
Deutschland, 1945: Als ein polnischer Häftling im Konzentrationslager Buchenwald ankommt, ahnt niemand, dass er nicht allein ist. Versteckt in seinem Koffer ist ein dreijähriger jüdischer Junge, dessen Eltern in Auschwitz ermordet wurden. Das Risiko ist hoch, sollte das Kind entdeckt werden, droht auch ihm der Tod. Als die Häftlinge André Höfel (Armin Mueller-Stahl) und Rudi Pippig (Fred Delmare) den Koffer öffnen und den Jungen entdecken, beschließen sie, diesen zu verstecken. Doch das ist nicht einfach. Hinzu kommt, dass andere Häftlinge wenig glücklich darüber sind, da sie befürchten, auf diese Weise den bewaffneten Aufstand zu gefährden, den sie schon länger geplant haben …
Das Leben in einem Konzentrationslager
Filme, die sich mit dem Holocaust bzw. Konzentrationslagern im Speziellen befassen, gab es im Laufe der Zeit einige. So wurde The Zone of Interest 2023 zu einer Sensation, erzählt wurde von dem Kontrast zwischen dem banalen Alltag einer Familie und dem Schrecken, der jenseits der Mauer wartet. Das klaustrophobische Son of Saul erhielt 2016 sogar einen Oscar für den besten internationalen Film. Ganz so groß war die weltweite Aufmerksamkeit nicht, die Nackt unter Wölfen erzeugte. Doch auch das DDR-Drama aus dem Jahr 1963 ist sehenswert, noch bis heute. Denn in diesem geht es nicht allein um das Leid, welches in dem Lager allgegenwärtig war. Vielmehr werden Fragen rund um die Menschlichkeit gestellt, die nicht so einfach zu beantworten sind.
Ausgedacht hat sich diese der deutsche Autor Bruno Apitz, dessen gleichnamiger Roman bereits 1958 erschienen war. Er war auch am Drehbuch beteiligt, gemeinsam mit Frank Beyer (Spur der Steine), der hier Regie geführt hat. In diesem hatte er seine eigenen Erfahrungen in dem Konzentrationslager verarbeitet. Tatsächlich tragen einige der Figuren die Namen von Mitgefangenen. Nackt unter Wölfen überzeugt auch durch die Darstellung des Lebens in dem Lager. Dann und wann neigt das Drama zwar zu Pathos, gerade gegen Ende hin wird da schon ziemlich dick aufgetragen. Ansonsten gefällt der Film aber durch die nuancierte Darstellung, die näher an den Menschen bleibt und weniger das Elend ausschlachten möchte, wie man das zuweilen bei Filmen in diesem Themenbereich hat.
Spannend und nachdenklich
Dabei gibt es verschiedene Schwerpunkte. Auf der einen Seite ist natürlich die Frage, ob der Junge entdeckt wird oder nicht. Immer wieder müssen die Männer improvisieren bei dem Versuch, ihn weiterhin vor den Augen der SS zu verbergen. Da könnte jeder Moment der letzte sein, niemand kann sich sicher sein. Das ist durchaus spannend, da das Versteckspiel nicht nur für das Kind mit einem größeren Risiko verbunden ist. Auch die Erwachsenen laufen Gefahr, dass die Entdeckung böse Folgen für sie haben wird. Streckenweise gleicht Nackt unter Wölfen einem Thriller, bei dem das Publikum mitfiebern darf. Man will hier schon wissen, wie das alles ausgeht. Es ist zugleich ein Wettlauf gegen die Zeit, wenn sich innerhalb wie außerhalb der Mauern die Situation zuspitzt.
Der Film ist aber auch als Grundsatzdebatte sehenswert. Natürlich sagt einem der Instinkt, dass man ein kleines Kind vor dem sicheren Tod bewahren sollte. Nur bedeutet dies hier, dass der geplante Aufstand in Gefahr ist, der anderen die Freiheit bringen könnte. Es geht also nicht nur um das Schicksal eines einzelnen Menschen, sondern das Abwägen, was mehr zählt. Da wird ein Individuum einer Gruppe gegenübergestellt, was die Antwort schon deutlich schwieriger macht. Nackt unter Wölfen zeigt dann auch, wie schwierig es ist, in einer derart komplexen Situation das richtige zu tun, innerhalb der Gruppe werden die unterschiedlichsten Ansichten geteilt. Indirekt wird man dazu aufgerufen, selbst Stellung zu beziehen oder zumindest darüber nachzudenken, was zu tun ist.
OT: „Nackt unter Wölfen“
Land: DDR
Jahr: 1963
Regie: Frank Beyer
Drehbuch: Bruno Apitz, Frank Beyer
Vorlage: Bruno Apitz
Musik: Joachim Werzlau
Kamera: Günter Marczinkowsky
Besetzung: Erwin Geschonneck, Armin Mueller-Stahl, Krystyn Wójcik, Fred Delmare, Boleslaw Plotnicki, Viktor Awdjuschko, Gerry Wolff, Peter Sturm, Wolfram Handel
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