
Regisseur Klaus Martens hat mit Schwarzers Kosmos ein Porträt des Düsseldorfer Malers Bernd Schwarzer gedreht, dessen Name selbst kunstinteressierten Kinogängerinnen und Kinogängern nicht unbedingt geläufig sein dürfte – dabei hängen seine großformatigen, pastos aufgetragenen Bilder im Stile des Abstrakten Expressionismus im Schloss Bellevue, im Bundestag und im Europäischen Parlament. 1954 in Weimar geboren und seit seiner Kindheit in Düsseldorf ansässig, hat Schwarzer sein Leben dem gewidmet, was er selbst sein Europawerk nennt: eine über Jahrzehnte gewachsene Bildserie zu deutscher Teilung, Wiedervereinigung und europäischer Einigung. Der Film begleitet ihn im Atelier bei der Arbeit an eben diesen Bildern, zeigt aber auch, wie er sich zunehmend in wirtschaftliche und zwischenmenschliche Schwierigkeiten manövriert – etwa bei der Vorbereitung einer Ausstellung in Thessaloniki –, während Galeristen, Sammler und Museumsleute parallel versuchen, ihn zur Vernunft zu bringen.
Ein Genie, das sich selbst im Weg steht
Sympathisch ist Bernd Schwarzer nicht, und er legt auch keinen Wert darauf. Er ist genau jener Künstlertypus, den man aus Anekdoten und Klischees kennt: egozentrisch und unangenehm, sobald es um seine Kunst geht, gleichzeitig aber skurril genug, um einen als Beobachter oder Beobachterin nicht loszulassen. Wie kompromisslos er dabei vorgeht, zeigt sich exemplarisch in den Szenen rund um die Vorbereitung der Ausstellung in Thessaloniki. Dass der im Film von Künstler und Kurator Joseph Kiblitsky zitierte Jörg Immendorff mit seiner Einschätzung wohl recht behielt, wird hier ziemlich plastisch: Schwarzer sei zwar hochtalentiert, spiele aber nicht in der Liga der ganz Großen – weil ihm sein eigenes Verhalten in der Kunstszene selbst im Weg stehe.
Und tatsächlich: Wer einem Mann mit 40.000 bis 50.000 Euro monatlichen Ausgaben für Ateliers und Mitarbeiter dabei zusieht, wie er mit Mietzahlungen ins Hintertreffen gerät, Bilder an Galeristen wie Knut Osper vorbei verkauft und sie schließlich beim Dortmunder Kunstpfandleiher Manuel Alonso-Rascado beleiht, ahnt schnell: Hier malt sich jemand mit offenen Augen in die eigene Krise. Der Film zeigt das ohne erhobenen Zeigefinger, aber auch ohne es zu beschönigen.
Applaus mit spitzen Fingern
Alle im Film zu Wort kommenden Kunstmenschen – Sammler, Galeristen, Kuratorinnen und Kuratoren – loben ausnahmslos Schwarzers künstlerische Qualität, benennen aber ebenso deutlich seine Defizite im Zwischenmenschlichen und Wirtschaftlichen. Besonders tief legt Tayfun Belgin, Direktor des Osthaus Museums Hagen, den Finger in die Wunde, wenn er konstatiert, Schwarzer habe sich auch künstlerisch verrannt: zu viele Auftragsarbeiten und Porträts, zu wenig von der Substanz, die einst das Europawerk ausmachte. Das kulminiert in einer fast tribunalartigen Szene, in der Kiblitsky, Belgin und der Sammler Rüdiger Weiss dem Künstler unmissverständlich klarzumachen versuchen, dass es so nicht weitergehen kann.
Schwarzer selbst bleibt in all dem, was er ist: einer, der sich nicht hineinreden lässt. Die Attitüde, dass alle gegen ihn seien und nur er als Künstler verstehe, worum es eigentlich gehe, zieht sich durch den ganzen Film – und macht ihn zu einer tragischen wie komischen Figur zugleich, je nachdem, aus welcher Distanz man ihn gerade betrachtet.
Solides Handwerk, große Figur
Formal ist „Schwarzers Kosmos“ ein recht geradliniges, wenn auch nicht immer streng chronologisches Künstlerporträt: Schwarzer bei der Arbeit, Schwarzer im Gespräch, dazu wohlwollende Weggefährten, die trotzdem kritisch bleiben. Das ist solide gemacht, ohne dass sich der Film stilistisch großartig von vergleichbaren Werken des Genres abhöbe. Wer erwartet, dass Martens formal etwas wagt, wird enttäuscht; wer ein ehrliches, differenziertes Bild eines schwierigen Menschen sehen will, kommt auf seine Kosten.
Für kunstinteressiertes Publikum ist der Film daher unbedingt sehenswert – nicht, weil er die großen Fragen des Künstlerporträts neu verhandelt, sondern weil er einen widersprüchlichen, öffentlich weniger bekannten Künstler in seiner ganzen Ambivalenz zeigt, ohne ihn zu verurteilen oder zu heroisieren. Wer diese Gratwanderung goutiert, bekommt einen guten, wenn auch nicht überragenden Film.
OT: „Schwarzers Kosmos“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Klaus Martens
Buch: Klaus Martens
Musik: the bottomline (Franzis Lating & Johannes Elia Nuß)
Kamera: Frederik Walker, Frank Kranstedt
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