Kritik

Yalda A Night for Forgiveness

„Yalda – A Night for Forgiveness“ // Deutschland-Start: 27. August 2020 (Kino)

Die 22-jährige Maryam (Sadaf Asgari) hat ihren Mann getötet, so viel steht fest. Ob das nun beabsichtigt war oder nicht, ein unglücklicher Unfall oder volle Absicht, das spielt eigentlich keine Rolle. Sterben muss sie so oder so für diese Tat. Nur eine Person kann sie jetzt noch retten: Mona (Behnaz Jafari), die Tochter des Verstorbenen. Nur wenn sie Maryam im Rahmen einer live übertragenen Fernsehsendung verzeiht, wird die zum Tode Verurteilte verschont. Doch dafür muss die erst einmal um Vergebung bitten. Und auch die Zuschauer muss sie überzeugen, denn nur wenn genügend für sie stimmen, kommt das notwendige Blutgeld zusammen, das an Mona ausgezahlt wird …

Fiktive Fernsehsendungen, in denen die Menschen um ihr Leben kämpfen müssen, die hat es in Filmen natürlich immer gegeben. Man denke beispielsweise an Running Man mit Arnold Schwarzenegger oder Die Tribute von Panem – The Hunger Games, welche eine dystopische Zukunftswelt aufzeigten. Die oftmals unfreiwilligen Teilnehmer und Teilnehmerinnen mussten dort gegen andere antreten oder es irgendwie schaffen, sich lang zu verstecken, bis sich der Rest gegenseitig umgebracht hat. Der Stärkere gewinnt schließlich, zur Freude des grölenden Publikums daheim vor den Bildschirmen.

Eine bittere Satire, die keine ist
Zunächst meint man, Yalda – A Night for Forgiveness würde in der Tradition dieser Filme stehen, wenn auch hier ein Mensch vor laufender Kamera um sein Leben kämpft – wenn auch mit Worten, nicht mit Waffen. Man könnte auch zum Schluss kommen, das Drama würde sich satirisch auseinandersetzen, sowohl mit der Frauenfeindlichkeit im Iran wie auch mit Reality TV Sendungen, die ihre Gäste ausnutzen, mit dem Leid und dem Leben anderer Kasse machen. Wenn das Publikum aufgefordert wird, per SMS abzustimmen, ob ein Mensch leben darf oder nicht, dann ist das schon ausgesprochen zynisch, so absurd, dass man eigentlich darüber lachen möchte. Dieses Lachen hält aber nur so lange an, bis man erfährt: Solche Sendungen gibt es tatsächlich.

Eigentlich hatte Regisseur und Drehbuchautor Massoud Bakhshi, der sich schon in Eine respektable Familie mit den Ungerechtigkeiten des heutigen Irans auseinandersetzte, nur einen Film über eine Frau drehen wollen, die ihren Mann getötet hat. Ein Freund machte ihn daraufhin auf die Sendung aufmerksam, an der sich der Filmemacher orientierte. Tatsächlich erfreut die sich in dem persischen Land wohl auch größerer Beliebtheit, was die Kritik an ihr ein wenig ins Leere laufen lässt. Eine Auseinandersetzung damit, ob die Zuschauer und Zuschauerinnen über das Leben einer Fremden bestimmen dürfen sollten, die findet nicht statt. Diesen Schluss muss das Publikum von Yalda – A Night for Forgiveness schon für sich selbst ziehen.

Die große Ungerechtigkeit im Kleinen
Wobei der Film, der im Rahmen der Berlinale 2020 Deutschlandpremiere feiert, mehrere Richtungen einschlägt. Auf der einen Seite hat Bakshi natürlich schon das große Ganze im Blick, sein zweiter Spielfilm ist eine bittere Abrechnung mit einem Land, das Gerechtigkeit der Willkür überlässt. Gleichzeitig ist es aber auch ein persönliches Drama. Maryam, die irgendwie viel jünger wirkt, als sie sein soll, ist Opfer, ist gleichzeitig aber auch nicht gerade um Diplomatie bemüht. Dass sie zumindest versuchen sollte, andere von sich und ihrer Sache zu überzeugen, das scheint ihr oft nicht klar zu sein. So sehr man Mitleid hat für diese junge Frau, eine echte Sympathieträgerin ist sie nicht gerade. Und auch ihr Gegenüber Mona bleibt eine höchst ambivalente Figur, die sich als ältere Schwester inszeniert, das vielleicht sogar war, jetzt aber der Mörderin ihres Vaters vergeben soll.

Wofür sich diese entscheidet, das bleibt bis zum Schluss die große Frage. Bakshi spielt nicht nur mit den Gefühlen seiner Hauptfiguren, sondern auch denen des Publikums in der Ferne. Das macht Yalda – A Night for Forgiveness zu einem durchaus spannenden Film, wie bei klassischen Gerichtsdramen wartet man neugierig darauf, wie das wohl am Ende ausgehen mag. Eine tatsächliche Gewinnerin wird es aber nicht geben, so viel steht fest, da können noch so viele SMS geschickt werden, während ein aalglatter Moderator durch die Show führt und im Hintergrund für die Quote gekämpft wird. Denn das lassen die Spielregeln des Landes einfach nicht zu.

Credits

OT: „Yalda – A Night for Forgiveness“
Land: Frankreich, Deutschland, Schweiz, Luxemburg, Libanon, Iran
Jahr: 2019
Regie: Massoud Bakhshi
Drehbuch: Massoud Bakhshi
Kamera: Julian Atanassov
Besetzung: Sadaf Asgari, Behnaz Jafari, Babak Karimi, Fereshteh Sadre Orafaee, Forough Ghojabagli, Arman Darvish

Bilder

Trailer

Interview

Massoud BakhshiWie kam Massoud Bakhshi auf die Idee für seinen Film? Und welche Schwierigkeiten waren mit dem Dreh von Yalda verbunden? Diese und weitere Fragen haben wir dem iranischen Regisseur in unserem Interview gestellt.



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Yalda – A Night for Forgiveness
„Yalda – A Night for Forgiveness“ ist ein bitteres Drama, das gleichzeitig wie eine Satire wirkt: Wenn eine zum Tode verurteilte Iranerin in einer Livesendung um ihr Leben betteln muss, damit genug Zuschauer eine SMS schicken, dann ist das gleichzeitig eine Abrechnung mit einem frauenfeindlichen System wie auch den bizarren Reality TV Auswüchsen, sowohl universelles wie auch persönliches Porträt eines Unglücks.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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