
Die mit dem Filmgeschäft hadernde Schauspielerin Rose (Lucy Fry) ergattert endlich eine große Rolle. Dafür muss sie übers Wochenende lediglich drei Pfund abnehmen. Ein unvorhergesehener Arztbesuch offenbart jedoch ein Problem: Rose ist schwanger und das, obwohl sie ihr Leben lang glaubte, keine Kinder bekommen zu können. Weil ihr Freund Travis (Matt Rife), vor allem aber dessen steinreiche Mutter sich gegen die Schwangerschaft stellen und weil Rose ihre Karriere nicht aufs Spiel setzen will, entscheidet sie sich für eine Abtreibung. Sie plant, diese in einem abgelegenen Hotel in den Wäldern vorzunehmen. Dort angekommen und von der Besitzerin Martha (Sheryl Lee), der Hotelpagin Sid (Sarah Rich) und ihrer Zimmernachbarin Lillian (Madeline Brewer) seltsam in Empfang genommen, merkt Rose schnell, das hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht.
Dornenkrone Kindheitstrauma
Vergangenheit und Gegenwart, Trauma und (Alb-)Traum gehen im ersten abendfüllenden Spielfilm von Julie Pacino Hand in Hand. Ein kleines Mädchen (Lili Watkins) legt sich unter einem kunstvoll gestalteten Buntglasfenster auf einen gynäkologischen Untersuchungsstuhl, spreizt die Beine und bekommt von gesichtslosen Ärzten eine undefinierbare Substanz gespritzt. Einen Schnitt später liegt das Mädchen von einst als erwachsene Frau im Bett, während ihr nichtsnutziger Freund versucht, sie oral zu befriedigen. Die Form gibt die Richtung vor. So kunstvoll wie die Regisseurin zwei Zeitebenen mit einem Match Cut verbindet, so ambitioniert verschränkt sie auch Schmerz und Lust.
Julie Pacino, die mit Al Pacino eine lebende Leinwandlegende zum Vater hat, hat bereits mehrere Kurzfilme als Regisseurin realisiert. Ihr Langfilmdebüt I Live Here Now feierte beim 29. Fantasia International Film Festival in Montreal seine Welt- und beim 13. HARD:LINE Film Festival in Regensburg seine Deutschland-Premiere. Es kann sich vor allem sehen lassen. Denn die Debütantin hat ein untrügliches Gespür für cineastische Bilder. Im ersten von fünf Kapiteln, in die die von der Regisseurin selbst verfasste Handlung unterteilt ist, stiehlt sich das Absonderliche noch beinahe unbemerkt in die Realität. Im zweiten Kapitel und mit der Ankunft im Hotel Crown’s Inn, in dem die Protagonistin die Suite mit dem sprechenden Namen „The Lovin Oven“ (deutsch: „Der Liebesofen“) bezieht, wird dann endgültig ein außerweltlicher Ort betreten. In dem abstrusen Etablissement, das visuell einer Farbexplosion aus Rot-, Rosa-, Blau- und Lila-Tönen gleichkommt, herrscht eine Traumlogik vor und es wird manch schräge Abzweigungen genommen.
In Lynchs Fußstapfen
Wie so viele andere Filmemacher vor ihr steigt auch Julie Pacino in die übergroßen Fußstapfen, die David Lynch (1946–2025) hinterlassen hat. Aus ihrer Bewunderung für den Albtraumfilmer macht Pacino keinen Hehl. Sie dankt ihm nicht nur im Abspann, ihr ist auch ein kleiner Coup geglückt. Denn für die Rolle der Hotelbesitzerin Martha konnte Pacino keine Geringere als Sheryl Lee gewinnen, die in Lynchs wegweisender Fernsehserie Twin Peaks (1990–1991) die ermordete Homecoming Queen Laura Palmer spielte, um die sich alles dreht. Augenzwinkernde Verweise auf einen Altmeister machen allerdings noch keinen meisterhaften Film. Auch wenn die Ansätze stimmen, hat Pacino noch viel Luft nach oben.
Das größte Manko ist die krasse Zweiteilung des Films. Der Wechsel von der Realität in eine von (Alb-)Träumen und Kindheitstraumen bestimmte Zwischenwelt erfolgt nicht nur zu abrupt, er vollzieht sich auch gestalterisch zu hart. Denn die Künstlichkeit des klar als Set zu erkennenden Hotels steht im krassen Kontrast zum ersten Kapitel des Films, der zu einem nicht unerheblichen Teil in „echten“ Häusern und auf „echten“ Straßen, also „on location“ gedreht wurde. So kunstvoll die Welt entworfen ist, die sich Julie Pacino für ihren Erstling ausgedacht hat, ihre absichtsvoll kryptische Handlung kommt nicht ohne Längen aus. Letztlich wiegen die tollen Bilder die durchwachsene Story nicht auf. Besagte Bilder können sich aber sehen lassen. Dazu zählt die grandiose Schlusseinstellung, in der Rose, dieses schöne Gewächs voller Dornen, eine Art Schmerzenskrone gebiert und sich selbst damit krönt. Eine wuchtige Aufnahme, die in Erinnerung bleibt.
OT: „I Live Here Now“
Land: USA
Jahr: 2025
Regie: Julie Pacino
Drehbuch: Julie Pacino
Musik: Pam Autuori, Jackson Greenberg
Kamera: Adrienne Stern
Besetzung: Lucy Fry, Madeline Brewer, Matt Rife, Sheryl Lee, Sarah Rich
Locarno Film Festival 2025
Fantasia International Film Festival 2025
HARD:LINE 2026
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