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Das unbekannte Maedchen DVD

„Das unbekannte Mädchen“ // Deutschland-Start: 15. Dezember 2016 (Kino) // 21. April 2017 (DVD/Blu-ray)

Nicht mehr lang und ein Traum wird für Jenny Davin (Adèle Haenel) wahr: Sie wird in einer angesehenen und modernen Privatklink anfangen. Bis es so weit ist arbeitet die junge Ärztin aber noch als Vertretung in einer Hausarztpraxis in einem sozial prekären Viertel der belgischen Stadt Seraing. Als es eines Abend an der Tür klingelt, untersagt sie ihrem Praktikanten Julien (Olivier Bonnaud), die Tür zu öffnen. Schließlich sei die Praxis bereits seit einer Stunde geschlossen. Am nächsten Tag muss sie jedoch erfahren, dass eine junge Frau tot aufgefunden wurde, eventuell sogar ermordet – eben jene Frau, die bei ihr vergeblich geklingelt hatte. Von Schuldgefühlen getrieben macht sich Jenny daraufhin auf die Suche, wer die Unbekannte ist und ein anonymes Begräbnis zu verhindern …

Meister des Sozialdramas

Die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne gehören neben Ken Loach zu den Aushängeschildern des europäischen Sozialdramas. Seit ihrem Debüt 1986 mit Falsch haben sie viele Male die Gesellschaft auf unterschiedlichste Weise seziert und wurden damit zu absoluten Kritikerlieblingen. Für Rosetta (1999) und Das Kind (2005) erhielten sie jeweils die Goldene Palme in Cannes, was die beiden Belgier zu zwei der wenigen Künstler macht, denen das gelungen ist. Und auch international erhielten ihre Werke viel Aufmerksamkeit. Zwei Tage, eine Nacht (2014) brachte Hauptdarstellerin Marion Cotillard sogar eine Oscar-Nominierung ein, was bei fremdsprachigen Filmen noch immer eine absolute Ausnahmeerscheinung ist.

Bei dem 2016 erschienenen Folgewerk Das unbekannte Mädchen waren die Reaktionen weniger euphorisch. Ein Grund: Die Dardennes nahmen ihr Markenzeichen des Sozialdramas und verbanden das mit Genreanleihen. Zunächst ist bei dem Film jedoch alles beim Alten, wenn wir der jungen Ärztin bei ihrer Arbeit zusehen. Kompetent, ruhig, aber doch mit Einfühlungsvermögen begegnet sie den Menschen in der Praxis oder bei den Hausbesuchen, versucht für diese da zu sein, selbst wenn das nicht immer einfach sein sollte. Nur zweimal sehen wir, wie ihre eigenen Gefühle ihre Professionalität herausfordern: Bei einem kranken Jugendlichen, der auf rührende Weise seine Dankbarkeit ausdrückt, und bei dem besagten Klingeln, das sie ihrem Praktikanten zu ignorieren aufträgt.

Eine Ärztin als Hobbydetektivin

Diese Schlüsselszene mit den tragischen Folgen führt nicht nur zu einer Veränderung in der Protagonistin. Sie führt auch zu einer Veränderung des Films selbst. So verschwinden zwar die Einblicke in das Leben der Unterschicht nicht. Beispielsweise erfahren wir mehr über den Jungen Bryan (Louka Minnella) und dessen Eltern (Jérémie Renier, Christelle Cornil). Doch das geht mit einer Art Krimihandlung einher. Jenny hat es sich in den Kopf gesetzt, die Identität der Toten herauszufinden und dabei auch, was mit ihr in dieser Nacht geschehen ist. Und dafür beweist sie in Das unbekannte Mädchen detektivische Fähigkeiten, begibt sich an den Tatort, befragt die Leute oder ermittelt in einem Internetcafé. Dabei überschreitet sie schon auch mal Grenzen und wird zu einer dieser Schnüffelnasen, die sich überall einmischen und die wir aus diesem Genre kennen.

Als Idee ist das interessant, gerade auch um sich von der Formel des Sozialdramas zu lösen. Das Ergebnis überzeugt aber nur zum Teil. So hat Jenny trotz mancher Rückschläge einen geradezu unwirklichen Erfolg bei ihrer Nebenbeschäftigung. Nur mit einem Foto der Toten bewaffnet löst sie am Ende ganz allein den Fall. Dabei ist es nicht einmal so, dass diese Auflösung nennenswerte Erkenntnisse mit sich bringen würde. Das unbekannte Mädchen wird an der Stelle schon recht willkürlich und sucht ein allzu sauberes Ende für eine komplexe Situation mit komplexen Themen, welche neben persönlicher Verantwortung auch Prostitution und die Situationen von Immigranten enthalten.

