
„Wer einmal hier war, kommt immer wieder – oder nie“. Den Spruch kann man sicher auf eine ganze Reihe von Urlaubsrefugien anwenden. Aber für die Ostsee-Insel Hiddensee trifft er besonders zu. Mit ihrer langgezogenen Schönheit von 17 Kilometern und einer Schmalstelle von nur 250 Metern ist die kleine Schwester von Rügen Sehnsuchtsort und Projektionsfläche für Naturliebhaber, Künstler und Rebellen. Wenige kleine Dörfer, keine Autos und zauberhafte Strände zogen schon früh Menschen an, die eine Auszeit von der Hektik der Städte suchten. Und so kommt man aus dem Staunen kaum heraus, wenn Dokumentarfilmerin Annekatrin Hendel aus dem Off die Namen der Schriftsteller, Tänzerinnen, Musiker und Schauspielerinnen vorliest, die sich hier in die Sonne legten. Bert Brecht ist unter anderen dabei, Stummfilmstar Asta Nielsen und nicht zuletzt der Dramatiker Gerhart Hauptmann, der sich hier ein Haus baute. Die Regisseurin lässt die „Promis“ der Zwischenkriegszeit in kunstvollen Schwarz-Weiß-Bildern Revue passieren. Sie verwebt Gegenwart und Vergangenheit, Natur und Kultur, Kunst und Politik zu einer visuell ausgefeilten Collage.
Ein Glücksfall
Fotosession am Strand: Junge Models sind aus Berlin angereist und hüllen sich in lange, schwarz-weiße Gewänder, die Köpfe drapiert mit extravaganten Hüten. Ja, so könnte sie ausgesehen haben, die Berliner Avantgarde der 1920er-Jahre, die in Scharen herkam, um Seeluft zu schnuppern. Fotografin Beate Nelken, die die jungen Leute am Strand gruppiert, ist ein Glücksfall für den Film. Denn mit einem einzigen Bild spannt sie den Bogen über 100 Jahre Geschichte, nicht nur von Hiddensee, sondern von ganz Deutschland. Und fokussiert damit auf den Anspruch des Films, über den Tellerrand der Insel hinauszublicken, um individuelle Geschichten (unter anderem von einer 100-jährigen Inselbewohnerin) mit dem großen Ganzen zu verweben. Mit den „Goldenen Zwanzigern“, der Nazi-Diktatur, der DDR, der Wiedervereinigung und einem kommunalpolitischen Streit zwischen dem Bürgermeister und dem Pastor, der aktuell die Insel spaltet.
Annekatrin Hendel ist in Sachen Hiddensee natürlich nicht neutral. Sonst hätte sie den eingangs zitierten Spruch wohl kaum an den Beginn des Films gestellt. Sie zählte in den 1980ern zu den Ostberliner Teenagern, die auf der Insel ihre Freiheit entdecken. Hier sei es ideal gewesen „für uns Stromer, Mittellose, Möchtegern-Künstler“, schreibt sie in ihrem Regiekommentar. Die Punks der 1980 bilden die eine der drei Erzählebenen, die die Montage ineinander schichtet – die Konzerte der Band „Feeling B“ auf Hiddensee waren legendär. Die zweite Ebene wird von den hier urlaubenden oder hergezogenen Künstlern und Intellektuellen geprägt – dokumentiert in Fotos und künstlerisch verfremdet durch den Hiddenseer Puppenspieler Karl Huck. Der Dreh in der Gegenwart dreht sich vor allem um den Streit zwischen jenen, die den stillen Charme der Insel bewahren wollen – im Gegensatz zum Bürgermeister und seiner „Allianz für Hiddensee“, die in Sachen Kultur mehr auf Mainstream und „Ballermann“-Star Jürgen Drews stehen.
Formales Statement
Das kontraststarke Schwarz-Weiß ist quasi das einzige Statement des essayhaften, zu Assoziationen und urlaubstypischen Tagträumereien anregenden Films. Es wendet sich gegen das Bunte unseres hektischen Lebens, zieht uns weg vom Geflimmer der Bildschirme, konzentriert sich auf das Wesen der Dinge. Ansonsten bezieht der Film nicht explizit Stellung, weder zu der politischen Spaltung der Insulaner noch zur Überlebensstrategie eines Gerhart Hauptmann in der Nazi-Zeit. Die Machart des Films kommt eher einem Urlaubsgefühl gleich, selbst wenn sie alles andere als Tourismuswerbung oder gängige TV-Bildungsformate anklingen lässt. Kamera und Montage schaffen Luft zum Atmen, schalten einen Gang zurück und setzen Gedanken frei, die nur in Ruhe gedeihen können. Visuell ist „Hiddensee“ der opulenteste und schwelgerischste Dokumentarfilm von Annekatrin Hendel geworden, die sich seit ihrem Debüt „Vaterlandsverräter“ (2011) intensiv mit verschiedenen Facetten ostdeutscher und gesamtdeutscher Geschichte auseinandersetzt.
Die essayistische Formsprache hat allerdings auch eine Kehrseite. Vieles wird nur angerissen, Personen sind nicht immer klar zuzuordnen, die Sprünge zwischen den Zeitebenen verdunkeln den aktuellen Konflikt der Gegenwart. Vor allem über die politische Ausrichtung von Bürgermeister Thomas Gens erfährt man wenig. Erst „Wikipedia“ enthüllt, dass er Funktionär der rechtsgerichteten Deutschen Volksunion gewesen sein soll, dann aus der CDU austrat und die Partei „Achtsame Demokraten“ gründete. Aber es gehört eben auch zum Wesen der essayistischen Betrachtung, dass Fragen offen bleiben, die nach dem Filmbesuch zu weiterer Recherche anregen.
OT: „Hiddensee“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Annekatrin Hendel
Drehbuch: Annekatrin Hendel
Musik: Flake
Kamera: Martin Farkas, Annekatrin Hendel
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