
Evangeline „Evy“ Babic (Nina Kiri) hat es nicht so mit dem Übernatürlichen, hält die meisten Geschichten für Schwindel. Ihr Freund Justin Morales (Adam DiMarco) hingegen steht solchen Erfahrungen und Beobachtungen sehr offen gegenüber. Trotz dieser Unterschiede – oder auch wegen ihnen – betreiben die beiden gemeinsam einen Horror-Podcast, in dem sie paranormalen Ereignissen nachgehen. Als Justin eines Tages eine anonyme E-Mail erhält, die zehn Audio-Dateien enthält, nehmen die beiden das Angebot gern an. Ursprünglich wollte ein Mann namens Mike diese Aufnahmen als Beweis dafür nutzen, dass seine Freundin Jessa im Schlaf spricht. Stattdessen geht es bald darum, dass Kinderlieder, die rückwärts gespielt werden, geheime Nachrichten enthalten. Evy ist davon fasziniert und macht bald noch weitere unheimliche Entdeckungen …
Versteckter Indie-Horror-Hit
Warum Hunderte Millionen von US-Dollar ausgeben, wenn es auch günstiger geht? Zumindest im Horrorgenre kann man mit einem sparsamen Budget oft erstaunlich weit kommen. So sind Obsession – Du sollst mich lieben und Backrooms zwei der profitabelsten Kinofilme des aktuellen Jahres, spielten bei Kosten von weniger als einer Million bzw. zehn Millionen jeweils rund 400 wieder ein. Das sind Gewinnmargen, von denen man in Hollywood nur träumen kann. Ganz so extrem war die Ausbeute bei Undertone zwar nicht. Für sich genommen ist aber auch die kanadische Indie-Produktion beeindruckend, wenn auf ein Budget von 500.000 US-Dollar Einnahmen jeweils der 20-Millionen-grenze stehen. Hierzulande verzichtete man dennoch auf einen regulären Kinorelease, begnügte sich mit einer digitalen Veröffentlichung, die zudem ein wenig versteckt ist.
Ob das kommerziell vernünftig ist, darüber lässt sich natürlich streiten. Im Vergleich zu den beiden obigen Überfliegern ist das hier aber tatsächlich um einiges schwächer. Denn während die genannten Kollegen mit einer überraschend relevanten Geschichte bzw. ungewöhnlichen Settings punkten und sich von der Konkurrenz abheben konnten, da fehlt das hier. So ist Undertone prinzipiell en Kammerspiel, bei dem das Setting den Film über nahezu gleichbleibt. Dann und wann verlässt die Protagonistin den Raum, um sich um die kranke Mutter zu kümmern, die in einem anderen Zimmer im Bett liegt. Das war es aber auch schon. Das muss nicht zwangsläufig ein Problem sein. Es gibt reihenweise Genrebeiträge, die aufzeigen, dass man auch mit einem derart begrenzten Setting spannende Geschichten erzählen kann. Der Kultfilm Pontypool etwa, der ausschließlich in einer Radiostation spielt und an den das hier erinnert, ist ein Beispiel dafür.
Als Hörspiel spannend
Nur hat Regisseur und Drehbuchautor Ian Tuason, der mit Undertone sein Langfilmdebüt gibt, nicht genügend Ideen, um damit wirklich die gesamte Laufzeit zu füllen. Zumindest nicht genügend, die auch wirklich interessant sind. Mal wieder geht es um dämonische Wesen, die unwissentlich heraufbeschworen werden. Die Sache mit den rückwärts gespielten Nachrichten ist auch schon zu sehr abgenutzt. Dann und wann taucht zwar mal etwas auf, bei dem man denkt, dass es jetzt spannend wird. An einer Stelle etwa geht es darum, wie eine Frau als Mutter überfordert ist und dem Kind gegenüber gewalttätig zu werden droht. Doch der Film verfolgt diese Spuren nicht konsequent genug, weshalb die einzelnen Spuren dann auch zu nichts führen.
Dass das Horrorwerk, das 2025 auf dem Fantasia Film Festival Weltpremiere hatte, dennoch einen Blick wert ist, liegt an der Akustik. Schließlich hat Tuason seinen Debütfilm als eine Art Hörspiel angelegt, bei dem deswegen das Hören eine deutlich größere Rolle als das Sehen spielt. Und in der Hinsicht ist Undertone tatsächlich auch gelungen. Es wurde bei dem Film schon einiges in das Sound Design investiert. Das betrifft nicht nur die Audioaufnahmen, die den beiden zugesendet wurden. Auch bei den Telefonanrufen und den übrigen Szenen lohnt es sich, sich auf die Geräusche einzulassen und die Atmosphäre zu genießen. Als Horrorfilm mag das dann weniger spannend sein, als Sinneserfahrung jedoch schon.
OT: „Undertone“
Land: Kanada
Jahr: 2025
Regie: Ian Tuason
Drehbuch: Ian Tuason
Musik: Shanika Lewis-Waddell
Kamera: Graham Beasley
Besetzung: Nina Kiri, Adam DiMarco
Fantasia Film Festival 2025
Sundance 2026
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