
Yasujiro Ozu gehört neben Akira Kurosawa (Kagemusha – Der Schatten des Kriegers) und Kenji Mizoguchi (Sansho Dayu – Ein Leben ohne Freiheit) zu den Großmeistern des japanischen Kinos und des Weltkinos überhaupt. Ozus Einfluss auf Regisseure wie Wim Wenders (Perfect Days), Hou Hsiao-hsien (Millennium Mambo) oder Hirokazu Kore-eda (Shoplifters – Familienbande) ist enorm, weshalb er in Interviews und Making-ofs immer wieder als eine der wichtigsten Inspirationsquellen genannt wird. Dies ist nicht zuletzt deshalb bemerkenswert, weil Ozu im Gegensatz zu Kurosawa oder Mizoguchi weder Historienfilme noch Film noirs drehte, sondern sich auf stille Familiendramen und Komödien konzentrierte – etwa Der einzige Sohn, Später Frühling, Der Geschmack von grünem Tee über Reis oder Früher Frühling, um nur einige Beispiele zu nennen. Wie kaum ein anderer Filmemacher entwarf Ozu damit ein intimes Porträt des Nachkriegsjapans, seiner Gesellschaft, seiner Politik und seiner aufstrebenden Wirtschaft, die nach und nach traditionelle bürgerliche Werte veränderte. Nicht zuletzt seine Darstellung von Themen wie Nationalismus, Konformismus und Gruppenzwang macht seine Filme zu zeitlosen Meisterwerken. Obwohl seine Bedeutung für das Weltkino unbestreitbar ist, galten seine Filme – ähnlich wie die von Mizoguchi und Kurosawa – lange Zeit als altmodisch und überholt. Erst zu Beginn der 1980er Jahre entdeckte eine neue Generation von Filmemachern sein Werk wieder und fand darin eine wichtige Inspirationsquelle. In seiner Dokumentation The Ozu Diaries, die zuletzt auf der Nippon Connection 2026 zu sehen war, erzählt Regisseur Daniel Raim daher nicht nur von Ozus Leben, sondern betont auch dessen Bedeutung für das Kino damals und heute. Wie der Titel bereits andeutet, stützt sich Raim dabei vor allem auf Ozus Tagebücher aus den Jahren 1933 bis 1963. Darüber hinaus kommen Weggefährten wie Drehbuchautor Kogo Noda durch Archivaufnahmen zu Wort, ebenso wie einige der bereits erwähnten Regisseure, darunter Luc Dardenne (Das unbekannte Mädchen), Tsai Ming-liang (Days) und Kiyoshi Kurosawa. Unter der Oberfläche Wenn man jemanden wirklich kennenlernen will, muss man hinter die Fassade blicken. In Kiyoshi Kurosawas Filmen – Thrillern wie Creepy, Horrorfilmen wie Cure oder Dramen wie Tokyo Sonata – enthüllt er gemeinsam mit dem Zuschauer nach und nach, was sich hinter der Oberfläche einer Familie oder eines freundlichen Nachbarn verbirgt. Man könnte meinen, diese Werke hätten wenig mit Ozus Tokio in der Dämmerung, Sommerblüten oder Spätherbst gemeinsam, doch gerade in diesen Filmen entdeckte Kurosawa während seiner Zeit an der Filmschule jenen Kern, der bis heute seine eigenen Arbeiten prägt. Die Harmonie eines Familienessens, eines Gesprächs in einer Bar in Shibuya oder das Lächeln einer jungen Frau verweisen auf Konflikte und Dramen, die sich entweder in den Menschen selbst oder hinter verschlossenen Türen abspielen. Es sind feine Nuancen im Mienenspiel, im Schweigen der Figuren oder in der Tatsache, dass sich das nächste Bild auf ein scheinbar banales Detail konzentriert, die verdeutlichen, dass hier weitaus mehr geschieht, als man zunächst vermuten würde. Auch der Tod ist in Ozus Bildern allgegenwärtig. Vielleicht ist er ein Überbleibsel des verlorenen Krieges, der Bomben auf Hiroshima und Nagasaki, die wie ein Schatten über den Figuren seiner Filme liegen. Paradoxerweise ermöglicht er ihnen jedoch zugleich eine Rückkehr ins Leben, wie Kiyoshi Kurosawa in The Ozu Diaries schildert. Ozus Werk wird dadurch zu einer Fundgrube und keineswegs zu einem historischen Relikt, wie viele seiner Kommilitonen in den 1980er Jahren noch meinten. In seinen Filmen findet sich etwas, das die japanische Identität in all ihren Facetten und Widersprüchen widerspiegelt. Nichts sagt mehr als nichts Neben den Eindrücken, die man als Zuschauer aus den Interviews in The Ozu Diaries mitnimmt, liefert die Dokumentation faszinierende Einblicke in Ozus Philosophie. Obwohl Raim das Leben des Filmemachers chronologisch nacherzählt, transzendiert seine Dokumentation die Grenzen gewöhnlicher filmischer Biografien. Ein Beispiel hierfür ist das Konzept des „Nichts“ beziehungsweise der „Leere“. Dieses verweist auf eine Legende, nach der Ozu bei dem Besuch eines Tempels von einem Mönch mit dem Zeichen für „Nichts“ beschrieben wurde. Diese Idee wurde nicht nur zu einer Lebensphilosophie des Regisseurs, sondern auch zu einem ästhetischen Prinzip, das sich beispielsweise in seinen Bildern von Orten, Gegenständen oder leeren Räumen wiederfindet. Nicht zuletzt machte dies Setsuko Hara zu einer idealen Darstellerin für Ozu, da sie es verstand, Emotionen und Konflikte mit äußerster Zurückhaltung und nur durch Andeutungen auszudrücken. Vergleicht man dies mit den oftmals sehr lauten Familiendramen, die heute in Fernsehen, Kino oder auf Streaming-Plattformen in großer Zahl zu sehen sind, muss man zwangsläufig feststellen, dass die Kunst noch immer viel von Ozus Dramaturgie des Nichts lernen kann. OT: The Ozu Diaries Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.
Land: USA
Jahr: 2025
Regie: Daniel Raim
Kamera: Koichi Furuya
Musik: Dave Lebolt
(Anzeige)







