
Man kann einen Berg bezwingen. Den eigenen Nachnamen aber eher nicht. Wer Messner heißt und ausgerechnet Bergsteiger wird, trägt einen Rucksack, der zunächst schwerer zu wiegen scheint als jede Expeditionsausrüstung. Veronika Kaserers Dokumentarfilm Simon Messner – Aus dem Schatten erzählt deshalb nur vordergründig von einer Erstbesteigung im Karakorum. Eigentlich geht es um einen Mann, der versucht, eine eigene Geschichte zu schreiben, obwohl die vorherige Generation das Genre bereits definiert zu haben scheint.
Schon während des Vorspanns formuliert Simon Messner den Konflikt mit dem Vater, der schließlich in einem vollständigen Kontaktabbruch mündete: „Hätte ich meine Leidenschaft, das Klettern, aufgegeben, dann gäbe es vielleicht diese Beziehung noch. Aber das wäre nicht ich selbst.“ Dieser Satz setzt den Ton. Denn natürlich begleitet Kaserer Simon Messner auch auf seine gemeinsam mit Martin Sieberer durchgeführte Expedition zum 6.754 Meter hohen Chumik Kangri im pakistanischen Karakorum. Doch der eigentliche Aufstieg findet im Inneren statt – zwischen Freiheitsdrang, der eigenen Rolle als frischgebackener Vater und dem übergroßen Erbe von Reinhold Messner.
Vielstimmiges Porträt
Die Regisseurin interessiert sich dabei erfreulich wenig für den klassischen Mythos des unerschrockenen Extrembergsteigers. Die majestätischen Bilder aus dem Karakorum sind beeindruckend, aber nie Selbstzweck. Stattdessen richtet der Film den Blick immer wieder auch auf die Menschen, die zuhause bleiben. Simon spricht mit seiner Mutter Sabine Stehle, seiner Schwester Magdalena Messner, seiner Partnerin Anna Maria Mokina. Aus diesen Gesprächen entsteht kein Heldenepos, sondern ein vielstimmiges Familienporträt über Angst, Verantwortung und die Frage, warum Menschen immer wieder dorthin aufbrechen, wo sie auch scheitern oder sogar sterben können.
Die vielleicht ehrlichste Erkenntnis formuliert Simon selbst: „Bergsteigen ist wahnsinnig egoistisch.“ Ein Satz, der wie ein Echo durch den gesamten Film hallt. Kurz vor der Expedition erschüttert die Nachricht vom Tod Laura Dahlmeiers im Karakorum die Bergsteigerszene. Wenige Wochen später verletzt sich Simon an der Schulter. Plötzlich bekommt die Unternehmung eine andere Schwere. Nicht mehr nur der Gipfel zählt, sondern auch die Rückkehr. Dass Simon Messner zum Zeitpunkt der Expedition erst seit sechs Monaten Vater ist, verleiht dieser Frage zusätzliche Dringlichkeit.
Verhältnis zum Vater
Besonders bemerkenswert ist dabei der Umgang des Films mit Reinhold Messner. Obwohl er selbst nicht auftritt – wie der Abspann verrät, lehnte er Interviewanfragen für den Film freundlich ab –, ist seine Präsenz spürbar. Überraschend ist jedoch, wie ausgewogen Kaserer diese Abwesenheit nutzt. Der Film verfällt nie in eine einfache Vater-Sohn-Abrechnung. Wenn im Gespräch mit der Schwester zur Sprache kommt, sein Vater habe ihm nach einem Bergunfall gesagt: „Du kannst es sowieso nicht. Also lass es“, wirkt das zunächst hart und die Enttäuschung Simon Messners verständlich. Doch je länger der Film dauert, desto deutlicher wird, dass hinter diesen Sätzen vermutlich auch dieselbe Angst stecken könnte, die auch seine Mutter seit Jahrzehnten begleitet. Kaserer lässt Raum für beide Perspektiven und macht gerade dadurch deutlich, wie kompliziert familiäre Beziehungen sein können.
Überhaupt liegt die Stärke des Films in seiner Bereitschaft, Widersprüche auszuhalten. Simon spricht – wie auch schon sein Vater, wie Archivaufnahmen zeigen – offen darüber, dass Bergsteigen beinahe einer Sucht gleiche und dass jeder Bergsteiger „ein bisschen schrullig“ sei. Er verklärt sein Leben nicht, sondern hinterfragt es. Gerade diese Selbstreflexion hebt Simon Messner – Aus dem Schatten wohltuend von vielen dokumentarischen Bergfilmen ab, die allzu oft nur das Spektakel feiern.
Mehr Raum für den Berg
Ganz frei von Schwächen ist der Film allerdings nicht. Im Mittelteil drehen sich manche Gespräche etwas zu häufig um dieselben Themen, wodurch die dramaturgische Spannung der Expedition gelegentlich ins Stocken gerät. Auch die eigentliche Besteigung entwickelt weniger erzählerische Wucht, als die Vorbereitung erwarten lässt. Manchmal hätte man sich gewünscht, Kaserer würde den Berg selbst stärker als erzählerischen Raum begreifen und weniger als Kulisse für Gespräche.
Dennoch gelingt Simon Messner – Aus dem Schatten ein kluges und sensibles Porträt eines Mannes, der sich weder vom Ruhm seines Vaters noch von den Erwartungen an den modernen Extrembergsteiger vollständig bestimmen lassen will. Es ist ein Film über Identität, Verantwortung und die Erkenntnis, dass der schwierigste Aufstieg manchmal nicht über Eis und Fels führt, sondern durch die eigene Familiengeschichte.
OT: „Simon Messner – Aus dem Schatten“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Veronika Kaserer
Buch: Georg Tschurtschenthaler, Veronika Kaserer
Musik: Ieva Marija Baranauskaite
Kamera: Martina Eisenreich, Michael Kadelbach
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