
London, Anfang der 1950er Jahre: Nach außen hin ist Vera Drake (Imelda Staunton) eine ganz gewöhnliche Frau. Sie lebt mit ihrem Mann Stan (Phil Davis) und den beiden erwachsenen Kindern Sid (Daniel Mays) und Ethel (Alex Kelly) in bescheidenen Verhältnissen. Bei den anderen ist die als Putzfrau tätige Vera für ihre Hilfsbereitschaft bekannt. Was jedoch kaum jemand ahnt, nicht einmal ihre eigene Familie: Sie hilft auch Frauen bei einem Schwangerschaftsabbruch. Dieser ist in England streng verboten, es frohen Haftstrafen. Dennoch hält sie an der Tätigkeit fest, im festen Glauben, dass diese Frauen ihre Hilfe brauchen. Lange geht das alles gut, die Abbrüche verlaufen nach Plan. Doch dann kommt es eines Tages zu Komplikationen, die nicht nur für die junge Frau eine große Gefahr bedeuten …
Zurück in die Vergangenheit
Eigentlich sah es danach aus, als wäre Abtreibung kein großes Thema mehr, zumindest in weiten Teilen dieser Welt. Frauen durften selbst entscheiden, ob sie ein Kind austragen oder die Schwangerschaft vorzeitig abbrechen wollten. Inzwischen ist klar, dass das alles nicht so selbstverständlich ist, wie es lang erschien. Ein Blick in die USA zeigt, dass einmal erlangte Rechte auch wieder weggenommen werden können. Und auch hierzulande gibt es bei Teilen der Bevölkerung starke Vorbehalte. Aus diesem Grund wirkt Vera Drake heute anders als bei der ersten Veröffentlichung vor über zwanzig Jahren. Dachte man seinerzeit noch, dass das ein Porträt vergangener Zeiten ist, welches primär von historischem Interesse ist, wirkt das britische Drama inzwischen aktueller, als es das damals noch getan hat.
Regisseur und Drehbuchautor Mike Leigh (Lügen und Geheimnisse, Mr. Turner – Meister des Lichts) verzichtet dabei überwiegend auf Grundsatzdiskussionen. Schließlich geschieht das alles heimlich, weshalb es keinen Austausch zwischen Befürwortern und Gegnern gibt. Später findet schon noch eine Auseinandersetzung statt, als die Familie an dem Thema zu zerbrechen droht. Die Seiten stehen sich dabei unversöhnlich gegenüber. Während die einen diese Abbrüche als Ausdruck von Hilfsbereitschaft werten, sehen andere darin eine Sünde. An dem Punkt bleibt der Film dann auch mehr oder weniger stehen. Vera Drake ist nicht wirklich daran interessiert, Argumente dafür und dagegen abzuwägen, als Diskussionsgrundlage ist das ein wenig dünn.
Stark gespielt
Bei der Figurenzeichnung wäre sicherlich auch noch mehr drin gewesen. So erfahren wir über die Titelfigur, dass sie selbstlos ist und immer das Wohl anderer über das eigene stellt. Das ist in dem Kontext natürlich schon eine Aussage. Ansonsten wird Vera als einfache Frau gezeigt, die keine wirklichen Charaktereigenschaften hat. Bei den anderen sieht es noch schwächer aus. Der Sohn wird in Vera Drake durch seine Ablehnung der Abbrüche charakterisiert. Die beiden anderen Familienmitglieder sind nur irgendwie da. Dass das nicht negativer auffällt, ist der Besetzung zu verdanken. Vor allem die britische Leinwandlegende Imelda Staunton (Downton Abbey), die hierfür ihre bislang einzige Oscar-Nominierung erhalten hat, steht natürlich im Fokus und liefert auch eine zu Herzen gehende Darstellung ab.
Interessant ist zudem eine Nebenhandlung, die sich um eine ungewollt schwangere Frau dreht. Nicht nur, dass in dem Fall die Schwangerschaft das Ergebnis einer Vergewaltigung ist, was automatisch Fragen zu Geschlechterrollen und Kritik an einem patriarchalen System aufwirft. Vera Drake zeigt zudem, dass es eine Zweiklassengesellschaft gibt und nicht alle Regeln für alle Menschen gelten. Ein wenig würde man sich wünschen, dass Leigh in der Hinsicht noch mehr zu sagen gehabt hätte. Aber auch so ist das britische Drama sehenswert und eine Erinnerung an eine gar nicht mehr so fremd wirkende Vergangenheit.
OT: „Vera Drake“
Land: UK
Jahr: 2004
Regie: Mike Leigh
Drehbuch: Mike Leigh
Musik: Andrew Dickson
Kamera: Dick Pope
Besetzung: Imelda Staunton, Phil Davis, Alex Kelly, Daniel Mays, Peter Wight, Adrian Scarborough, Heather Craney
Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.
(Anzeige)



