dem Wettbewerb und verkauft Semillas kurzerhand an Don Aparicio, um seine Schulden zu begleichen – ohne ihr den wahren Grund zu nennen. Um sie zu trösten, erzählt er ihr von Wolken, die Tiere gefangen halten, bis es wieder regnet. Shaira macht sich daraufhin auf, einen magischen Samen zu finden, der Regen und Pferd zurückbringen soll – eine Reise durch reale Llano-Landschaften und die kindliche Imagination zugleich.
Schönheit im Schneckentempo
Was Semillas – Bis der Regen fällt zunächst auszeichnet, ist sein Bildvokabular: Kamerafrau Andrea Murillo lässt die Weite der Ebene wirken, stellt die kleine Shaira gegen endlose Horizonte und ziehende Wolken, während Nando Guerreros Musik dezent Joropo-Klänge einwebt. Auch das Sounddesign von Sonia Poveda setzt gezielt Kontraste zwischen drückender Stille und dem befreienden Klang von Regen und Festmusik – ein handwerklicher Kniff, der zur bereits international gewürdigten Gesamtwirkung beiträgt: Bei Festivals in Trieste und im kolumbianischen Salento wurde der Film ausgezeichnet. Man merkt ihm jede Minute an, dass Regisseurin, Autorin und Cutterin Eliana Niño über ein Jahrzehnt an einem Stoff gefeilt hat, der aus eigener Kindheitserfahrung schöpft. Diese Sorgfalt zeigt sich auch im Umgang mit den Laiendarstellenden, die – so das Presseheft – weitgehend sich selbst spielen. Das verleiht den Alltagsszenen eine dokumentarische Erdung, die man dem Film gerne abnimmt.
Nur: Eliana Niño erzählt all das in einem derart gemächlichen, fast meditativen Tempo, dass man sich während der Sichtung wiederholt die Frage stellen kann, für wen dieser Film eigentlich gemacht ist. Als Kinderfilm beworben, verlangt er von seinem jungen Publikum eine Geduld, die sich mit dessen Sehgewohnheiten nur bedingt verträgt. Erwachsene mögen sich an den langen, kontemplativen Einstellungen erfreuen, die stellenweise fast an magisch-realistische Erzähltraditionen erinnern – Kinder dürften an mancher Stelle eher unruhig werden. Das ist schade, denn die poetische Idee dahinter, ein Mädchen, das mit einem Samen den Regen und ein Pferd zurückholen will, hätte durchaus Potenzial für ein junges Publikum.
Eine Lücke, die schmerzt
Ärgerlicher als das Tempo ist allerdings, wie knapp der Film mit einem seiner zentralen Ereignisse umgeht: Andreys Tod wird erzählerisch beinahe im Vorbeigehen abgehandelt, kaum ist er eingetreten, drängt die Handlung schon weiter. Kurz darauf sagt Gläubiger Don Aparicio zu dem trauernden Großvater sinngemäß, das Leben gehe eben weiter – ein Satz, der in seiner Kühle sicherlich bewusst gesetzt ist, um die harte ökonomische Realität der Llanos zu unterstreichen. Nur bleibt er merkwürdig unkommentiert im Raum stehen. Für einen Film, der sich explizit an Kinder richtet, hätte man sich hier mehr erzählerischen Raum gewünscht, um diesen Moment einzuordnen, statt ihn wie eine Randnotiz zu behandeln.
Das schmälert nicht die grundsätzliche Qualität von Shaira Castros zurückhaltendem, nie kitschigem Spiel oder die stille Beziehungsarbeit zwischen ihr und Álvaro Chaparro als Großvater. Auch das Thema der Geschlechterrollen im Coleo blitzt interessant auf, bleibt in seiner Ausführung aber ebenso angedeutet wie die Trauer der Familie. Am Ende überwiegt der Eindruck eines handwerklich schön gemachten, aber in seiner Machart streckenweise unentschlossenen Films, der zwischen Erwachsenen- und Kinderfilm schwankt, ohne sich für eine Seite zu entscheiden.
OT: „Semillas“
Land: Kolumbien, Spanien
Jahr: 2025
Regie: Eliana Niño
Buch: Eliana Niño
Musik: Nando Guerrero
Kamera: Andrea Murillo
Besetzung: Shaira Castro, Àlvaro Chaparro, Andrés Andrade, Aroha Hafzez, Juan Carlos Tacoronte
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