Aktuelle Themen mit starker Besetzung

Und doch, die Fragen, welche die Dardennes in Das unbekannte Mädchen stellen, sind ebenso spannend wie wichtig. Gerade die Überlegungen zu einem gesellschaftlichen Zusammenhalt sind Jahre später kein bisschen weniger aktuell geworden. Außerdem fanden sie in Adèle Haenel (Porträt einer jungen Frau in Flammen) eine der begehrtesten Nachwuchsschauspielerinnen Frankreichs. Das ist auch deshalb wichtig, weil Jenny unentwegt im Mittelpunkt steht. Da gibt es keine Szene, in der sie nicht zu sehen ist. Haenel tritt dabei mit einer Mischung aus Sachlichkeit und Sensibilität auf. Ihre Figur ist durchweg sympathisch, aber nicht ohne Ambivalenz, wenn sie sich von niemanden vom Weg abbringen lässt. Auch wenn man den nicht ganz impliziten Appell, sich im Leben und der Gesellschaft einzumischen, nicht unbedingt teilen muss, lohnt es sich doch, über all das Gezeigte nachzudenken.

Credits

OT: „La Fille Inconnue“
IT: „The Unknown Girl“
Land: Belgien, Frankreich
Jahr: 2016
Regie: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Drehbuch: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Musik: François Petit
Kamera: Alain Marcoen
Besetzung: Adèle Haenel, Olivier Gourmet, Jérémie Renier, Louka Minnella, Christelle Cornil, Olivier Bonnaud

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
César 2017 Bester ausländischer Film Nominierung
Prix Lumières 2017 Bester französischsprachiger Film Nominierung

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Das unbekannte Mädchen
In „Das unbekannte Mädchen“ schickt eine junge Ärztin jemanden weg, der nach Praxisschluss klingelt, und erfährt, dass sie damit indirekt Schuld an dem Tod der Person hatte. In dem Film kombinieren die Dardenne-Brüder das von ihnen gewohnte Sozialdrama mit Krimianleihen. So ganz rund ist die Mischung nicht, aber doch mit interessanten Themen und einer überzeugenden Hauptdarstellerin.
7von 10
Leserwertung: (6 Votes)
4.9

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Eine Antwort

  1. Martin Zopick

    Hyppokrates und die moralische Verantwortung.

    Die junge Ärztin Jenny Davin (Adèle Haenel) hatte ihre Praxis bereits geschlossen, als eine junge Frau klingelt. Sie öffnet nicht und erfährt am nächsten Tag, dass man ihre Leiche gefunden hat. Bedenken und Gewissensbisse veranlassen Jenny zu recherchieren. Und obwohl sie anfangs auf eine Mauer des Schweigens trifft, eröffnen sich ihr immer weitere Kontakte. Es bilden sich um den Plot mehrere konzentrische Kreise, die erkennen lassen, dass man sich kennt und dass das Mädchen nicht so unbekannt war, wie es der Titel verspricht. Der Zuschauer wird nur mit sehr sparsamen Informationen versorgt: an der Tür klingelte eine Farbige junge Frau. Jenny trifft über ihre Patienten auf einige Leute, die sie kannten. Ein Sozialdrama, das von einem Unfalltod losgetreten wird. Es geht vorrangig nicht so sehr um Mördersuche oder Aufklärungsarbeit, sondern um ein tragisches Aufeinandertreffen von meistens abseits des Mainstreams agierender Zufälle. Im Halbdunkel von Illegalität und Immigration reichen die Wellen, die dieser Fall aufwirft bis zur eigenen Verwandtschaft.
    Nur gelegentlich flackert latente Gewalt auf. Bei einem morphinabhängigen Vater (Jérémie Renier) etwa oder beim Verleiher von Campinganlagen (Olivier Gourmet). Komischerweise ist fast jeder bemüht, die Identität und den Namen des Mädchens geheim zu halten. Erst ganz am Ende erfahren wir sogar von zwei Namen des unbekannten Mädchens.

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