
Bevor Massoud Bakhshi seinen inzwischen erwachsenen Nichten Mahya und Zahra den fertigen Schnitt von All My Sisters vorführt, erklärt er ihnen – und damit auch dem Kinopublikum – sein Verfahren: Sobald die beiden neun Jahre alt waren, hat er mit ihren Aufnahmen das gemacht, was das iranische Staatsfernsehen mit ausländischen Filmen tut, in denen zu viel weiblicher Körper oder zu viel Haar zu sehen ist. Er zoomt aufs Gesicht, verdunkelt das Bild, filtert. Aus rund 18 Jahren Drehzeit, von 2007 bis 2025, ist ein knapp 80-minütiger Film geworden, der zunächst den Charme eines liebevoll gemachten Home Videos hat: Die Mädchen schaukeln, spielen mit Barbies und internationalen Videospielen, im Hintergrund erzählt die Großmutter aus dem Off vom Koran, von Sünde und Frömmigkeit. Die Eltern kommen kaum vor, fast durchgehend sind nur die Schwestern im Bild, manchmal hält Onkel Massoud die Vorführung an, um seine Nichten nach ihren Erinnerungen zu befragen. Mit der Pubertät kommt das Kopftuch ins Bild, in der Schule zeigt sich sanft, aber unübersehbar staatliche Indoktrination, gegen die die Mädchen später unverblümt aufbegehren. Die Proteste von 2022 markieren den nächsten Bruch: ein konfrontatives Gespräch mit der Großmutter, ein Ruf vom Dach – „Frau. Leben. Freiheit.“
Vorsicht ist die Mutter der Kamera
Was diese Eingangserklärung so klug macht: Sie verwandelt eine Zensurmaßnahme in eine Liebeserklärung. Bakhshi hätte seine Schutzmechanismen auch stillschweigend anwenden können, stattdessen macht er sie zum Thema und damit zur ethischen Grundhaltung des ganzen Films. Vorsicht ist eben die Mutter der Kamera: Wenn der Onkel den Film für seine Nichten anhält, um zu fragen, was gezeigt werden darf, ist das keine bloße dramaturgische Volte, sondern echte Verhandlungsmacht, die er abgibt.
Auch wenn All My Sisters im Gegensatz zu Bakhshis vorhergehenden Filmen Eine respektable Familie und Yalda – A Night for Forgiveness ein Dokumentarfilm ist, kann man ihn mit Richard Linklaters Boyhood vergleichen, jedenfalls was die schiere Langzeitperspektive angeht. Aber ein entscheidender Unterschied bleibt: Hier ist nichts inszeniert, jeder Zeitsprung ist echtes Leben. Bezeichnend ist auch, wer im Bild fehlt. Die Eltern kommen kaum vor, während die Großmutter, oft nur als Stimme aus dem Off, mit Korangeschichten und Frömmigkeitslektionen die religiöse Grundierung liefert. Der Film konstruiert damit, fast beiläufig, einen weiblichen Erzählraum – ein Zimmer, in dem Männer allenfalls Randfiguren sind. Eine leise, aber wirkungsvolle Volte gegen ein patriarchal codiertes Kino, ganz ohne erhobenen Zeigefinger.
Von Barbie zum Kopftuch
Der eigentliche dramaturgische Kniff liegt in den Übergängen: Wie beiläufig montiert Bakhshi den Wechsel vom freien, kindlichen Spiel – Puppen, Videospiele, Gekicher – zu dem Moment, in dem das Kopftuch zum festen Bildbestandteil wird. Das zeigt mehr als es jede sprachliche Erklärung tun könnte. Später, wenn die Mädchen in der Schule sind, sind sie es, die Klartext reden: „Wir sollten das Bildungsministerium in Brand setzen“, sagt eine von ihnen trocken, das Fach Medienanalyse sei „so lahm“ – Sätze, die zwischen Teenager-Trotz und politischem Bewusstsein oszillieren. Deshalb wirken sie glaubwürdig.
Die eigentliche Zäsur bringen die Proteste von 2022: ein Gespräch mit der Großmutter, das nie eskaliert, aber spürbar an eine Grenze stößt, und ein Ruf vom Dach – „Frau. Leben. Freiheit“ –, während auf der Straße protestiert wird. Aber gerade die Großmutter bleibt eine interessante Figur. Sie steht für eine gewisse Nähe zum religiösen Hardliner-Milieu des Regimes, und doch ist zwischen ihr und den Enkelinnen spürbar viel Liebe. Man ahnt, dass Mahya und Zahra im echten Leben vermutlich noch kritischer sind, als der Film es zeigt – All My Sisters verrät viel zwischen den Bildern, nicht in ihnen.
OT: „All My Sisters“
Land: Österreich, Frankreich, Deutschland, Iran
Jahr: 2025
Regie: Massoud Bakhshi
Buch: Massoud Bakhshi
Musik: Mahya
Kamera: Massoud Bakhshi
Mitwirkende: Zahra, Mahya, Maleka
International Documentary Film Festival Amsterdam 2025
Diagonale 2026
Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.
(Anzeige)




